Von Katrin Schmiedekampf
Die Johann Wolfgang Goethe-Universität schwört auf ein Zitat von ihrem Namensgeber Goethe. Es lautet "...verdiene dir und erwarte. Von den Großen - Gnade, von den Mächtigen - Gunst. Von den Tätigen und Guten - Förderung". Mit der Förderung hat es geklappt: Die Universität erhält mit 33 Millionen Euro die größte private Zuwendung ihrer Geschichte.
Das Geld stammt aus dem Erbe des 1975 verstorbenen Frankfurter Privatbankiers Alfons Kassel und seiner Ehefrau Gertrud. Mit dem Tod Gertrud Kassels im Februar sei fast das gesamte Vermögen zu Stiftungszwecken freigegeben worden, schreibt die Hochschule in einer Pressemitteilung. "Das Geld selbst bleibt unangetastet. Wir werden mit den Erträgen Projekte finanzieren", sagte Unipräsident Rudolf Steinberg SPIEGEL ONLINE.
Das Land verdoppelt die Summe
Für eine deutsche Bildungseinrichtung sind 33 Millionen Euro eine beachtliche Summe. Während Großspenden von Millionären und Milliardären in den USA eine lange Tradition haben, wurden Deutschlands Hochschulen mit Zuwendungen aus der Wirtschaft nur selten bedacht. Doch das scheint sich gerade zu ändern. So half die Jacobs-Stiftung der Kaffeeröster-Dynastie kürzlich der angeschlagenen privaten International University Bremen mit 200 Millionen Euro aus der Klemme. Der SAP-Mitgründer Hasso Plattner entschied sich für die Finanzierung eines Potsdamer Informatik-Instituts in ähnlichem Umfang. Keine zwei Wochen ist es her, dass der Seefracht Millionär Klaus-Michael Kühne einem Institut für Logistik an der TU Hamburg-Harburg 30 Millionen Euro stiftete.
Doch für die Uni Frankfurt kommt es noch besser: Das eingeworbene Geld wird von der Landesregierung verdoppelt. Die Abmachung: Für jeden Euro, den die Uni von privater Seite einwirbt, will das Land je einen Euro dazuzugeben. Das hatte sie bereits Anfang Juli angekündigt. Damit wird unter anderem ausgeglichen, dass Grundstücke des alten Campus in Bockenheim verkauft werden. Insgesamt will das Land die Hochschule mit bis zu 70 Millionen Euro unterstützen.
Die Uni soll zum 1. Januar 2008 wieder das werden, was sie schon bei der Gründung im Jahre 1914 war: eine einzigartige autonome Stiftungsuniversität. Zwar wird die Hochschule auch in Zukunft mit rund 270 Millionen Euro den größten Teil ihrer Mittel vom Land Hessen beziehen und eine staatliche Einrichtung bleiben. Doch sie gründet außerdem eine Stiftung und wirbt selbst Spenden ein. Eine Chance, die bereits fünf andere Unis ergriffen haben: die Universität Göttingen, Hildesheim und Lüneburg, die tierärztliche Hochschule Hannover und die Fachhochschule Osnabrück.
Die Umwandlung in eine Stiftungsuni des öffentlichen Rechts soll im neuen Hochschulgesetz geregelt werden. Einen entsprechenden Entwurf hatte Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) im März im Landtag in Wiesbaden eingebracht, das Plenum wird voraussichtlich im September darüber abstimmen. Der Senat der Hochschule hat den Plänen bereits zugestimmt.
Witwe bewahrte das Depot auf
Die Kassels sind die ersten potenten Stifter, die die Unileitung gefunden hat. Alfons Kassel (1902-1975) war einer der letzten Einzelbankiers in Deutschland. Im Alter von 30 Jahren hatte sich der gelernte Bankkaufmann 1932 in Berlin mit einem Bankgeschäft selbstständig gemacht. 16 Jahre später gründete er ein neues Unternehmen in Frankfurt. Nach seinem Tod 1975 wurde das Bankgeschäft abgewickelt, die Kunden wurden auf das Bankhaus Metzler übertragen.
Gertrud Kassel bewahrte das Depot ihres Mannes auf, dessen Wert über die Jahre auf mehr als 30 Millionen Euro wuchs. Die Idee, das Vermögen in Form einer Stiftung der Universität zu überlassen, entstand der Uni zufolge bereits im Jahr 1985. Vorstände der Stiftung sind der Frankfurter Bankier Friedrich von Metzler, Uni-Präsident Rudolf Steinberg und Vermögensverwalter Ekkehardt Sättle.
Das Ehepaar Kessel hatte keine Kinder. "Beide interessierten sich für die Wissenschaft, beide waren Frankfurter, da kam ihnen die Idee, ihr Vermögen der Uni zur Verfügung zu stellen", sagte Steinberg SPIEGEL ONLINE. Für ihn kam die Zuwendung nicht überraschend. "Ich habe seit langem gewusst, dass es eine Stiftung zu Gunsten der Uni gibt." Doch Gertrud Kassel (1914- 2007) wollte vor ihrem Tod mit der Stiftung nicht öffentlich in Erscheinung treten.
Asta befürchtet Einflussnahme
Was die Universität mit dem Geld vor hat: Der Stiftungsvorstand prüft Vorschläge, die ihm ein Stiftungsbeirat unterbreitet. Dieser besteht aus vier Professoren und einem Externen. "Wir sind uns einig, dass das Geld ausschließlich den Exzellenz-Bereichen zugute kommen soll", sagte Steinberg. Es werde in die Forschung und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses fließen, solle aber auch dazu dienen, international renommierte Professoren nach Frankfurt zu holen - oder dort zu halten.
Nicht alle an der Frankfurter Uni freuen sich über den Geldsegen. "Wir befürchten, dass diese und andere Stifter Einfluss auf Professoren, Forschung und Lehre nehmen werden", sagte Anja Muhr SPIEGEL ONLINE. Die 26-Jährige ist Vorsitzende des Frankfurter Asta. Sie glaubt: Bald werden nur noch Lehrstühle unterstützt, die wirtschaftlich tragbar seien. "Geistes- und Gesellschaftswissenschaften fallen hinten über, weil sie nicht so profitabel sind." Natürlich finde auch der Asta es "generell gut", wenn die Uni Geld bekomme. "Aber ich glaube einfach nicht an den großherzigen Spender, der ohne Hintergedanken Geld vergibt", sagt die Lehramtstudentin. Im Interesse der Spender stehe es "indirekt Einfluss zu nehmen".
Unipräsident Steinberg findet diese Vermutungen "töricht". Lediglich in bestimmte Bereiche der Uni würden zusätzliche Mittel fließen. Uni-Pressesprecher Olaf Kaltenborn fügt hinzu: "Auch in Harvard verwendet man private Spendengelder."
Die Unileitung verrät: Es laufen bereits Gespräche mit weiteren potenziellen Geldgebern. Namen und Beträge wollte Steinberg aber noch nicht nennen.
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