Der Sommer der Proteste gegen die Studiengebühren ist längst vorbei, und auch Hessens Landtag hat die sogenannten Studienbeiträge beschlossen. Mit einer "Verfassungsklage von unten" wollen Studenten das Gesetz zu Fall bringen und sammeln dafür Unterschriften. Unterdessen leben die Protestaktionen in Hessen wieder auf - im Kino. Der Filmemacher Martin Keßler hat die Bilder des Sommers in einem Dokumentarfilm festgehalten. "Kick it like Frankreich - der Aufstand der Studenten" heißt sein Werk.
Schon der etwas großspurige Titel soll die massiven französischen Studentenproteste als Vorbild darstellen und den deutschen Gebührengegnern eine neue Militanz nach französischer Manier attestieren. Keßler macht keinen Hehl daraus, auf wessen Seite er steht. Seit Mai war der Filmemacher bei den hessischen Protesten dabei und verfolgte alle studentischen Aktionen mit seiner Kamera: Von Kämpfen mit der Polizei über die Blockade der Autobahn A 66 bis hin zur Besetzung des hessischen Wissenschaftsministeriums am Morgen des 5. Juli hielt er sämtliche Höhepunkte fest. "Das waren interessante Anfänge", meint Keßler.
Dokumentation als Animation
"Ich hatte diverse Male Gänsehaut", so Amin Benaissa, der Frankfurter Asta-Vorsitzende und Mitorganisator der Proteste, "das waren schon sehr, sehr tolle Erlebnisse." Premiere hatte der Film Mitte November in Frankfurt. Prompt gerieten die rund 650 Kinobesucher in Rage, als sie sich selbst und die Demonstranten in anderen hessischen Städten auf der Leinwand sahen: Direkt nach der Premiere setzte sich ein Demozug in Bewegung; 300 Studenten besetzten Kreuzungen, feuerten Feuerwerkskörper ab, warfen Mülltonnen um und demolierten Autos. Zu ganz ähnlichen Szenen kam es Mitte Dezember in Marburg. Auch dort zogen 300 Studenten mit Trillerpfeifen durch die Stadt und blockierten Straßen.
Als Filmemacher und Journalist arbeitet Martin Keßler, 53, unter anderem für ARD, ZDF und Arte. Seit 2001 ist er Lehrbeauftragter an der Universität Marburg. "Kick it like Frankreich" gehört zu seinem Projekt "Neue Wut", eine Langzeitbeobachtung über soziale Proteste in Deutschland.
Im ersten Teil ging es um den Arbeitskampf bei Opel in Bochum und Hartz-IV-Proteste. Für den zweiten Teil filmte Keßler, immer nah am Geschehen, von Mai bis Oktober 2006 die Aktionen hessischer Studenten. Proteste gegen Studiengebühren gab es im Sommer und im laufenden Wintersemester auch in anderen Bundesländern, nirgendwo allerdings so radikal wie in Hessen mit den Autobahn- und Bahnhofsblockaden.
In "Kick it like Frankreich" kommen auch Politiker wie Hessens Ministerpräsident Roland Koch oder Wissenschaftsminister Udo Corts (beide CDU) zu Wort. Die Sympathien des Filmemachers liegen jedoch leicht erkennbar bei den Studenten. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland sei ein Ruf nach "mehr Formen des zivilen Ungehorsams" zu beobachten, so Keßler. Das wolle er mit seinen Filmen beschreiben, aber nicht dazu aufrufen.
"Interessant war für mich, dass viele Studenten Frankreich als Vorbild gesehen haben - nicht in dem Sinn, dass sie Dinge zerstören wollten, sondern dass in Frankreich das Gesetz gegen den Kündigungsschutz tatsächlich zu Fall gebracht worden ist", sagte Keßler der "Süddeutschen Zeitung".
jol
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