Der Hörsaal P10 an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität am Montagabend: 10 bis 15 Neonazis versuchen, sich Zugang zu verschaffen, Studenten verbarrikadieren die Türen von innen. Am Rednerpult steht Hannes Heer, Historiker, Literaturwissenschaftler und Publizist. Er will einen Vortrag halten zum Thema "Das Dritte Reich des Guido Knopp. Vom medialen Umgang mit der Nazivergangenheit".
Heer wird über das "Geschichtsfernsehen" im ZDF sprechen. Nach seiner Auffassung sind Knopps Dokumentationen zu distanzlos; es sei wieder gesellschaftsfähig geworden, Adolf Hitler als alleinigen Verursacher und Täter des Nationalsozialismus darzustellen - und damit die Deutschen aus der Verantwortung zu entlassen. Mehr als 200 Besucher sind gekommen, um mitzudiskutieren.
Dann hallen Rufe der Neonazis durch die Flure. Geschichtsstudent Daniel Ohl berichtet: "Ich war zu der Zeit in einer Übung, die Parolen konnte man durchs ganze Haus hören. National, sozial, so etwas – genau verstehen konnte man das nicht." Laut Polizei bleibt es bei Beleidigungen, körperlich angegriffen wird niemand. Als die 32 Beamten an der Uni ankommen, löst sich die Gruppe auf. Hannes Heer setzt seinen Vortrag fort. Zwei 22-jährige Männer aus dem rechtsextremen Spektrum seien erkannt worden, so ein Polizeisprecher; sie seien aber nicht festgenommen worden, weil es nicht zum Einsatz von Gewalt gekommen sei.
Für den Redner des Abends ist das beleibe nicht die erste Begegnung mit Rechtsextremen. Hannes Heer wurde vor allem als Leiter der heftig umstrittenen Wehrmachtsausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" bekannt. Die Wanderausstellung wurde das erste Mal im März 1995 gezeigt. Danach hatten immer wieder Neonazis dagegen demonstriert und im März 1999 Rechtsradikale in Saarbrücken sogar einen Bombenanschlag auf die Ausstellung verübt. Verletzt wurde damals niemand.
Die Organisatoren des Vortrags an der Uni Mainz, der Asta und das "Bündnis 9. November", vermuten, dass sie Neonazis am Montag die Veranstaltung "sprengen" wollten. Der stellvertretende Asta-Vorsitzende Urs Prochnow sagte SPIEGEL ONLINE, mit einer solchen Aktion habe niemand gerechnet. Es habe weder Drohungen noch Hinweise gegeben, sonst hätte man zum Beispiel einen Sicherheitsdienst organisiert.
smv/dpa
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