Von Stephan Orth
Leipzig - Seit ein paar Tagen bekommt Rico Rokitte ständig diese Anrufe. Fremde fragen, ob er für eine Ausrottung der Eliten sei. Ob er ein Interview für die rechte Zeitung "Junge Freiheit" geben könne. Ob er denke, dass alle Burschenschaften mit den Illuminaten in Verbindung stehen.
Rico Rokitte ist Referent für Antirassismus im StudentInnenRat (Stura) der Universität Leipzig. Er leitet das Aussteigerprojekt "Presence", das in seinen Broschüren verspricht, Mitgliedern von Studentenverbindungen beim Ausstieg zu helfen. Die Selbstbeschreibung von "Presence" klingt dabei so, als ginge es um ein Zeugenschutzprogramm oder den Ausstieg aus einer gefährlichen Sekte: Das Projekt wende sich "mit professioneller sozialpädagogischer und psychologischer Unterstützung vor allem an die, die Mitglied in einer studentischen Verbindung sind oder Personen in ihrem Umfeld gefährdet sehen". Dazu bietet das "Team aus Diplom-SozialpädagogInnen und PsychologInnen" (mit "genderspezifischem Ansatz") zum Beispiel "anonymen und kostenlosen telefonischen Erstkontakt", "Beratung zu Ausstiegs- und Bedrohungsproblematiken", "Krisenintervention".
Der pädagogische Sprachschwurbel klingt schwer nach Humorversuch: Haben da etwa die Satiriker von der Leipziger "Apfelfront" ihre obstverklebten Finger im Spiel? Haben sie nicht. Der Stura meint es ernst. "Wir wollen hier nicht alle Burschenschaften über einen Kamm scheren", sagt Rico Rokitte. "Aber aus Vorfällen der Vergangenheit ist bekannt, dass einige dieser Gruppen sexistische, nationalistische und rassistische Tendenzen aufweisen."
Mehr Protestmails als Hilfegesuche
Die Gießener Burschenschaft "Dresdensia Rugia" etwa gilt als Kaderschmiede der NPD. Gastvorträge von NPD-Funktionären in rechten Verbindungen schädigten das Image der Traditionsgruppen. Das Motto der Dachorganisation "Deutsche Burschenschaft", der über 120 Verbindungen angehören, lautet schon seit dem 19. Jahrhundert "Freiheit, Ehre, Vaterland". Viele Burschenschaften sind tatsächlich stramm rechts und unterhalten enge Kontakte in die Extremisten-Szene. Klar ist aber auch: Das gilt bei weitem nicht für alle Studentenverbindungen. Darunter sind auch etliche betont unpolitische, liberale und weltoffene Verbindungen, die aus Überzeugung auf Säbelgerassel und nationalistische Parolen verzichten. Die Abgrenzung bereitete schon der SPD erhebliches Kopfzerbrechen, als junge Sozialdemokraten einen "Unvereinbarkeitsbeschluss" mit Burschenschaften forderten und am Ende auch durchboxten.
"Du wirst von Burschenschaftern/ Corpsmitgliedern belästigt? Du bist ausgestiegen und wirst bedroht?" So beginnt der Prospekt der Initiative. "Es ist uns vollkommen klar, dass dies als Affront verstanden werden kann", so Rokitte. Von über 30.000 Studenten in Leipzig sind etwa 100 in Verbindungen aktiv. Rechnet "Presence" da wirklich mit vielen Hilfegesuchen? "Wir erwarten nicht, dass uns die Leute die Bude einrennen", räumt Rokitte ein. Es gehe vor allem darum, Informationen zusammenzutragen und ein Bewusstsein für rassistische und sexistische Tendenzen in Studentenverbindungen zu wecken. Vorbild sei das Modellprojekt "Exit-Deutschland", das Neonazis beim Ausstieg aus der Szene helfe, sich jedoch wenig um Rechtsextremismus im akademischen Milieu kümmere.
"Der Stura traut angehenden Akademikern scheinbar nicht zu, sich selbst ein Urteil über studentische Korporationen zu machen", wettert Michael Schuster von der Burschenschaft Germania über die "naive Sorge des Stura um die Kommilitonen". Es habe bislang keinen Fall gegeben, in dem ein Mitglied einer Leipziger Verbindung Nachteile aus einem Austrittswunsch zu erleiden hatte - abgesehen davon, dass derjenige, der eine solche Gemeinschaft aufgebe, dadurch schon genug gestraft sei.
Pädagogenschwurbel vs. Burschenschafter-Polemik
Täglich erhalten nun die Stura-Mitglieder E-Mails und Anrufe von empörten Verbindungsmitgliedern, sogar aus Österreich und der Schweiz. "Die meisten haben Sorgen, dass wir zu viel Geld ausgeben für Dinge, die sinnlos sind", sagt Rokitte. Dabei seien die einzigen Ausgaben die Druckkosten der Materialien. "Unsere Psychologen und Sozialpädagogen machen das unentgeltlich."
Doch die Leipziger Burschenschaften sind empört, dass "mit Mitteln der zwangsweise eingezogenen Semesterbeiträge eine ideologisch basierte Aufhetzung" der Leipziger Studentenschaft betrieben werde. Die konservativen Korporierten wollen am liebsten überhaupt nichts mit eher linksgerichteten Studentengruppen zu tun haben.
"Bei vielen unserer Kritiker beschränkt sich die akademische Freiheit darauf, sich die Haare wachsen zu lassen, in eine Party-WG zu ziehen, bis mittags auszuschlafen und nach 20 Semestern Mensabesuch eine regelmäßige Körperpflege immer noch als faschistisches Diktat der herrschenden Klasse zu verstehen", keilt Michael Schuster aus. Und fordert die Studenten auf, sich selbst ein Urteil über die studentischen Korporationen zu bilden. Dem Stura wirft Schuster vor, nur Vorurteile intensiv zu pflegen: "Karl May kannte den Wilden Westen nach eigener Aussage auch wie seine Westentasche..."
Der Konflikt schwelt an der Uni Leipzig seit Jahren. So lud die Linke StudentInnengruppe 2003 zur einer Veranstaltung mit dem Titel "Trinken mit Linken statt Fechten mit Rechten". Als sich am Tag darauf bei der "Studentenstraße" Uni-Gruppen zum Semesterbeginn vorstellten, beschädigten Protestler Stände der Burschenschaften. Dutzende Polizisten in Kampfmontur mussten für Ruhe auf dem Campus sorgen.
Tontaubenschießen mit Bierjunge
Inzwischen sind Burschenschaften auf der Studentenstraße nicht mehr zugelassen – nach einer Stura-Satzungsänderung dürfen nur noch Gruppen teilnehmen, die offen für alle Studierenden sind. Da fallen Verbindungen, die nur männliche Mitglieder zulassen, von vornherein heraus. Viele Burschenschaften, etwa die Germania, nehmen zudem keine Wehrdienstverweigerer oder Ausländer auf.
Wer Uniformen mit Studentenmütze und dreifarbigen Bändern trägt, Initiationsfechtkämpfe mit scharfen Waffen abhält und mit "Bundesbrüdern" und "Philistern" zum Tontaubenschießen geht, ist linksgerichteten Asta- oder Stura-Mitgliedern von vornherein suspekt. Auf der Gegenseite nimmt, etwa in der StudiVZ-Gruppe "Presence Verbindungsausstieg", keiner der "Burschen" die Stura-Initiative so richtig ernst. Dort drehen sich die Diskussionen mehr um "Bierjungen", "Stafetten" und andere seltsame Trinkrituale.
Mehr Aufschluss über die Position der Studentenverbindungen geben da die Texte von Liedern, die bei ihren Treffen angestimmt werden. Ein Mitglied der christlichen Verbindung "Wingolf" dichtete den alten Neue-deutsche-Welle-Kracher "Skandal im Sperrbezirk" in der Mitgliederzeitschrift um und beginnt mit den Zeilen: "In Leipzig steht ein Wingolfshaus / nur den StuRa schmeißen wir heraus / damit in dieser schönen Stadt / Couleur tragen 'ne Chance hat."
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Ich habe hier aber den Eindruck, als ob einige der "Poster" ihre Meinung weniger aus direktem Kontakt denn aus Filmen oder anderen "Quellen" beziehen. Natürlich stimmen einige der Klischees bei einigen [...] mehr...
burschenschaften fallen schon in das typische opferschema. sie weigern sich nur, sich selbst als solche zu begreifen. ;-) aber im ernst: natürlich habe auch ich so meine erfahrungen gemacht, die ins stereotype bild fallen. [...] mehr...
Gute Antwort, auf die Idee das das auch eine Form der Diskriminierung ist, ist der Mit-Poster wohl noch nicht gekommen. Ist aber auch schwierig...vor allem, wenn die dirkriminierte "Gruppe" nicht ins klassische [...] mehr...
setzen sie für XXX ausländer/schwule/frauen/behinderte/juden/schwarze ein. und dann stellen sie sich die reaktionen mal vor. vielleicht denken sie dann noch einmal über das von ihnen gesagte nach. OK, dan hamse [...] mehr...
Wow die Richtige Entscheidung, wäre ich ein rechter, sexistischer Burschenschaftler wäre die erste Partei der ich mich anschließen würde natürlich die SPD! Wieviele "rechte" Burschenschaftler wollen den überhaupt in [...] mehr...
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