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Gebührenboykott der brotlosen Künstler Zahlen statt Malen

2. Teil: Erst Exodus, dann Exitus? Ein Hochschulpräsident in der Zwickmühle - und Professoren, die sich beherzt für ihre Studenten stark machen

Ob jetzt oder in ein paar Monaten - Hochschulpräsident Martin Köttering wird früher oder später gezwungen sein, die Boykotteure zu exmatrikulieren. So schreibt es das Hamburger Hochschulgesetz vor. Anders als etwa in Nordrhein-Westfalen können die Hochschulen nicht selbst entscheiden, ob und in welcher Höhe sie Gebühren kassieren. "Eine Ausnahme ist nicht möglich. Die Regelung lässt keinen Diskussionsspielraum", sagt Sabine Neumann, Sprecherin von Wissenschaftssenator Jörg Dräger.

Die Behörde gibt sich bis dato eisern und eisig. Köttering ist damit in der Zwickmühle. Er hatte sich immer wieder gegen Studiengebühren an Kunsthochschulen ausgesprochen - und muss jetzt gegen die eigene Überzeugung handeln.

Wie Löwenmütter haben sich 26 Professoren, darunter Wim Wenders, um ihre Studenten geschart. In einem offenen Brief an den Wissenschaftssenator warnten sie vor einem Exodus: Die Bewerberzahlen an der HfbK Hamburg seien für das Wintersemester 2007 um fast 50 Prozent zurückgegangen. Viele der Studenten bemühten sich bereits um einen Studienplatz anderswo - denn Studiengebühren gebe es derzeit weder an der Kunstakademie Düsseldorf noch an der Universität der Künste Berlin oder der Städel-Kunstakademie Frankfurt. Im Rausschmiss-Fall seien die Talente "für Hamburg verloren". Darum müsse der Senat die "individuellen Tragödien der betroffenen Studierenden sowie die drohende kulturelle Verarmung Hamburgs abwenden".

Die Wissenschaftsbehörde verweist auf Kredite zu Sonderkonditionen und Einkommens-Freigrenzen bei der Rückzahlung. Den Kunststudenten helfe das wenig, schreiben die Professoren. Sie wissen: Nach dem Examen gehen die Absolventen hohe Risiken ein und müssen sich durchschlagen, nur wenige können von ihrer künstlerischen Arbeit leben - und schrecken deshalb vor Verschuldung zurück.

"Dann ist die Hochschule kaputt"

"Wären wir ein mittelständischer Zahnstocherhersteller mit drohenden 400 Entlassungen, würde der Bürgermeister persönlich zur Rettung herbeieilen", sagt Werner Büttner. Der Kunstprofessor ist besorgt: "Wenn 80 Prozent exmatrikuliert werden, ist die Hochschule kaputt - dann haben wir keine Studenten mehr." Für Büttner war es ein Schock, als fast alle seiner Studenten die Gebühren auf das Sperrkonto zahlten. "Wenn es zu Exmatrikulationen kommen sollte, müssen wir den Schaden so weit wie möglich begrenzen. Wir müssen herausfinden, ob eine Wiederaufnahme möglich ist", sagt er. Zur Not werde er die Studenten eben "unentgeltlich in meiner Freizeit unterrichten".

Büttner findet es selbstverständlich, sich für seine Studenten einzusetzen. Er nennt das Beispiel Joseph Beuys: Der berühmte Künstler habe einst trotz einer vorgeschriebenen Begrenzung der Studentenzahl einfach alle Studenten in seinem Seminar aufgenommen, die teilnehmen wollte. Beuys wurde daraufhin allerdings hinausgeworfen.

Auch Philosophieprofessor Hans-Joachim Lenger sieht es als "die nächstliegende Pflicht von Hochschullehrern, ein gutes Umfeld zu schaffen und dafür einzustehen, dass die Studenten hier arbeiten können". An den anderen Unis herrsche der Geist der Leisetreterei. Sogar der durchaus dramatisch formulierte Professoren-Appell fiel für Lengers Geschmack zu milde aus. Die Existenz der Hochschule stehe auf dem Spiel, sagt er: "Es herrscht Ratlosigkeit und Resignation."

Obwohl es ihnen an den Kragen geht - die Boykotteure machen keinen ratlosen oder resignierten Eindruck. Sie geben sich kämpferisch. Am HfbK-Eingang prangt jetzt ein großes Plakat mit der Aufschrift "Eintritt kostet 500 Euro". In der Halle und in den langen Gängen hängen Protestbanner, kleben Exmatrikuliert-Aufkleber. Einige Studenten haben die Jahresausstellung boykottiert. Statt Bilder haben sie nur den Satz "Ich stelle nicht aus" eingerahmt und an die Wand gehängt. Sie wollen zeigen: Unter solchen Bedingungen können wir nicht arbeiten.

Was die Studenten vorhaben, wenn sie tatsächlich hinausgeworfen werden? Einige überlegen, nach Berlin oder Düsseldorf zu gehen, weil sie dort nichts zahlen müssen. Peter S., 31, hofft, dass seine Professoren ihn trotzdem weiter unterrichten werden. Und Frank Bentham? "Ich werde dann eben auf meinen Abschluss verzichten. Aber ich werde gehen, bevor die mich exmatrikulieren."

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insgesamt 1563 Beiträge
Don LoC 12.04.2005
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt [...]
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie [...]
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC 12.04.2005
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund 12.04.2005
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran [...]
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer 12.04.2005
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis [...]
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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