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Viva Valencia Ein Platz an der Sonne

2. Teil: Brainstorming am "Erasmus-Strand" ist ein klarer Pluspunkt - aber das Studium tückisch

Valencia gefällt der Video-begeisterten Studentin so gut, dass sie noch ein halbes Jahr anhängt. "Ich suche mir jetzt ein Praktikum", erklärt Susanne. Denn das Vorlesungsangebot an der Politécnica war gar nicht nach ihrem Geschmack. "Fachlich kann man das hier vergessen, man kann nicht profitieren, das ist alles sehr verschult."

So hart urteilen nicht alle. Doch die deutschen Erasmus-Studenten betonen, dass, wenn überhaupt etwas, die Praxisnähe des Angebots ihnen zugute komme. Dem künftigen Architekten Colin gefiel ein Kurs über künstlerische Farbenlehre, in dem er auch mit seinem Anfängerspanisch gut klarkam. "Das Studium hier ist sehr offen, ich kann auch Fächer an der Designhochschule belegen".

Claudia Wanke, 21, aus Stralsund, die ein Gastsemester Tourismus im zur Politécnica gehörenden Campus von Gandia, 70 Kilometer von Valencia direkt am Meer gelegen, verbringt, findet den starken Praxisbezug ebenfalls ideal. Mit einer Freundin von ihrer Heimatuni schreibt sie gerade an einer 50-seitigen Hausarbeit, natürlich auf Spanisch. Es geht darum, eine Tourismusstrategie für die Insel Rügen zu entwickeln. Beim Brainstorming in der Sonne am sogenannten Erasmus-Strand fällt den Mädchen dazu mehr ein als an der nebelverhangenen Ostsee.

"Nur die Meinung der Profs zählt"

Tobias Valgs, 25, von der RWTH Aachen, der im 8. Semester Informatik studiert, beklagt zwar das niedrige Niveau der Vorlesungen in Valencias Polytechnischer Universität. Aber hier konnte er tief in die Kunst des Programmierens einsteigen, "das hätte ich mir zu Hause alles selbst beibringen müssen". Deshalb ist der Erasmus-Mann, der sein Spanisch abends in den Kneipen verbessert, ganz sicher: "Bis zum Juli werde ich viel gelernt haben, es war richtig, nach Valencia zu gehen."

Ausgerechnet für Mediziner allerdings bleibt die Praxis nahezu verschlossen, klagt Jenny. Weil der klinische Teil in Spanien dem letzten Studienjahr vorbehalten ist, "werde ich ein Krankenhaus wohl nie von innen sehen". Gelernt werde hier nicht am Patienten oder mit Hilfe von Fachbüchern, sondern nach Mitschriften der Vorlesungen. Nicht unproblematisch, so die Bonnerin: "Nur die Meinung des Profs zählt."

Der Informatiker Tobias und viele andere deutsche Erasmus-Studenten mussten an der Gastuniversität erfahren, dass die Anerkennung der besuchten Veranstaltungen und der erworbenen Scheine zumindest sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist. Es sei klug, das Auslandsjahr einfach als "was fürs Leben" zu genießen, meint Susanne.

Druckbetankung in der Disco

Wer allerdings darauf angewiesen ist, in Valencia ECs zu leisten, also nach dem Bachelor-Studiengang "European Credits" zu sammeln, darf Laufereien und stundenlanges Schlangestehen nicht scheuen. Fredrik Weege muss für sein Management-Studium in Dortmund fünf benotete Kurse aus Valencia nachweisen. Wie alle bekam er einen Mentor zugeteilt, der ihm raten sollte, welche Veranstaltungen er belegen könnte. Doch der Helfer antwortete erst drei Monate später, da hatte Fredrik alles selbst geregelt. Dass man sich um das meiste allein kümmern muss, bestätigen andere Erasmus-Leute. "Am besten überall persönlich hinrennen", egal ob für den Studentenausweis oder die Wohnung, so die allgemeine Lehre aus Valencia.

Was ist nun so speziell an der aufstrebenden Stadt, wo das ganze Jahr die Orangenbäume blühen? Die Jugendstiljuwelen à la Gaudí in den eleganten Wohnvierteln hat der künftige Architekt Colin noch nicht erkundet. Dass Valencia diesen Sommer nicht nur den America's Cup, sondern auch eine Kunstbiennale ausrichtet, ist der Kommunikationsspezialistin Susanne bislang entgangen.

Macht nichts. Keiner hat die Zeit in Valencia bereut. Auch wenn die meisten deutschen Studenten in ihrer Erasmus-Welt leben, mit den WG-Genossen kochen und sich über die Preise im Supermarkt ärgern. Die filigrane Markthalle und den mit Orangen aus Keramik verzierten Hauptbahnhof nahmen sie kaum wahr. Viele sehen die Innenstadt nur im Dunklen aus dem Taxi, wenn sie gut betankt mit dem alkoholischen "Wasser von Valencia" aus der Disco in ihre Schlafkammern fahren.

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