Von Stephan Orth
"Hey, how ya goin'? Wie war dein Wochenende auf Straddie?", begrüßt Kathy den Anrufer und erzählt, dass sie gerade per E-Mail eine Jobausschreibung bekommen habe, die "perfekt zu deinen Studienschwerpunkten passt". Vielleicht könne man darüber morgen beim Barbeque in ihrem Garten sprechen.
Der verdutzte Deutsche am anderen Ende der Leitung vergisst fast seine Frage zur Semesterstundenzahl. Denn eine Studienberaterin wie Kathy – Uni-Angestellte und sogar Professoren werden in Australien grundsätzlich beim Vornamen angesprochen – ist ihm noch nicht begegnet.
Die Freundlichkeit der Menschen und die gute Studentenbetreuung ist für viele ein Grund, zum Auslandsstudium nach Australien zu gehen. Die meisten wollen nach Sydney oder Melbourne. Doch mit der Aussicht auf ganzjährige Sommertemperaturen, berühmte Surfstrände und international anerkannte Universitäten holt Brisbane schnell auf in der Gunst der Studenten.
Tennisarm statt Schreibkrampf
Zudem sind die Lebenshaltungskosten in der mit 1,7 Millionen Einwohnern drittgrößten Stadt Australiens niedriger, und die Lebenseinstellung der "Brisbanites" gilt als besonders lebensfroh und gelassen. Wer hier auf einer Treppe zwei Stufen auf einmal nimmt, outet sich als Ausländer oder zumindest Sydneysider. Insgesamt gibt es mehr als 100.000 Studenten an der Queensland University of Technology (QUT), der University of Queensland (UQ) und der Griffith University.
Der typische Student in Brisbane sieht mit Surfershorts, T-Shirt und Flip-Flops immer so aus, als sei er gerade auf dem Weg zum Strand. Und vielleicht ist er das auch. Denn mitten in der Stadt, in der Nähe der Kunst- und Musik-Fakultät der Griffith University, sorgt in den South Bank Parklands ein künstlicher Pool für Erfrischung. Dort gibt es sogar einen Rettungsschwimmerturm im Baywatch-Stil - was bei Wassertiefen von 1,40 Metern etwas übertrieben wirkt.
"Brisbane ist sonnig, entspannt und multikulturell", sagt Psychologiestudentin Gesche Hübner aus Oldenburg. Sie verbrachte ein Semester an der UQ und fuhr jeden Tag mit dem CityCat-Katamaran auf dem Brisbane River zum großflächigen Campus im Stadtteil St. Lucia. Begeistert war sie von der Uni-Ausstattung: "Die Bibliothek ist sehr gut bestückt, man hat Zugang zu den besten Datenbanken, das gesamte Studium lässt sich bequem per Internet organisieren."
In einem weltweiten Ranking des "Times Higher Education Supplement" erreichte die UQ Platz 45. Der Campus mit edlen Sandsteingebäuden und weitläufigen Grünflächen vermittelt einen Hauch von Eliteuni und ist beliebter Fotohintergrund für Hochzeitspaare. Nur gelegentlich stört ein hungriger Ibis, der ebenso tollpatschig wie aggressiv nach Nahrung sucht, den akademischen Frieden. Die Sportbegeisterung der Australier dokumentieren auf dem Unigelände diverse Rugbyplätze, eine Leichtathletik- und Schwimmanlage nach olympischen Standards sowie 21 Tennisplätze mit Flutlicht. Vor kurzem veröffentlichten Forscher der UQ eine Studie zur Behandlung des "Tennisarms".
Während sich die UQ mit diversen Nobelpreisträgern und naturwissenschaftlicher Spitzenforschung brüstet, setzt die konkurrierende QUT voll auf Praxisnähe. In der ganzen Stadt bewerben Plakate die "University for the real world", mit 40.000 Studenten die größte in Brisbane. Egal ob in Modedesign oder Informationstechnologie - vom ersten Semester an sollen Studenten auf den späteren Job vorbereitet werden.
Nach der Vorlesung zum Hai-Schnorcheln
Florian Rauser, Physikstudent aus Marburg, war für ein Semester an der QUT. Im Vergleich zur Heimatuni empfand er das Studium als "viel organisierter" und hatte den Eindruck, dass die australischen Professoren sich mehr als Hochschullehrer und weniger als Forscher betrachteten. Die Seminarnoten berücksichtigen an australischen Unis die Leistungen während des ganzen Semesters, nicht nur eine einzige Hausarbeit oder Abschlussklausur. "Die Bewertungen sind fairer als in Deutschland, weil sie mehr auf Fleißleistungen und weniger auf genialen Geistesblitzen basieren", sagt Rauser. Die starke Praxisausrichtung hat für ihn jedoch nicht nur Vorteile. "Manche Vorlesungen sind relativ oberflächlich, es fehlt der mathematische Hintergrund."
An beiden Unis kursiert der für hämische Lacher sorgende Ausspruch "QUT is for the real world, UQ for the theoretical world, and Griffith is the Third World". Doch das illustriert eher den starken Konkurrenzkampf der Bildungsinstitutionen als einen tatsächlichen Qualitätsunterschied - vielleicht klingt hier auch Neid durch, dass die Griffith über einen Campus in direkter Meeresnähe an der berühmten Gold Coast verfügt.
Ulrike Bauer aus Konstanz arbeitet an der Griffith University an ihrer Doktorarbeit in Biologie. Von Anfang an war sie begeistert von den tropischen Wäldern und exotischen Meeresbewohnern in der Umgebung von Brisbane. Beim Schnorcheln auf Stradbroke Island, von Einheimischen liebevoll "Straddie" genannt und zwei Stunden von der Stadt entfernt, begegnete sie Leopardenhaien, Mantarochen, Oktopoden und Schildkröten. Die Ostseite der für Wochenausflüge populären Insel zählt der Reiseführer Lonely Planet in seiner "Blue List" zu den zehn schönsten Stränden der Welt.
Unerwünschter Weckruf vom Nationalsymbol
Doch Ulrike Bauer stellte auch schnell fest, dass Brisbanes Tropenhitze nicht nur Vorteile hat: "Als ich an einem Wochenende ins Labor ging, um meine Frösche zu füttern, war die Klimaanlage ausgefallen und die Hälfte meiner Kaulquappen tot", berichtet Bauer. Auch nerven die regelmäßigen Dürreperioden, die alle "Brissie"-Bewohner zum Wassersparen zwingen.
Ihre Betreuer und Mitdoktoranden sind allesamt recht jung, die Forschungsreihen straff organisiert. "Das System hier ist sehr strikt, es wird darauf geachtet, dass meine Doktorarbeit in dreieinhalb Jahren vollendet ist." In Deutschland dagegen sei es oft stark vom Dozenten abhängig, wie schnell es bei der Promotion vorangehe.
An ihrem Wohnort gefällt Bauer, dass Brisbane "für eine Großstadt richtig gemütlich" ist. Nur ein bisschen zu weitläufig: Wer zu den gezackten Gipfeln des "Glasshouse Mountains"-Nationalparks oder ans Meer will, fährt mindestens eine Stunde. Doch auch in der Stadt gibt es Naturphänomene, die nicht nur Biologen faszinieren: Jeden Oktober blühen die Jacaranda-Bäume in strahlendem Lila, im Botanischen Garten am QUT-Campus gibt es tropischen Regenwald und leuchtendrote Papageien. Das gackernd anschwellende "Gelächter" des Nationalvogels Kookaburra, pünktlich um 5.30 Uhr morgens, hat schon manchen Studenten um den Schlaf gebracht.
Besonders unangenehme Begegnungen hält zuweilen der Brisbane River bereit, der sich durch die gesamte Innenstadt schlängelt. Hier knabbert schon mal ein 2,50 Meter langer Bullenhai eines der vielen Sportruderboote an. Ein Student aus dem UQ-Ruderverein erzählt, er habe mit einem solchen Leck, begleitet von dem wild ums Boot planschenden Raubtier, einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf dem Weg zum Ufer aufgestellt.
Zum Baden bevorzugt er den Pool in South Bank. Den mit den Rettungsschwimmern.
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