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26.01.2007
 

Bewegungsmelder

Pille, Präser, Campusmaut

Von Jochen Leffers

Akademiker sind sowieso schon kinderarm - und Studiengebühren ein prima Verhütungsmittel, behauptet ein Flensburger Bildungsforscher. Was sonst noch geschah: durchlöcherte Kondome, Unruhe in Karlsruhe, Boykottversuche und Senatoren in Panik.

Von eigener Familie wollen viele Akademiker-Paare nichts wissen und bleiben auf Dauer kinderlos. Eine Kleinfamilie schon während des Studiums wäre eine Mutprobe. Und wenn sie dann doch über Kinder nachdenken, tickt bei Hochschulabsolventinnen oft schon längst die Eieruhr. Es könnte noch schlimmer kommen, mutmaßt Gerd Grözinger: "Studiengebühren in dieser harten Form scheinen ein effektives Verhütungsmittel darzustellen", schreibt der Flensburger Bildungsforscher in der Wochenzeitung "Die Zeit".

Grözingers Beweisführung: In Deutschland sei schon heute eine "Rush-hour des Lebens" zu beobachten; erst im Alter zwischen 27 und 35 Jahren bekämen Frauen Kinder. Just in dieser Lebensphase müssten Akademikerinnen Kredite für Studiengebühren, Bafög und Zinsen zurückzahlen, zumal sie sich oft mit männlichen Absolventen zusammentun, die das gleiche Geldproblem haben. Darum würden die Absolventenpaare quasi vor Schreck künftig erst recht auf Kinder verzichten, orakelt der Flensburger Professor. Wolle die Politik das nicht, müsse sie "zumindest den Schwellenwert des Einkommens für die Darlehensrückzahlung stark erhöhen und die Zinsen aussetzen", so Grözinger weiter.

Zu kompliziert? Die Akademiker-Gebärfreudigkeit kann man auch mit simpler Durchstecherei steigern - so wie es, angeblich, eine "Aktionsgruppe für mehr deutsche Kinder" bereits getan hat. "Wir möchten Sie hiermit darüber informieren, dass wir in den vergangenen Wochen in diversen Drogeriemarktketten in großem Umfang Kondome durchstochen haben", um der "Bundesrepublik Deutschland zum Herbst etliche neue Kinder" zu bescheren, so die AGdK in einer Presseerklärung. Ausgesucht habe man "vorwiegend von Akademikern gekaufte Kondommarken". Von der AGdK hatte die Welt zuvor noch nichts gehört, die Gruppe mailte die Erklärung in offenkundig satirischer Absicht - was die Zeitung "Junge Welt" aber nicht an der Überschrift "Neonazis wollen Verhütung verhüten" hinderte.

Aber zurück zu den Studiengebühren: Um das ewige Streitthema wird es einfach nicht stiller. Soll es auch nicht, fanden rund 2500 Demonstranten und zogen am Freitag durch Karlsruhe, wo das Bundesverfassungsgericht vor zwei Jahren den Weg für die Einführung der Campusmaut freimachte. Und welches Motto hatten die Studenten sich ausgedacht? Na? "Klagen statt leiden! KarlsRuhe stören".

In Baden-Württemberg versuchen Studentenvertreter weiterhin, ihre Kommilitonen vom Gebührenboykott zu überzeugen - mit bisher mäßigem Erfolg. Überall steht der Boykott laut Nachrichtenagentur dpa auf wackeligen Beinen, weil nicht genug Teilnehmer zusammenkommen, um die Campusmaut auf Treuhandkonten zu bunkern und so die Landesregierung unter Druck zu setzen. Ein Viertel bis ein Drittel der Studenten müssten mitmachen, doch an der Hochschule Mannheim sowie an den PHs in Freiburg, Heidelberg und Karlsruhe wurde das Quorum verfehlt. Ebenfalls nicht mit von der Partie sind die Universitäten Hohenheim, Konstanz und Mannheim sowie die FH Heilbronn. Offen ist der Ausgang an den Unis in Karlsruhe, Freiburg, Stuttgart und Tübingen.

An der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe dagegen wurde das nötige Quorum erreicht. Am Freitagabend hatte sich bereits mehr als jeder dritte der Studenten am Boykott beteiligt. "Jetzt wird Tacheles geredet", freut sich Konstantin Bender, Vorsitzender des bundesweiten Studenten-Dachverbandes fzs. "Wir wollen doch mal sehen, ob der Wissenschaftsminister tatsächlich ein Viertel der Leute exmatrikulieren will."

Mit nur 343 Studenten ist die Karlsruher Gestaltungs-Hochschule allerdings ein Winzling; um die Gebührenpläne wirklich zu durchkreuzen, bräuchte es im Ländle eine viel breitere Basis. Denn eben die Angst vor der Zwangsexmatrikulation bremst bislang die Bereitschaft vieler Studenten, sich am Boykott zu beteiligen. In den letzten Wochen hatten die Wissenschaftsminister von Baden-Württemberg, Niedersachsen und Hamburg das bereits angedroht.

Größere Hoffnungen setzen viele Studenten auf Musterprozesse gegen die Campusmaut. In Hessen, wo der Film "Kick it like Frankreich" die Proteste des letzten Sommers dokumentiert, haben die Asten bereits 10.000 Unterschriften für eine Verfassungsklage gegen das Studiengebührengesetz zusammen, brauchen aber noch weitere 33.000 - was durch ein umständliches bürokratisches Verfahren erschwert wird. Über die Zukunft der verfassungsrechtlich in Hessen besonders heiklen Gebühren dürften die Unterschriften aber ohnehin nicht entscheiden: SPD und Grüne haben bereits eine juristische Überprüfung angekündigt, am Ende wird wohl so oder so der Verfassungsgerichtshof des Landes entscheiden.

Interessant ist die Entwicklung in Münster: Dort verschanzte sich der Uni-Senat letztes Wochenende aus Furcht vor Gebührengegnern in einer früheren Raketenbasis, nachdem Studenten zuvor eine Senatssitzung gesprengt hatten. Dann wurde mit knapper Mehrheit der Antrag von Professoren abgelehnt, ab dem nächsten Wintersemester 300 Euro Gebühren (also deutlich unterhalb der Höchstsumme von 500 Euro pro Semester) zu erheben. Nun wird erst einmal eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Die Entscheidung ist auf den 14. März vertagt. Damit, so die Rektorin und Gebühren-Befürworterin, könne das Rektorat "gut leben".

Massive Proteste gab es auch in Bremen - nicht gegen Studiengebühren, sondern gegen millionenschwere Kürzungen. Studenten verhinderten Mittwoch eine Sitzung des Senats, der über selbst erarbeitete Sparmaßnahmen entscheiden wollte. Dabei geht es unter anderem um den Wegfall des Sportstudiums. "Kürzungen werden nicht diskutiert, Kürzungen werden bekämpft", erklärte der Physikstudent Simon Müller, 25, unter Applaus seiner Kommilitonen, die lautstark den Rücktritt des Uni-Rektors Wilfried Müller verlangten. Müller bot daraufhin eine Uni-Vollversammlung an, die nächste Woche stattfinden soll.

Und wo bleibt das Positive? Diesmal haben wir es in den Reihen des Bundestages geortet. Bundesbildungsministerin Annette Schavan, Bafög-Allergikerin und großer Fan von allerlei Studienkredit-Modellen, hatte im Bafög-Bericht eine Anhebung der Studienförderung, die schon seit sechs Jahren stagniert, abgelehnt. Nun rebellieren einige Abgeordnete dagegen und fordern eine "spürbare Erhöhung". Neben Sozialdemokraten bekannte sich dazu auch der CDU-Abgeordnete Michael Kretschmer. Er erwartet allerdings, dass die SPD Druck auf Finanzminister Peer Steinbrück macht: "Ohne verbindliche Zusagen des Bundesfinanzministers bleibt die Forderung der SPD eine Luftnummer", so Kretschmer. Dass der kleine Abgeordneten-Aufstand ausreicht, um das schwächelnde Bafög aufzupäppeln, ist allerdings unwahrscheinlich.

Mitarbeit: Armin Himmelrath

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