Von Helene Zuber
Am 31. Januar lieferte Colin Uffelmann, 25, gerade noch termingerecht einen Entwurf bei seinem Architektur-Professor ab. Tags darauf landete der Student von der Fachhochschule Kaiserslautern schon am Mittelmeer. Da stand er nun im spanischen Valencia vor der Jugendherberge, bepackt mit Kleidern, Büchern und was man sonst noch so braucht, wenn man ein halbes Jahr als Erasmus-Student im Ausland verbringen will.
"Anfangs war's die Hölle", sagt der Gaststudent an der Universidad Politécnica. Ohne Spanischkenntnisse, nur mit Handy und Stadtplan ausgestattet, ging er auf Wohnungssuche - "ich bin schrecklich abgezockt worden". Denn mit Englisch, das lernte der angehende Architekt schnell, kommt man in Valencia nicht durch. Fremdsprachen beherrscht kaum ein Vermieter. Und der freundliche Makler kassierte rasch 2000 Euro Provision und Kaution für ein Mini-Zimmer von acht Quadratmetern in einer Vierer-Wohngemeinschaft ohne Heizung.
Die Lage immerhin hat Colin inzwischen mit der Stadt seines großen Idols, des berühmten Architekten Santiago Calatrava, versöhnt: gleich hinter dessen blendend weißer "Stadt der Künste und Wissenschaften", zwischen dem Malvarrosa-Strand und seinem Uni-Campus. Nachts leuchtet das Imax-Kino, dessen Fenster sich wie Lider öffnen lassen, gleich einem gigantischen Auge.
Ähnlich schlecht startete Jenny Tepelmann, 24, aus Bonn ihr Erasmus-Semester in Valencia. Die Medizinerin hatte von zu Hause per Internet eine Bleibe gesucht und wurde von der Vermittleragentur gezwungen, einen Mietvertrag über die gesamte Zeit zu unterschreiben, ohne das Zimmer gesehen zu haben. Sie fand sich in einem "Loch im schlechtesten Viertel" wieder, für 260 Euro monatlich zuzüglich Nebenkosten.
Ein Semester am Mittelmeer
Die Einstiegserfahrungen von Colin und Jenny dürften nicht verwundern. Denn Valencia mit seinen über 80 000 Studenten an zwei großen Universitäten - neben der Politécnica lockt noch die Universidad de Valencia beispielsweise Mediziner wie Jenny an - ist die Top-Stadt für Erasmus-Studenten in ganz Europa. Allein die Polytechnische Universität mit ihren 36.000 Studenten nahm im vergangenen Jahr 2123 Ausländer auf, davon waren 309 Deutsche, das sind 15 Prozent. Da lassen sich die Einheimischen oft Räume nahe dem Campus an der breiten Avenida de Vicente Blasco Ibáñez oder entlang der Ausfallstraße Avenida de los Naranjos, die trotz des romantischen Namens kein einziger Orangenbaum ziert, in Gold aufwiegen.
Trotzdem stimmen die deutschen Erasmus-Leute, die hier gerade den beginnenden Sommer erleben - dieses Jahr mit dem internationalen Segelwettbewerb America's Cup als Special Event -, ausnahmslos überein: "Es war die beste Idee, nach Valencia zu gehen", so Colin, "die beste und bewegendste Lebenserfahrung."
Die meisten EU-Studenten kommen nach Spanien, um die europäische Sprache zu lernen, die gleich nach dem Englischen in der Welt am meisten gesprochen wird. Viele verbinden das Nützliche mit dem Vergnügen, mindestens ein Semester am Mittelmeer zu leben. "Madrid ist zu teuer und hat keinen Strand, Bilbao liegt am Atlantik. Und Barcelona scheidet aus, weil dort Katalanisch vorausgesetzt wird", erklärt Fredrik Weege, 21, von der International School of Management in Dortmund seine Entscheidung für Valencia. Zudem sind die beiden örtlichen Unis Partnerschaften mit sehr vielen deutschen Hochschulen eingegangen.
So auch mit Weimar, wo Susanne Radelhof, 25, gebürtig aus Eisenach, im achten Semester Visuelle Kommunikation studiert. Eigentlich wäre sie viel lieber nach Helsinki gezogen, aber jetzt ist sie ganz versöhnt: "Das Wetter ist besser." Da konnte sie selbst den Winter in ihrer unbeheizbaren Bleibe mitten im pittoresken Altstadtviertel Barrio del Carmen ohne Bronchitis überstehen. Dort lebt sie mit zwei Spanierinnen. Die neuen Freundinnen ließen sie in der drittgrößten Metropole Spaniens, die fünf Jahrhunderte unter arabischer Herrschaft stand, ganz in eine neue Kultur eintauchen. Valencia ist nicht so provinziell verschlafen wie Susannes Heimat, aber mit seinen 800 000 Einwohnern noch überschaubar. Die Fallas, das Volksfest im März, wo viel geknallt wird, täglich ein spektakuläres Feuerwerk und zum Höhepunkt überlebensgroße Pappmaché-Figuren abgebrannt werden und die Bewohner im Ausnahmezustand sich mit Ausländern und Touristen verbrüdern - "das war überwältigend".
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Studium | RSS |
© UniSPIEGEL 3/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH