Von Katrin Schmiedekampf
Ob jetzt oder in ein paar Monaten - Hochschulpräsident Martin Köttering wird früher oder später gezwungen sein, die Boykotteure zu exmatrikulieren. So schreibt es das Hamburger Hochschulgesetz vor. Anders als etwa in Nordrhein-Westfalen können die Hochschulen nicht selbst entscheiden, ob und in welcher Höhe sie Gebühren kassieren. "Eine Ausnahme ist nicht möglich. Die Regelung lässt keinen Diskussionsspielraum", sagt Sabine Neumann, Sprecherin von Wissenschaftssenator Jörg Dräger.
Die Behörde gibt sich bis dato eisern und eisig. Köttering ist damit in der Zwickmühle. Er hatte sich immer wieder gegen Studiengebühren an Kunsthochschulen ausgesprochen - und muss jetzt gegen die eigene Überzeugung handeln.
Wie Löwenmütter haben sich 26 Professoren, darunter Wim Wenders, um ihre Studenten geschart. In einem offenen Brief an den Wissenschaftssenator warnten sie vor einem Exodus: Die Bewerberzahlen an der HfbK Hamburg seien für das Wintersemester 2007 um fast 50 Prozent zurückgegangen. Viele der Studenten bemühten sich bereits um einen Studienplatz anderswo - denn Studiengebühren gebe es derzeit weder an der Kunstakademie Düsseldorf noch an der Universität der Künste Berlin oder der Städel-Kunstakademie Frankfurt. Im Rausschmiss-Fall seien die Talente "für Hamburg verloren". Darum müsse der Senat die "individuellen Tragödien der betroffenen Studierenden sowie die drohende kulturelle Verarmung Hamburgs abwenden".
Die Wissenschaftsbehörde verweist auf Kredite zu Sonderkonditionen und Einkommens-Freigrenzen bei der Rückzahlung. Den Kunststudenten helfe das wenig, schreiben die Professoren. Sie wissen: Nach dem Examen gehen die Absolventen hohe Risiken ein und müssen sich durchschlagen, nur wenige können von ihrer künstlerischen Arbeit leben - und schrecken deshalb vor Verschuldung zurück.
"Dann ist die Hochschule kaputt"
"Wären wir ein mittelständischer Zahnstocherhersteller mit drohenden 400 Entlassungen, würde der Bürgermeister persönlich zur Rettung herbeieilen", sagt Werner Büttner. Der Kunstprofessor ist besorgt: "Wenn 80 Prozent exmatrikuliert werden, ist die Hochschule kaputt - dann haben wir keine Studenten mehr." Für Büttner war es ein Schock, als fast alle seiner Studenten die Gebühren auf das Sperrkonto zahlten. "Wenn es zu Exmatrikulationen kommen sollte, müssen wir den Schaden so weit wie möglich begrenzen. Wir müssen herausfinden, ob eine Wiederaufnahme möglich ist", sagt er. Zur Not werde er die Studenten eben "unentgeltlich in meiner Freizeit unterrichten".
Büttner findet es selbstverständlich, sich für seine Studenten einzusetzen. Er nennt das Beispiel Joseph Beuys: Der berühmte Künstler habe einst trotz einer vorgeschriebenen Begrenzung der Studentenzahl einfach alle Studenten in seinem Seminar aufgenommen, die teilnehmen wollte. Beuys wurde daraufhin allerdings hinausgeworfen.
Auch Philosophieprofessor Hans-Joachim Lenger sieht es als "die nächstliegende Pflicht von Hochschullehrern, ein gutes Umfeld zu schaffen und dafür einzustehen, dass die Studenten hier arbeiten können". An den anderen Unis herrsche der Geist der Leisetreterei. Sogar der durchaus dramatisch formulierte Professoren-Appell fiel für Lengers Geschmack zu milde aus. Die Existenz der Hochschule stehe auf dem Spiel, sagt er: "Es herrscht Ratlosigkeit und Resignation."
Obwohl es ihnen an den Kragen geht - die Boykotteure machen keinen ratlosen oder resignierten Eindruck. Sie geben sich kämpferisch. Am HfbK-Eingang prangt jetzt ein großes Plakat mit der Aufschrift "Eintritt kostet 500 Euro". In der Halle und in den langen Gängen hängen Protestbanner, kleben Exmatrikuliert-Aufkleber. Einige Studenten haben die Jahresausstellung boykottiert. Statt Bilder haben sie nur den Satz "Ich stelle nicht aus" eingerahmt und an die Wand gehängt. Sie wollen zeigen: Unter solchen Bedingungen können wir nicht arbeiten.
Was die Studenten vorhaben, wenn sie tatsächlich hinausgeworfen werden? Einige überlegen, nach Berlin oder Düsseldorf zu gehen, weil sie dort nichts zahlen müssen. Peter S., 31, hofft, dass seine Professoren ihn trotzdem weiter unterrichten werden. Und Frank Bentham? "Ich werde dann eben auf meinen Abschluss verzichten. Aber ich werde gehen, bevor die mich exmatrikulieren."
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