Von Daniel Rettig
Köln - Das sieht man an Universitäten selten: Schon eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn drängeln sich Studenten vor verschlossenen Hörsaaltüren und wollen hinein - Donnerstagabend an der Kölner Universität. Anlass des Ansturms war jedoch keine reguläre Vorlesung, sondern die Visite zweier Legenden: Die Ökonomie-Nobelpreisträger Reinhard Selten und John Forbes Nash diskutierten erstmals gemeinsam auf einer Bühne. Dem VWL-Professor Axel Ockenfels war es gelungen, die beiden für ein Symposium zum Thema "Spieltheorie und Experimentelle Wirtschaftsforschung" nach Köln zu locken.
Einem breiten Publikum bekannt geworden ist der 78-jährige Nash vor allem durch "A Beautiful Mind", die Verfilmung seines Lebens mit Russell Crowe in der Hauptrolle - der Streifen gewann 2002 vier Oscars, unter anderem für den besten Film. Thematisiert wird darin der Weg des Mathe-Genies vom Außenseiter-Studenten in Princeton zum Nobelpreisträger, Nashs eigenbrötlerische Art und seine Krankheit. Schizophrenie. Es heißt, er sei geheilt.
1994 wurden Nash, Selten und der Amerikaner John C. Harsanyi für ihre Arbeiten zur Spieltheorie mit dem Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Ockenfels zeigte den verblüfften Studenten das Dokument, das Nash den Preis verschaffte - die entscheidende Stelle passt auf eine Seite. Nashs gesamte Doktorarbeit hatte eine Länge von 28 Seiten. Auch Wissenschaftler müssen also nicht immer viel schreiben, um Renommee zu erlangen.
Man kann die Spieltheorie sehr kompliziert oder schlicht zusammenfassen. Eine Möglichkeit: Die Spieltheorie erklärt Situationen, in denen das Ergebnis für alle Teilnehmer von den Entscheidungen der anderen abhängt. Oder: Die Spieltheorie ist die Theorie ökonomischen Verhaltens für strategische Entscheidungssituationen, so genannte Spiele. John Nash liefert in der Kölner Aula eine einleuchtende Beschreibung - am Beispiel eines Elfmeters. Dabei hat der Elfmeterschütze drei Möglichkeiten: nach links, nach rechts oder in die Mitte schießen. Genauso der Torwart: nach links springen, nach rechts springen oder stehen bleiben. Diese Situationen, in denen sich beide Spieler gleichzeitig entscheiden müssen und ihr Erfolg auch von der Entscheidung des anderen abhängt, analysiert die Spieltheorie mit komplexen mathematischen Modellen. Nashs Erklärung erntet Beifall.
Nash schaut verloren und erhält Applaus
Das Mathematik-As John Nash ist kein Mann für die große Bühne. Die meiste Zeit guckt er verloren in der Gegend herum - als wüsste er nicht so genau, was er hier eigentlich soll. Skeptisch prüft er sein Fläschchen Mineralwasser oder knibbelt an seinem kleinen Empfänger herum, aus dem ihm in der nächsten Stunde die teils recht absurden Fragen der Studenten übersetzen werden. Darunter: "Welche Rolle spielt die Spieltheorie in Ihrem Privatleben? Wäre die Welt perfekt, wenn sie voller Spieltheoretiker wäre?" Auf die meisten der Fragen antwortet Nash gar nicht. Man fragt sich, ob er überhaupt hinhört. Er stützt lieber das Kinn auf seine Hände.
Wenn Nash mit leiser Stimme antwortet, dann kurz und bündig. Ein Student will wissen, was Selten und Nash für das dringendste ökonomische Problem halten. Nachdem Selten die Arbeitslosigkeit nennt, blickt alles auf Nash. Er schaut gedankenverloren in den Raum und nennt dann die globale Erwärmung. Kunstpause. "Aber wissen Sie, das ist nicht einfach." Nicht besonders wissenschaftlich, dieser Satz. Nash lächelt jetzt zum ersten und einzigen Mal. Der Saal applaudiert. Welche seiner Arbeiten er für besonders wertvoll hält, wird Nash gefragt: "Ob meine Beiträge wertvoll sind, das sollen andere beurteilen." Wieder Applaus.
Und natürlich kommt sie irgendwann, die unvermeidliche Frage nach "A Beautiful Mind". Ob er den Film denn gut gefunden habe. "Diese Frage will ich nicht beantworten. Das würde uns zu weit weg vom Thema führen." Der Applaus fällt noch lauter aus. Offenbar sind die meisten nicht hier, weil sie "A Beautiful Mind" kennen. Sondern weil sie einmal John Nash erleben wollen.
Am Ende der Veranstaltung muss Nash Autogramme geben. Studenten zücken ihre Handys und machen Fotos von ihm. Nash fühlt sich sichtlich unwohl, nach ein paar Minuten bricht er die Autogrammstunde wortlos ab. Ein Mädchen will sogar ein Foto mit ihm machen, Nash willigt ein. Dann schlurft er mit Ockenfels und Selten aus der Aula heraus. Er schaut immer noch so, als wüsste er nicht, was er hier soll. Zumindest hat er gezeigt, dass man nicht viel sagen muss, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Es reicht, eine Mathematik-Legende zu sein.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Studium | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH