Von Jochen Leffers und Armin Himmelrath
Sie sind zu dritt, sie sind groß, sie sind Rivalen der Rennbahn. Beim ersten Schaulaufen schaffte es von den Hauptstadt-Hochschulen nur die Freie Universität unter die letzten Zehn des Exzellenz-Wettbewerbes, aber nicht unter die drei Gewinner. Die TU und die Humboldt-Uni schieden schon vor dem Finale aus. Eine Blamage. Diesmal will das Berlin-Trio es wissen.
Bei einer erneuten Niederlage schließt der Präsident der Humboldt-Universität seinen Rücktritt nicht aus. "Sollten wir tatsächlich nicht in die Endauswahl kommen, muss man durchaus ein ernstes Nachdenken über persönliche Konsequenzen in Betracht ziehen. Jedenfalls dann, wenn es hieße, der Antrag sei schlecht", sagte Christoph Markschies der "taz". Er gab sich jedoch zuversichtlich: "Wir sind ärmer als die Münchner Universitäten, aber pfiffiger."
Die TU und die LMU München sowie die TH Karlsruhe - das waren Mitte Oktober 2006 die strahlenden Sieger beim großen Elite-Casting. Sie haben erreicht, was alle anderen deutschen Hochschulen gern hätten: einen massiven Finanzschub plus Prestige-Aufwertung gratis. Und so werden im Bonner Wissenschaftszentrum an der Ahrstraße am Freitagnachmittag Frohsinn und Trübsal dicht beieinander liegen. Dann geben Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bekannt, welche Unis weiterhin im Rennen sind.
Es geht um insgesamt 1,9 Milliarden Euro, die bis 2011 vergeben werden. Das ist viel Geld in Zeiten knapper Kassen und weckt Hoffnungen auf den großen Wurf. Dabei ist die heutige Entscheidung nur ein Zwischenstopp: Wer am Ende glänzen will, muss nämlich, ähnlich wie bei Casting-Shows, mehrfach vorsingen. 27 Universitäten (siehe Fotostrecke) haben im September eine Antragsskizze mit einem Elite-Konzept abgegeben. Nur die besten von ihnen werden heute aufgefordert, den Antrag zu komplettieren. "Wie viele das sein werden, dafür gibt es keine Vorgabe", sagt Christiane Kling-Matthey vom Wissenschaftsrat, "entscheidend ist die Qualität der Antragsskizzen."
Wo Gewinner jubeln, sind die Verlierer nicht fern
Sieben Hochschulen aus der ersten Staffel haben ihre Anträge neu aufgelegt, darunter Favoriten wie die Technischen Hochschulen in Aachen und Darmstadt, die Unis in Freiburg und Heidelberg. Wer die erste Hürde nimmt, muss bis zum 13. April nachlegen. Mitte Oktober fällt die endgültige Entscheidung.
Die Idee zum Elite-Wettbewerb stammt noch von der rot-grünen Bundesregierung: 1,9 Milliarden Euro sollten besonders gute Forschungsbereiche an deutschen Unis nach vorn katapultieren - am besten gleich in die Weltspitze, so die angesichts der Milliardenetats der internationalen Konkurrenz übertriebenen Erwartungen. Drei Viertel des Etats steuert der Bund bei, den Rest müssen die Länder tragen.
Doch die ursprüngliche Idee, nur eine oder maximal drei Unis zu fördern, zerredeten Länder und Bund in jahrelangem Hickhack. Heraus kam ein typisch föderaler Kompromiss: Gefördert werden sollen nun bis zu zehn Elite-Unis (fünf Jahre lang jeweils 25 Millionen Euro), außerdem 40 Graduiertenschulen (5 x eine Million Euro) und 30 Forschungsnetzwerke (5 x 6,5 Million Euro). Damit bei insgesamt 80 Projekten für jedes Bundesland etwas abfällt.
Um den Wettbewerb noch komplizierter zu machen, wurde er in zwei Ausschreibungen aufgeteilt. Die erste Runde mit 873 Millionen Euro Fördergeldern endete bereits im Oktober; Gratulation nach München und Karlsruhe. Gefördert werden seither außerdem 18 Graduiertenschulen und 17 Forschungszentren - mit klarer Konzentration der Sieger-Projekte in Bayern und Baden-Württemberg.
Nordlicht an Jury: "Das geht nicht mal im Dorfparlament"
Das Verfahren ist alles andere als unumstritten. So klagten Geisteswissenschafter lautstark, weil ihre Anträge reihenweise durchfielen und fast durchweg nur die Natur- und Ingenieurwissenschaften zum Zuge kamen. Und im Oktober kam es zum Eklat, als Politiker über mangelnde Mitsprache und "Kungelei" nörgelten. Sie sahen ihre jeweiligen Heimatländer im Schatten der Südstaaten: "Wenn Sie sich ausrechnen, dass gerade mal drei Prozent der Exzellenzmittel in die neuen Länder gehen, dann sieht man, dass wir einen nationalen Handlungsbedarf haben", grollte Jan-Hendrik Olbertz, Wissenschaftsminister in Sachsen-Anhalt. Als "absolute Pflicht" für die zweite Wettbewerbsrunde forderte er neue - sprich: politische - Bewertungskriterien.
Noch harscher das Urteil von Dietrich Austermann: "Hier hat die Wissenschaft Politik gemacht", so der erboste Minister aus Schleswig-Holstein. Die von der Wissenschaft erstellte Liste der Sieger und Verlierer sei abschließend gewesen, "zur Vergabe hätten wir also gar nicht anzureisen brauchen". Entstanden sei das Bild einer deutschen Wissenschaftslandschaft, die erst südlich der Mainlinie beginne. "Seilschaften" in der DFG seien dafür verantwortlich. "Wenn der Vorsitzende der Kommission von einer der Universitäten ist, die begünstigt wurde, geht das nicht. Das geht nicht einmal in einem Dorfparlament", so Austermann. Gemünzt waren die Vorwürfe auf Ernst-Ludwig Winnacker, Kommissionsvorsitzender und bis 1. Januar DFG-Präsident, sowie Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Beide kommen von der LMU München.
Unfug, konterte Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel: Der Elitewettbewerb sei kein föderaler Geldverteilungsplan, sondern bewerte nur die Frage, wo die besten Forscher sitzen - "und wenn die in Bayern sind, freut mich das natürlich". Kanzlerin Angela Merkel befand bündig: "Wenn der Süden besser ist, dann ist er es."
Jury an Nordlicht: "Schleswig-who?"
Gerade die internationalen Gutachter schwankten zwischen Amüsement und Verdruss, wie aus Jury-Kreisen zu hören ist: "Schleswig-who?!" Denn den ausländischen Wissenschaftlern fehlt jedes Verständnis für deutsche Föderalismus-Wirren und Regionalproporz.
Der Ärger ist verraucht, einem "Zeit"-Bericht zufolge haben sich Politiker und Wissenschaftler darauf geeinigt, dass die Entscheidungen auch weiterhin streng nach Forschungskriterien fallen. Wenn heute Nachmittag die Vertreter von Wissenschaftsrat und DFG die Ergebnisse bekannt geben, werden keine Politiker dabei sein. "Und das ist uns auch ziemlich recht", sagt ein Mitglied des so genannten Gemeinsamen Ausschusses, der ab Freitagmorgen um neun Uhr tagt und die Beschlüsse trifft.
Im Vorfeld gab es dennoch neue Querelen. Aus Berlin donnerte es vernehmlich. So hielt der Bundestagsabgeordnete Swen Schulz eine Pro-Berlin-Initiative für nötig und mahnte die Bundesregierung "klarzustellen, dass die Anträge von Hochschulen ausschließlich nach ihrer Qualität beurteilt werden". Bisher habe die Jury einseitig reiche Bundesländer begünstigt, weil das bankrotte Berlin die geforderte 25-Prozent-Kofinanzierung nur mit Mühe aufbringen könne, raunte der SPD-Politiker. Unis und Hauptstadt-Presse raunten sogleich nach Kräften mit.
Peter Strohschneider vom Wissenschaftsrat konterte scharf und warf "Teilen der Berliner Presse" eine "Kampagne für die Universitäten der Stadt" vor, um den Druck auf die Gutachter zu steigern. Gemeint war vor allem die Zeitung "Tagesspiegel", die den Zwist über die Vergabe-Tücken schon nach der Oktober-Entscheidung mit zahlreichen Details angefüttert hatte, etwa über "Schiebereien" und das Wirken der "Bayern-Lobby". Bei der Exzellenzinitiative gehe es aber nicht um Regionalpolitik, sondern um wissenschaftliche Qualität, sagte Strohschneider gestern der "Berliner Zeitung": "Ich finde nicht, dass die Berliner Universitäten eine solche Kampagne nötig haben. Dafür sind sie einfach zu gut", so Strohschneiders als Schmeichelei getarnte Replik.
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