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23.05.2007
 

Nazi-Forscher in Münster

Zwangssterilisationen an der Uni

Von Katrin Schmiedekampf

An der Uni Münster waren in der NS-Zeit Rassenforscher tätig, die nach 1945 unbehelligt weiterarbeiteten. Als Student fand Jan Nikolas Dicke das schon vor sechs Jahren heraus. Peinlich für die Uni - erst jetzt wird von seiner Examensarbeit öffentlich Notiz genommen.

An der Uni Münster sollen in den dreißiger Jahren medizinische Forschungen zur Rassenhygiene der Nationalsozialisten erfolgt sein, von denen bisher niemand wusste. Das schreibt Jan Nikolas Dicke in einer Examensarbeit, die er bereits im Jahre 2001 eingereicht hat. Bisher galt die medizinische Fakultät der Universität Münster als eher unbelasteter Standort unter dem Regime der Nationalsozialisten.

Uni Münster: Muss sich mit ihrer braunen Vergangenheit beschäftigen
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Uni Münster: Muss sich mit ihrer braunen Vergangenheit beschäftigen

"Eugenik und Rassenhygiene im wissenschaftlichen Diskurs der Universität und des Gesundheitswesens der Stadt Münster 1918–1939", lautet der Titel von Dickes Arbeit. Es geht unter anderem um den Professor Karl Wilhelm Jötten, von 1924 bis zum seinem Tod 1958 Direktor des Instituts für Hygiene. Dicke: "Während des 'Dritten Reiches' sollte es sich zu dem Zentrum eugenischer und rassenhygienischer Lehre an der Universität Münster etablieren." Zusammen mit einem Kollegen habe Jötten erbhygienische Untersuchungen an über 4.300 Hilfsschulkindern durchgeführt. Die Kinder im Alter zwischen 7 und 15 Jahren wurden gezählt, gewogen, vermessen und getestet. In einer Dissertation am Hygiene-Institut sei die Empfehlung gegeben worden, "Schwachsinnige, Debile und sozial Minderwärtige aus dem Fortpflanzungsprozess ausschalten".

Nach dem Ende des Krieges durfte Jötten weiter an der Uni Münster forschen, bis er 1955 emeritiert wurde. Für seine wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Gewerbehygiene erhielt er sogar das Bundesverdienstkreuz. Die Deutsche Akademie für Naturforscher zeichnete ihn mit der Cothenius-Medaille aus, eine Straße wurde nach ihm benannt. "Dass er der eugenischen und rassenhygienischen Forschung an der Universität Münster bis 1945 wie kaum ein anderer Vorschub leistete, wird mithin gerne übersehen", so Dicke, der inzwischen am Historischen Seminar promoviert.

"Die Uni ist riesengroß"

Übersehen wurde auch Dickes Veröffentlichung, die im Jahre 2004 als Buch erschien und seitdem in der Unibibliothek zu finden ist. Nur in der Fachzeitschrift "Westfälische Forschungen" wurde eine Rezension abgedruckt. Lag es am Thema, dass die Ergebnisse nicht an die Öffentlichkeit drangen? Warum wird erst jetzt Notiz davon genommen, dass an der Uni in diesem Ausmaß Rassenforschung betrieben wurde?

"Innerhalb der medizinischen Fakultät und unter Wissenschaftlern ist die Veröffentlichung durchaus bekannt", sagt der Historiker Hans-Ulrich Thamer, der die Arbeit abnahm. Um mehr Aufmerksamkeit habe sich die Fakultät jedoch nicht bemüht. "Da verwechseln sie uns mit einer Presseabteilung", sagte Thamer SPIEGEL ONLINE.

Uni-Pressesprecher Norbert Frie kann sich nicht erklären, warum das Thema nicht früher bekannt wurde. Erst ein freier Journalist der Münsterschen Zeitung, der in der Pressestelle anrief und nach Jötten fragte, habe ihn darauf gebracht. Der Name des früheren Institutsleiters sagte dem Pressesprecher zunächst gar nichts, "obwohl ich hier schon seit vielen Jahren arbeite". Auch von Dickes Arbeit wusste Frie nichts: "Nicht jede Veröffentlichung wird so verbreitet, dass sie alle kennen. Die Uni ist riesengroß."

Ein dunkles Kapitel wird aufgearbeitet

Die Universität habe sich bisher stärker um das Thema Opferforschung gekümmert. Menschen, die ihren Doktortitel in der NS-Zeit verloren hatten, seien ausfindig gemacht und rehabilitiert worden, erzählt der Pressesprecher. Bekannt sei ihm der Rassen- und Zwillingsforscher Otmar von Verschuer, der versucht hatte, die Rassentheorie der Nazis zu belegen: Der Doktorvater des SS-Arztes Josef Mengele wurde nach seiner "Entnazifizierung" Anfang der fünfziger Jahre an die medizinische Fakultät Münster berufen.

Frie ist froh, dass nun öffentlich werde, was noch an der Universität passiert sei. "Wir haben jetzt die Möglichkeit, unsere Geschichte aufzuarbeiten und der Frage nachzugehen, wie Rassenforscher nach 1945 an die Universität zurückkehren konnten." Das sehen Uni-Rektorin Ursula Nelles und Volker Arolt, Direktor der Medizinfakultät, genauso. Es sei bedauerlich, dass diese Vorgänge nicht systematisch zeitnah aufgeklärt worden seien und die Universitäts- und Fakultätsleitung erst jetzt - 62 Jahre nach Kriegsende - durch Medienberichte von diesem Fall erfahren habe, schreiben sie in einer Stellungnahme. Alle Akten würden nun sorgfältig ausgewertet, um auch dieses "dunkle Kapitel der Universitätsgeschichte" aufzuklären.

Ein Gang in die Unibibliothek könnte helfen: Dort lagern schon lange über 20 Doktorarbeiten über "erbhygienische Untersuchungen an Hilfsschulkindern". Sie sind unter der Leitung von Karl Wilhelm Jötten und seinem Assistenten Heinz Reploh entstanden, schreibt Dicke.

Auf dreifache Weise an Sterilisation mitgewirkt

Über die Aufmerksamkeit, die seinem Buch plötzlich entgegengebracht wird, wundert er sich. "Wenn die Uni mit Betroffenheit auf die Ergebnisse reagiert, ist das angemessen. Man wird sehen, ob sie sich auch tatsächlich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen wird", sagte der Doktorand SPIEGEL ONLINE. Auch andere Unis hätten Schwierigkeiten, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.

In Münster haben viele gedacht, das kirchlich-konservative Milieu der Stadt habe ein wirksames Bollwerk gegen die NS-Rassenhygiene gebildet - so ist es auch in der Jubiläumsschrift zum 200-jährigen Bestehen der Uni nachzulesen, die Richard Toellner, langjähriger Direktor des Instituts für Theorie und Geschichte der Medizin, verfasst hat. "Dabei haben Menschen hier genauso viel Schuld auf sich geladen wie anderswo", sagt Dicke.

Er weist darauf hin, dass in seiner Arbeit auch das Wirken von Ferdinand Adalbert Kehrer behandelt wird, der seit 1925 die Nervenklinik leitete und in der Zeit des "Dritten Reiches" unter anderem als Beisitzer am Erbgesundheitsobergericht (EOG) Hamm tätig war. "Kehrer wirkte ab 1934 auf dreifache Weise an Zwangssterilisationen mit: zum einen als sachverständiger Arztam EOG, zum zweiten als beantragender Arzt gemäß § 3 Abs. 2 GzVeN, zum dritten als Operateur. Kehrer leitete in seiner Klinik die Narkosen ein, die Sterilisationen erfolgten anschließend in der nur wenige Meter entfernten Universitätschirurgie", schreibt Dicke in seiner Arbeit.

Der 32-Jährige hat sich inzwischen einem anderen Thema zugewandt, über das er seine Doktorarbeit verfasst: die Demokratisierung in den sechziger und siebziger Jahren.

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