Von Mathias Menzel und Anne-Ev Ustorf
Auf dem Hamburger Campus gehen sie sich meist aus dem Weg. "Sie hat zum Glück ihre Leute gefunden, ich meine", sagt Jan Schmied, 22, Geschichtsstudent im zweiten Semester. Sie: Das ist seine Mutter Heide, 44, ebenfalls Geschichtsstudentin, ebenfalls zweites Semester. Zusammen studieren mit Mama: Wie geht das denn?
Gut, findet Jan. Auch wenn es anfangs schwierig war. Für beide. "Bei mir denken die anderen wahrscheinlich: 'Muttersöhnchen!', wenn sie davon erfahren", sagt er. "Und sie hatte Angst, mir auf die Nerven zu gehen." Inzwischen hat sich das aber eingespielt - mit Vorteilen für Jan. "Meine Mutter ist übermotiviert: Geschichte zu studieren war immer ihr Traum. Sie geht in jede Vorlesung, bereitet sich penibel vor, schreibt immer fleißig mit." Wenn er mal eine Veranstaltung sausenlässt, bekommt er ihre Notizen. "Das ist schon praktisch."
Mit den Eltern im Hörsaal - das dürfte wohl für viele Erstsemester eine Horrorvision sein. Dass beide Parteien aber auch harmonieren und voneinander lernen können, zeigen die Beispiele auf den folgenden Seiten.
Denn die Generation Seniorstudent sei häufig taufrisch, geistig keinesfalls festgefahren und neugierig, berichten Dozenten. Sie seien ausschweifend in ihren Fragen, dominant in ihren Meinungen und erpicht auf die besten Plätze - so sehen viele Studenten ihre grauhaarigen Kommilitonen. Vor allem an Massenunis wie Frankfurt am Main, München oder Berlin gehören Senioren im Hörsaal inzwischen zum gewohnten Bild. Von den rund 38.000 Gasthörern an deutschen Unis war im Wintersemester 2005/2006 knapp die Hälfte 60 Jahre und älter. Ihre Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.
Langeweile im Ruhestand
Regulär eingeschrieben wie die Hamburgerin Heide Schmied sind außerdem bundesweit rund 11.000 Männer und Frauen jenseits der 50. Eigentlich verschwindend wenig bei rund zwei Millionen Studenten insgesamt, aber die Minderheit fällt auf. Und Experten sind sich sicher, dass der Anteil der Älteren an den Studenten künftig weiter steigt: Die Deutschen werden immer älter, viele hatten nie die Chance zu studieren und wollen das nun nachholen. Oder sie langweilen sich im Ruhestand.
Heute bieten mehr als 50 Hochschulen sogar ein spezielles Studium für Ältere an. Das Prinzip: Die Unis öffnen reguläre Lehrveranstaltungen für Senioren, organisieren Ringvorlesungen und reichern das Programm um spezielle Einführungsveranstaltungen an: Was ist wissenschaftliches Arbeiten? Wie finde ich mich in der Bibliothek zurecht? Wie recherchiere ich im Internet?
Die durchschnittlich 100 Euro Gebühr, die das Seniorenstudium pro Semester kostet, reichen gerade für die Organisation und ein paar wenige eigene Lehraufträge. Der Rest der "grauen Studenten" verteilt sich auf die regulären Veranstaltungen. Meist Geschichte, Philosophie oder Kunstgeschichte - also die Fächer, vor denen sie ihre Kinder und Enkel immer gewarnt haben.
"Die sind als Erste da und belegen die Plätze"
Mancher Studiengang ist dadurch an der Kapazitätsgrenze angelangt, was für Unmut unter den Credit-Points sammelnden Jungstudenten sorgt. So sperrte das Präsidium der Frankfurter Uni im vergangenen Wintersemester "zur Sicherung der Qualität der Lehre" kurzerhand die regulären Uni-Veranstaltungen für die Teilnehmer der dortigen Universität des 3. Lebensalters (U3L). Nun bleiben den Senioren "nur" noch die 114 Veranstaltungen, die die U3L selbst organisiert. Der Teilnehmerzahl hat das Hörsaalverbot nicht geschadet: Sie liegt weiterhin bei knapp 3000.
Auch an der Ludwig-Maximilians-Universität München regen sich Jahr für Jahr Proteste gegen die Hobby-Studenten. Bisher ohne Folgen. "Nicht selten sind mehr als die Hälfte der Hörer Senioren", berichtet Richard Fischer von der Fachschaft Geschichte. "Die sind meist als Erste da und belegen die Plätze. Und die normalen Studenten müssen stehen."
Auch Helmut Vogt, Direktor des Kontaktstudiums für ältere Erwachsene an der Uni Hamburg, sieht bei seinen rund 2000 Teilnehmern inzwischen das Limit erreicht. "Besonders gefragte Veranstaltungen versuchen wir deshalb aus eigenen Mitteln doppelt oder im folgenden Semester nochmals anzubieten." Das komme auch den jüngeren Studenten zugute, die ebenfalls teilnehmen dürfen. Dafür stieg die Gebühr für Senioren in diesem Semester von 80 auf 100 Euro.
Vielleicht setzt sich ja die Sichtweise durch, die Jana Buchholz im Laufe ihres Studiums gewann. Sie hat zeitgleich mit ihrer Mutter Psychologie studiert und meint: "Die Grenzen zwischen Jung und Alt verschwimmen, und das gefällt mir sehr."
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