Von Felix Wadewitz
Matthias ist mit den Gedanken schon im Bett, da kicken ihm die Räuber die Beine weg und schreien: "We kill you, we kill you!" Die sechs maskierten, mit Knüppeln bewaffneten Banditen nehmen sein Geld, ziehen ihm seine Klamotten aus und rennen weg. Keine 30 Sekunden dauert das. Seinen Schlüssel werfen sie zurück. "Die sind ja nicht doof. Mit Schlüssel konnte ich nach Hause, ansonsten hätte ich die Polizei rufen müssen", sagt Matthias Mengel. Der Physikstudent, 24, aus Berlin ist mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) seit einem halben Jahr in "Nairobbery".
Trotz des Überfalls will Matthias nicht weg aus der Drei-Millionen-Metropole. Im Gegenteil: "Es ist super hier, trotz all der Widrigkeiten, die Afrika so mit sich bringt", sagt er. An dem Überfall sei er selbst schuld, weil er sich zu sicher gefühlt und einen Fehler gemacht habe - nämlich zu Fuß zu gehen, statt ein Taxi zu nehmen. Wirklich schlimme Dinge aber passierten nur in den Slums, wo sich verfeindete Banden bekämpfen. "In der Innenstadt wird man halt 'abgezogen', das ist wie an einer Hauptschule in Berlin", meint Matthias und lacht.
Als der angehende Physiker beschloss, für zwei Semester nach Ostafrika zu gehen, waren seine Eltern nicht die einzigen, die skeptisch waren: Manche Kommilitonen wussten gar nicht, wo Nairobi liegt. Anderen fielen nur die Schlagworte "Aids", "Hunger" und "Gewalt" ein. Doch Matthias, der später vielleicht in einem Entwicklungsland arbeiten will, war fest entschlossen. Nach dem anstrengenden Grundstudium an der Freien Universität in Berlin musste er "ganz krass mal raus aus Deutschland". Und seit er nach dem Zivildienst einige Monate durch Kamerun gereist war, wollte er unbedingt zurück nach Afrika. Da seine Uni ein Austauschprogramm mit der University of Nairobi hat, wurde es dann die kenianische Hauptstadt.
Wohnen auf fünf Quadratmetern
Nairobi ist weit weg von der Traumküste Kenias und den berühmten Safari-Nationalparks, die meisten Touristen machen einen großen Bogen um die Stadt. "Ein Fehler", findet Matthias. "In Downtown Nairobi fühlt man sich halb wie in Europa, aber ich liebe es viel mehr, durch die afrikanischen Stadtteile zu ziehen." Dort, wo laute Musik auf der Straße läuft, wo es nach traditioneller Swahili-Küche duftet, wo die Matatus - die Minibus-Sammeltaxis - losfahren und ankommen und wo man sein eigenes Wort nicht versteht, vor lauter Menschengetümmel. Matthias flitzt zwischen den Matatus hindurch, als hätte er nie etwas anderes gemacht, kauft hier ein paar Mangos für sich und da ein Brot für ein paar Straßenkinder. "Dann schnüffeln sie vielleicht mal einen Abend lang nicht an ihrem Klebstoff."
Wer Matthias in seiner Bude im Studentenwohnheim besucht, hat zwei Möglichkeiten: in der Tür stehen bleiben oder sich auf die Holz-Liege setzen, die ein Bett sein soll. Fünf Quadratmeter sind sehr übersichtlich. Die Neonlichtröhre hat Matthias durch eine normale Glühbirne ersetzt, an der Wand hängt ein S-Bahn-Plan von Berlin. Irgendwo läuft Musik.
"Laut ist es hier immer, auch nachts", sagt Matthias. "Man gewöhnt sich dran." Er trägt Zehn-Tage-Bart sowie ein 50-Cent-T-Shirt und eine 50-Cent-Leinenhose vom größten Secondhand-Markt der Stadt, das sieht etwas nach Lebenskünstler aus. In dem Outfit geht er auch zu den Vorlesungen.
Viele Mitstudenten tragen in der Uni lieber dunkle Anzüge. "Modetechnisch haben die Engländer hier viel versaut", stellt Matthias fest. "Selbst die Studis sind schon spießig." Seine Krawatte tragenden Kommilitonen haben während der Vorlesung hauptsächlich damit zu tun, alles Wort für Wort mitzuschreiben, was der Dozent sagt. "Es geht nur darum zu wiederholen, was einem vorgebetet wurde", sagt Matthias. Eigenständiges Lösen von physikalischen Problemen? Fehlanzeige. "Akademisch ist das nicht so dolle", meint der Berliner.
Ein riesiges Skelett auf dem Weg
Im seinem Wohnheim kennt jeder den Typ aus Deutschland. Schließlich ist er derzeit der einzige "Mzungu". Das bedeutete ursprünglich mal "Engländer" - irgendwie ist ja jeder Weiße ein Engländer. Bei dem Wort schwingt bei vielen Kenianern aber noch mehr mit: unglaublicher Reichtum und unendliche Intelligenz zum Beispiel. So bezahlt der Mzungu stets die Rechnung, wenn er mit Freunden ausgeht. Und neulich musste Matthias einem Kumpel ernsthaft ausreden, dass Weiße von Natur aus schlauer seien als Schwarze.
"Es ist Quatsch zu sagen, dass es keine Rolle spielt, dass ich weiß bin. Es spielt immer eine Rolle", sagt Matthias. Wenn er in den Supermarkt geht, wird er als einziger nicht von den Security-Leuten gefilzt. Und wenn er mit seiner Trainingsgruppe Breakdance übt, fühlt er sich immer noch wie der unfreiwillige Stargast, dem alle besondere Aufmerksamkeit schenken.
Natürlich ist Kenia nicht nur Nairobi. Wann immer es geht, ist Matthias auf Tour. Kürzlich ging es mit zwei Freunden im Land Rover in den nördlich von Nairobi gelegenen Aberdare Nationalpark, einem einsamen Paradies für Büffel, Leoparden, Nashörner und Elefanten.
Am Eingangstor weckten die drei den Ranger: Sie waren die ersten Besucher seit sieben Monaten. Die wenig befahrenen Schotterpisten waren kaum zu finden, doch der Allradantrieb schaffte es in einem Tag auf 3000 Meter Höhe. Bei der Abfahrt am nächsten Morgen machte Matthias dann die gruselige Entdeckung: ein riesiges Skelett auf dem Weg. Es roch nach verwesendem Fleisch - die Knochen eines Elefanten. Um die Todesursache festzustellen, musste Matthias kein Tierarzt sein. "Die Stoßzähne fehlen, das sagt alles."
Er seufzt. "Ach, Afrika."
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