• Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.09.2007
 

Studium in der Schweiz

Der Berg ruft

Von Per Hinrichs

Es muss nicht immer Barcelona sein: Für Auslandssemester bieten sich die Schweizer Unis geradezu an. Exzellente Betreuung und gute Lehre verleiten viele Deutsche dazu, ihre gesamte Studienzeit dort zu verbringen.

Als Susanne Baumgartner im vermeintlichen Paradies ankam, fühlte sie sich zunächst in den deutschen Uni-Dschungel zurückversetzt: In der Informationsveranstaltung der Uni Zürich wurde den Frischlingen erzählt, dass ihr Studiengang Kommunikationswissenschaften total überlaufen und das Betreuungsverhältnis schlecht sei. "Oh Gott, jetzt geht's hier genauso weiter wie in Köln", dachte die 25-Jährige.


Doch der erste Eindruck täuschte, womöglich sollten nur unentschlossene Kandidaten abgeschreckt werden: Die Betreuung entpuppte sich als vorbildlich, ständig wurden neue Dozenten eingestellt, und bald hatte Susanne sogar eine "richtig gut bezahlte Tutoren-Stelle" in der Tasche - und Geld braucht man schon in Zürich, einer der teuersten Städte der Welt.

Schwyzerdütsch ist eine Herausforderung

Deutsche Studenten entdecken die Schweiz: Das Alpenland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Lieblingsziel für Uni-Immigranten entwickelt. Die Hochschule St. Gallen genießt vor allem unter BWLern einen guten Ruf. Nach Basel zieht es vorwiegend Kunstgeschichtler und Architekten.

Schweiz-Quiz

REUTERS
Kleiner Grenzverkehr: SPIEGEL ONLINE schickt Sie ins alpine Basis- und Höhenlager. Man spricht Dütsch: Von Cüpli über Zeltli bis zum Gipfeli - ein Sprachtest mit 13 Helvetismen, die nicht jeder versteht.
Doch das Gros der Germanen landet in Zürich. Die 370.000 Einwohner zählende Stadt am See ist zwar weniger aufregend als Barcelona oder Rom. Aber für Studiengebühren von umgerechnet 450 Euro pro Semester bieten die beiden großen Unis der Stadt im Gegensatz zu manch deutscher Massen-Studenten-Haltung "artgerechtes Lernen": Genügend Dozenten, ein ausreichend großes Lehrangebot und gutbestückte Bibliotheken sind Standard. Außerdem spricht man deutsch.

Jedenfalls fast. Denn das berühmt-berüchtigte Schwyzerdütsch, das sich für ein Nordlicht eher wie eine Mischung aus Türkisch und Norwegisch anhört, sorgt zunächst für Distanz. Und das gesprochene Hochdeutsch ist noch so stark eingefärbt, dass viele aus dem "großen Kanton", wie Deutschland genannt wird, zunächst Verständnisprobleme haben.

Dabei sind die "Dütschen" zumindest an der Hochschule St. Gallen seit Jahren eine feste Größe. Niclas Ahrens, 24, steht dort kurz vor seinem Bachelor in VWL und gerät ins Schwärmen, wenn er von seiner Uni spricht: "Ein breites Lehrangebot, sehr gute Dozenten und eine hervorragende technische Ausstattung" machen ihm das Studium dort leicht. Für den gebürtigen Hamburger war klar: "Ich bin gleich nach St. Gallen gegangen, weil ich wusste, dass die Ausbildung hier sehr gut ist." Und die Studiengebühren von umgerechnet 660 Euro pro Semester lassen sich verkraften - die Gegenleistung stimmt.

Verdruss über die "Invasion der Deutschen"

Auch der Architekturprofessor Ludger Hovestadt ist in die Schweiz abgewandert. Volle 25 Jahre lang wird Hovestadts Projekt "Computer Aided Architectural Design" an der Zürcher Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH) finanziert, dazu hat er fast 20 Assistentenstellen eingeheimst - eine "weltweit einmalige Situation", schwärmt der Forscher. Auf einem neuen Technik-Campus außerhalb der Stadt, der "Science City", arbeitet der Zuwanderer mit Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen an der Architektur von morgen. Nahezu alle seine Assis kommen aus Deutschland.

Warum auch nicht? Die Schweiz bietet sich als Alternative aufgrund ihrer Lage und der hohen Lebensqualität geradezu an. Und die ETH landet in internationalen Rankings seit Jahren auf einem der vorderen Plätze. Auf der anderen Seite weiß der Zürcher gleich, dass er wieder einen von drüben vor sich hat - und ist nicht immer gleich begeistert von seinem Besucher: "In Zürich ist die deutsche Invasion am deutlichsten zu spüren. Wir erscheinen den Schweizern oft als viel zu hektisch, hart oder direkt", sagt Theresia Gutmann, 22, die im 8. Semester Biologie an der ETH studiert.

Die Boulevardpresse schlachtet vermeintliche oder tatsächliche Probleme im Umgang miteinander weidlich aus, Motto: Die Deutschen kolonisieren die Schweiz. Susanne Baumgartner glaubt, dass "die Deutschen nicht gerade gemocht werden". Und in der Tat sieht auch der Präsident der ETH überproportional häufig deutsche Studenten, wenn er seiner Arbeit nachgeht: "Die sitzen einfach viel häufiger als ihre Schweizer Kommilitonen in den Gremien und engagieren sich in der Uni", stellt Präsident Konrad Osterwalder, 65, fest.

Evaluation: Jedes Semester, jeder Kurs, jeder Dozent

Kein Wunder: Die Riege der Studenten aus dem "großen Kanton" wächst seit Jahren. Allein in Zürich sind es knapp 2000, die dort Credit Points sammeln und an Examina arbeiten. Das entspricht einem Anteil von etwa 50 Prozent unter den ausländischen Studenten.

Und ein bisschen anders sind die hochdeutsch sprechenden Gäste dann doch. Architekt Hovestadt hat beobachtet, dass seine Landsleute "mehr Fragen stellen und intellektuell angriffslustiger sind. Das mag auch daran liegen, dass sie sich zu Hause in der Masse früher durchsetzen mussten."

Von einem Mentalitätskonflikt zwischen Helvetiern und Deutschen will der stets freundlich lächelnde Präsident Osterwalder aber nichts wissen. Da würden "Dinge aufgebauscht", die im wahren Leben keine Rolle spielten. Auch zu deutschen Unis, die international zumeist zweit- oder drittklassig sind, fällt dem Präsidenten kein böses Wort ein. "Eine gute deutsche Technische Hochschule hat etwa ein Drittel bis die Hälfte von unserem Budget zur Verfügung", erklärt er milde das Gefälle.

Für die Studenten zahlt sich der Wille, immer und stets zur Elite zu gehören, aus. Am Tag der Einschreibung erhalten alle Neulinge einen E-Mail-Account und können ihr Studium vollständig online planen. "Die Schweizer wollen im internationalen Wettbewerb mithalten. Jedes Semester wird jeder Kurs und der Dozent evaluiert", sagt Susanne Baumgartner.

Sie hatte zu Beginn auch Probleme, mit den Schweizern warm zu werden. Mittlerweile kann sie sich die eidgenössische Zurückhaltung erklären: "Viele wohnen noch zu Hause und pendeln jeden Tag zur Uni. Die müssen nicht unbedingt neue Leute kennenlernen."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium
alles zum Thema Auslandsstudium Nord- und Westeuropa

© UniSPIEGEL 4/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP