Bei Christoph Schmitz muss es von allem etwas mehr sein: Er jobbte in Uganda bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und im US-Bundesstaat North Carolina beim Logistik-Riesen Schenker; im heimischen Hennef bei Bonn organisierte er den kommunalen Wahlkampf für die CDU. Seine erste Firmengründung, eine kleine Unternehmensberatung, lag da schon ein paar Jahre zurück.
Schmitz ist 25 und kann sich demnächst mit drei Studienabschlüssen schmücken. Den US-amerikanischen Master of Business Administration (MBA) hat er bereits in der Tasche, zurzeit sitzt er an der Technischen Universität Dresden an seiner Diplomarbeit in BWL. Außerdem will er noch das Wirtschaftsdiplom von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg mitnehmen, wo er vor seinem Uni-Studium eingeschrieben war. "Wäre doch schade, wenn das FH-Studium umsonst gewesen wäre", meint Schmitz.
Zusatzqualifikationen zählen
Nicht alle Studenten an deutschen Unis sind Turbo-Akademiker wie Schmitz. Doch sie sind besser als ihr Ruf. Die erste große sozialwissenschaftliche Untersuchung zur Qualifikation der heutigen Hochschülergeneration, der "Studentenspiegel", zeigt: Das überlaufene, unterfinanzierte Uni-System bringt durchaus leistungsstarke Absolventen hervor. Und vor allem: Mehr denn je arbeiten sie schon während des Studiums daran, ihre Chancen auf dem Jobmarkt durch Praktika, Auslandsaufenthalte und Zusatzqualifikationen zu mehren.
Doch die jungen Gescheiten, Kreativen und Innovativen unter den Studenten, die künftigen Top-Manager oder vielleicht gar Nobelpreisträger - sie sind nicht gleichmäßig über die Unis verteilt. Beinahe unbemerkt haben sich einzelne Hochschulen und Fachbereiche an die Spitze abgesetzt. Andere bringen kaum mehr als solides Mittelmaß hervor, einige scheinen schon heute abgehängt im Wettbewerb um die klügsten Köpfe.
Die mit über 50.000 Teilnehmern weltweit größte Online-Befragung von Studenten, die der SPIEGEL im Sommersemester 2004 gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey und dem Internet-Provider AOL durchführte, zeichnet ein neues Bild der künftigen Akademiker-Generation. Gleichzeitig kartiert sie die Universitätslandschaft zwischen Kiel und Konstanz neu: Jeder kann jetzt sehen, wo die besten Kommilitonen studieren.
So bietet der "Studentenspiegel 1" die Grundlage für eine ganz neue Art des Hochschul-Rankings. Bisher standen bei Uni-Ranglisten stets die Lehranstalten auf dem Prüfstand: Verglichen wurden die Forschungsleistungen, gemessen an der Zahl der Veröffentlichungen, dem Renommee der Professoren oder der Menge eingeworbener Drittmittel. Oder aber die Studenten waren aufgefordert, die Qualität der Lehre an ihrem Studienort zu bewerten. Diesmal jedoch sind erstmals die Hochschüler selbst die Studienobjekte. Die zentralen Ergebnisse:
Das Licht Germaniens
Am Neckar begrüßt zu Semesteranfang der Hochschulchor die Neuankömmlinge schon mal leicht ironisch mit Versen aus einem Liederbuch, das 1886 zur 500-Jahr-Feier erschienen war, und preist die Uni als "Lux Germaniae divina", als göttliches Licht Germaniens.
Wie in Heidelberg sind derzeit auch andere Universitäten - in Berlin, München, Aachen oder Hamburg-Harburg - eifrig um das Image des Elitären bemüht. Die SPIEGEL-Studie bildet die Hochschullandschaft zu einem Zeitpunkt ab, da sie im größten Umbruch seit der Bildungsexpansion der sechziger Jahre begriffen ist. Allzu offensichtlich ist inzwischen geworden, dass die Unis, einst exklusive Stätten höherer Bildung, dem Andrang der Massen nicht standgehalten haben - der Ausbau in die Breite ging vielerorts zu Lasten der Qualität.
Das soll nun anders werden. Zwar werden in fast allen Bundesländern die ohnehin knappen Uni-Etats zusammengestrichen, zwar balgen sich die Studenten mehr denn je in maroden Seminarräumen um die knappen Plätze - für einen Bereich jedoch ist plötzlich Geld da: Die Förderung der Besten steht ganz oben auf der Agenda von Politik und Wissenschaft. Erfolgsverwöhnte Unis wie Heidelberg sehen sich längst als heiße Kandidaten für jenen Wettbewerb, an dessen Ende Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn Deutschlands neue Elite-Hochschulen küren will.
"Klar erkennbare Leuchttürme"
"Unsere Gesellschaft braucht Eliten", hatte Gerhard Schröder schon zu Beginn seiner Amtszeit als Bundeskanzler verkündet. Anfang dieses Jahres präsentierte seine Partei denn auch ihr Programm zur Förderung von Spitzenuniversitäten. "Klar erkennbare Leuchttürme" will Schröders Genossin Bulmahn fortan aus der Bildungslandschaft ragen lassen.
Insgesamt 1,9 Milliarden Euro will die Ministerin zusammen mit den Ländern für die neuen Exzellenzzentren aufbringen. Dass dabei ein deutsches Harvard herauskommt, glaubt niemand mehr - dazu sind die anvisierten Finanzspritzen zu gering: Die renommierte US-Hochschule in Cambridge bei Boston verfügt nicht nur über ein Jahresbudget von 2,5 Milliarden Dollar, sondern darüber hinaus auch noch über ein Stiftungsvermögen von knapp 20 Milliarden Dollar.
Ob Bulmahns Elite-Gelder wie geplant ab 2006 fließen, soll sich erst im Dezember entscheiden, wenn die Föderalismuskommission ihre Empfehlungen vorlegt. Der Wettstreit ist längst in vollem Gange. Schon heute wählt die Elite mit Bedacht den Studienort, das beweist das SPIEGEL-Ranking. Begehrt sind einige der Privatuniversitäten, doch auch staatliche Großeinrichtungen wie die TU München.
Auswahlgespräche senken Abbrecherquoten
Wie kaum eine andere staatliche Hochschule in Deutschland setzt die TU München schon jetzt konsequent um, was Hochschulreformer fordern. So sucht die Uni sich seit dem Jahr 2000 in vielen Fächern ihre Studenten selbst aus. Wer seinen Studienwunsch in einem Auswahlgespräch begründen muss, so die Erfahrung, setzt sich intensiver damit auseinander und bricht das Studium dann später nicht so schnell ab.
Auch in BWL, Jura und Medizin liegen jene Unis ganz vorn, die ihre künftigen Schützlinge schon vor der Immatrikulation genau unter die Lupe nehmen: Die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar, die Hamburger Bucerius Law School und die Universität Witten/Herdecke belegen jeweils erste Plätze - allesamt private Ausbildungsstätten. Wer an einer der kostenpflichtigen Kaderschmieden studieren will, muss seine Eignung in aufwendigen Auswahlverfahren unter Beweis stellen.
Viele staatliche Universitäten zwingt derzeit allein der Ansturm der Bewerber zur Vorauswahl - wenn auch bislang meist nur über die Abiturnote. In Freiburg etwa sorgt noch die ZVS im Fach Psychologie dafür, dass nur die Leistungsbereiten kommen. Zurzeit liegt der Numerus clausus bei 1,0. Auch die extrem niedrige Abbrecherquote unter den Studenten ist ungewöhnlich: 80 Erstsemester gehen pro Jahr in Freiburg an den Start, 70 machen einen Abschluss.
Schnell trotz Praktika und Auslandsstudium
Die besten Studenten, das zeigt der Studentenspiegel, sind mobil und studieren schnell. Im Schnitt bringen die Top-10-Prozent ihr Studium in rund neun Semestern hinter sich (bundesdeutscher Schnitt: 11 Semester) - und das, obwohl mehr als 90 Prozent einen Auslandsaufenthalt in ihre Ausbildung einbauen.
Doch auch der deutsche Durchschnittsstudent hat sich mit der Tatsache arrangiert, dass die Lehranstalten allein nicht bieten können, was für einen erfolgreichen Start ins Erwerbsleben nötig ist. Wie wichtig gerade bei einem oftmals als praxisfern kritisierten Uni-Studium der Kontakt zur Jobwelt ist, haben viele Studierende erkannt. So macht etwa der durchschnittliche BWL-Student im Laufe seines Studiums mindestens zwei Praktika, lediglich 15 Prozent leisten sich gar keinen Ausflug in die Arbeitswelt.
Gerade an Massenuniversitäten wie Berlin oder Köln zählt Eigeninitiative. An kleinen Privathochschulen wie der Bucerius Law School oder der WHU kennen die Professoren ihre Studiosi meist mit Namen. Doch wen es in die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung der Universität Köln verschlägt, der muss sich schon etwas einfallen lassen, um den Professoren im Gedächtnis zu bleiben.
Rund 8700 Studenten sind dort an der größten wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät Deutschlands eingeschrieben. Dennoch zählen hier rund zwölf Prozent der Volkswirtschaftler zur bundesweiten Spitzengruppe.
Überall grübeln die Bildungspolitiker derzeit, wie sich die in Deutschland verstreuten Talente am besten entfalten lassen. Weder Unis noch Fachbereiche, sondern einzelne Studenten zu fördern ist das Ziel der Studienstiftung des deutschen Volkes. Derzeit betreut dieses größte und älteste der Begabtenförderungswerke in Deutschland rund 6000 Hochbegabte.
Die Studienstiftung will zusätzlich zu einer "virtuellen Universität" laden: "Wir wollen die Besten zusammenbringen", erklärt Generalsekretär Gerhard Teufel. Elite-Förderung sei nicht davon abhängig, dass eine bestimmte Hochschule zur Elite-Universität erklärt wird, sondern hänge in erster Linie von der Exzellenz der Studenten ab.
Jan Friedmann, Julia Koch, Joachim Mohr
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