Von Armin Himmelrath und Maike Schröder
Fusionitis-Pionier war Jahren Nordrhein-Westfalen – dem Bochumer Uni-Sprecher Josef König kann man getrost visionäre Fähigkeiten attestieren. König ist bekannt für hübsch formulierte Aprilscherze, die mitunter hochschulpolitische Entwicklungen vorwegnehmen. Zum 1. April 2000 hatte er die Fusion der Unis Bochum und Dortmund zur "Ruhr-Universität BODO" verkündet: "Durch diese erste Verschmelzung zweier deutscher Universitäten entsteht im Ruhrgebiet mit rund 63.000 Studierenden und mehr als 700 Professoren die größte deutsche Universität."
Sogar ein fertiges Logo lieferte Witzbold König mit, bei dem "der Layouter im Schriftzug des neuen Siegels bewusst Platz für die Abkürzungen E (Essen) und DU (Duisburg) gelassen hat". Als Garnitur gab es das in der Wirtschaft übliche Fusions-Geklingel von "erheblichen Synergieeffekten", "gegenseitigen Profiten" und "erheblichen Chancen".
Aus dem Ulk wurde schnell Realität. Anfang 2003 wurden ein paar Kilometer ruhrabwärts die Unis Essen und Duisburg zwangsverheiratet – gegen heftige Widerstände: Der Essener Senat stürzte die Rektorin, einstweilige Verfügungen sollten die Fusion stoppen.
Lothar Zechlin, Gründungsrektor der ersten deutschen Fusions-Uni, zieht heute trotz des "steinigen und harten Weges" eine positive Bilanz: "Organisationen sind oft sehr starr und unbeweglich, gewissermaßen gefroren", sagt er. "Wenn man sie verändern will, muss man sie auftauen, und in dieser Phase des Auftauens kann man Veränderungen vornehmen." Arbeitsabläufe und Studienbedingungen seien besser geworden, und die Studenten hätten durch den Zusammenschluss keine Nachteile, meint Zechlin: Wenn überhaupt, seien es wie im Fach Physik die Professoren, die einen Anwesenheits-Spagat zwischen den beiden Standorten machen müssen.
"Extrem stressiges Pendeln"
Richard Suxland hat andere Erfahrungen gemacht. Er studiert im 8. Semester Anglistik und Sozialwissenschaften und ärgert sich, wenn er morgens eine Vorlesung in Duisburg und nachmittags ein Seminar in Essen besuchen muss: "Die Fahrerei dauert mit öffentlichen Verkehrsmitteln mindestens eine Stunde." Das Pendeln sei "manchmal schon extrem stressig".
Mehr Mobilität wird künftig auch von anderen Studenten verlangt: Im März haben die Unis Duisburg-Essen, Bochum und Dortmund die "Universitätsallianz Metropole Ruhr" gegründet und wollen in Forschung, Lehre und Verwaltung enger zusammenarbeiten. Geplant sind gemeinsam finanzierte Forschungsinstitute sowie hochschulübergreifende "virtuelle" Fachbereiche.
So organisieren Bochum und Dortmund in der "Engineering Unit Ruhr" gemeinsam ihr Maschinenbau-Studium. Die Reiz-Vokabel "Fusion" meiden alle Beteiligten. Aber die Begleitmusik zum "Schulterschluss zweier Fakultäten" klingt ganz ähnlich wie Josef Königs einstige Ulk-Vision: "Dies nutzt die Ressourcen beider Universitäten, vereint ihre Stärken, ermöglicht Synergien und setzt damit neue Maßstäbe im deutschen Hochschulwesen."
Niedersachsen, Schleswig-Holstein, NRW – ob Fusion oder nur Kooperation, der Trend zur stärkeren Zusammenarbeit scheint unaufhaltsam. Sogar an der Uni Koblenz-Landau, die noch vor drei Jahren aus ihren beiden 150 Kilometer auseinander liegenden Standorte eigenständige Hochschulen machen wollte, gibt es mittlerweile einen Sinneswandel: "Das hat sich erledigt, die Trennung ist bei uns wirklich kein Thema mehr", sagt Uni-Sprecher Bernd Hegen. Im Gegenteil: Standortübergreifende Projekte und Kooperationen seien nicht nur erfolgreich, sondern auch "die richtige Strategie im Hinblick auf den zunehmenden Wettbewerb der Hochschulen".
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