Von Dorte Huneke
In der türkischen Sprache gibt es viele schöne Wörter. Der Begriff "Emniyet" gehört nicht dazu. Er ist eher ein Reizwort - denn er bezeichnet das zuständige Amt zur Ausstellung von Aufenthaltsgenehmigungen (Emniyet Müdürlüðü). Dort verbringen die deutschen Studenten in Istanbul im Schnitt drei Tage - drei Tage reine Wartezeit, wohlgemerkt.
"Was aber nicht bedeutet, dass man nach dieser Zeit tatsächlich erfolgreich ist", sagt Constanze Kolbe, 23, die seit September letzten Jahres an der Sabanci Universität in Istanbul Politik, Geschichte und Kulturwissenschaften studiert. Viele würden irgendwann aufgeben, nachdem sie Stunde um Stunde in den Warteräumen verbracht und zwischendurch an der Uni Stempel um Stempel, Unterschrift um Unterschrift eingeholt haben. "Was man nicht erwarten kann, sind einheitliche Informationen", sagt Kolbe. Fünf Mal hin und her - und dann noch einmal kommen, um die fertigen Unterlagen abzuholen. Das ist Standard.
Kolbe hatte zunächst Glück. "An unserer Universität gab es anfangs irgendwann einen Termin und wir sind zusammen mit einer Frau von der Uni zur Emniyet gefahren." Nach zehn Minuten war alles erledigt. "Allerdings haben sich die Beamten geweigert, mir eine Genehmigung für zwei Semester auszustellen, obwohl bereits klar war, dass ich ein ganzes Jahr bleiben würde." So war klar, dass sie nach einem halben Jahr wieder zum Amt musste, um einen Verlängerungsantrag zu stellen.
Auf Irrwegen zum Amt
Die Erasmusstudentin Barbara Schindler, 26, hat immer noch eine extra Kopie von ihren Ausweispapieren und zusätzliche Passbilder dabei, wenn ein Behördengang ansteht. "Wenn man etwas beantragt, muss man ständig hier noch eine Unterschrift einholen und dort einen Ausweis vorlegen. Man sollte sich also gleich im voraus wappnen, so gut es geht. Und am besten gibt man alles nur nach Aufforderung Preis", rät sie.
Die Leute, denen Schindler bisher auf ihren Wegen durch die Bosporus-Metropole begegnet ist, waren in der Regel sehr freundlich und hilfsbereit. "Häufig laufen sie noch ein Stück mit, um einem den Weg zu zeigen." Doch wenn jemand hilfsbereit ist, bedeutet das nicht unbedingt, dass er den Weg auch tatsächlich kennt. "Ob man am Ende am richtigen Ort landet, ist eine andere Frage", sagt Schindler. Nicht selten wächst auf diese Weise nur die Zahl der Menschen, die am Erreichen des Ziels beteiligt sind. Denn Regeln ändern sich – und viele verlieren den Überblick. "Allein ist man mit seinen Sorgen jedenfalls selten."
Definitiv braucht man Geduld. Und wenn man selbst nicht Türkisch spricht, nimmt man am besten einen Einheimischen mit, das hilft. Nicht nur, weil kaum jemand Englisch spricht und die meisten Informationen nur auf Türkisch erhältlich sind.
Die Chefs haben Verständnis
Die deutsche Herangehensweise – möglichst schnell abhaken, was zu erledigen ist, ohne viel Gerede drum herum, jeder für sich – führt in der Türkei selten zum Erfolg. Sie kann sogar das Gegenteil bewirken: Durch Drängeln und Eile verlangsamen sich in der Regel die Vorgänge. Alles braucht seine Zeit und der Beamte sitzt am längeren Hebel. In aller Regel gilt: Demonstrativ freundlich und einigermaßen geschwätzig kommt man ans Ziel.
"Die Türken haben offenbar eine andere Einstellung, wenn es darum geht, Zeit zu investieren, selbst wenn es Warten bedeutet", sagt Schindler. "Wenn etwas länger dauert, dann dauert es halt. Und wer deshalb zu spät zur Arbeit kommt, erklärt eben seinem Chef ‚Ich musste zu dem oder dem Amt’ und die Chefs haben Verständnis, denn sie wissen ja selbst, wie lange so etwas dauern kann." Wer für eine Prüfung lernen oder Abgabefristen für Hausarbeiten einhalten muss, hat ein Problem.
Neidisch beäugt werden in der Istanbuler Studentenwelt zudem diejenigen, die es geschafft haben, einen Studenten-Akbil zu ergattern. Als "Akbil" bezeichnet man die kleinen Chips, die als Fahrkarte für Metro, Bus, Tram und Fähre dienen und wiederaufladbar sind." Zuerst hatte mir jemand gesagt, ich müsste nur ein Formular im Internet ausfüllen. An der Verkaufsstelle wollten sie aber einen Stempel von der Uni sehen", erzählt Schindler. "Als ich alles zusammen hatte, mussten die Formulare dann erst über Nacht geprüft werden und einen Tag lang liegen gelassen werden. Und als ich am nächsten Tag wiederkam, sagten sie mir, ich sei am falschen Ort." Immerhin gab es auch hier wieder jemanden, der hilfsbereit ein Stück bis zum richtigen Ort mitging. "Irgendwie habe ich es tatsächlich geschafft, ich weiß gar nicht mehr wie."
Uni-Papiere als Ware
Hinter dem ganzen Verwaltungsaufwand steckt der Versuch, Missbrauch zu verhindern. Doch je höher die Hürden, desto größer die Versuchung, sie zu umgehen. In der Türkei ist daraus ein Katz-und-Maus-Spiel geworden, dass zum Teil kuriose Züge angenommen hat. Wer zum Beispiel einen Studentenausweis als gestohlen meldet und einen neuen beantragen will, muss zunächst in einer der größeren Zeitungen eine Gestohlen-Anzeige schalten. Das soll die Besitzer von Studentenausweisen davon abhalten, die Campus-Papiere zu lukrativer Ware zu machen.
Als vor einigen Wochen Schindlers Portmonee samt Akbil bei einem Feuer in einer Jugendherberge bei Olimpos verbrannte, wusste sie eines ganz sicher: Noch einmal würde sie die Rennerei nicht auf sich nehmen. Doch ohne Studentenausweis - sprich ohne Studentenermäßigung – und ohne Studenten-Fahrkarte ist das Leben in der türkischen Metropole um einiges teurer. "Ich habe mir also einfach eine Zahlenkombination ausgedacht, die ich als Nummer meines Studentenausweises angegeben habe", gesteht Schindler. "Die ganzen Angaben kann ja unmöglich irgendwer ständig überprüfen." Damit hatte sie offenbar Recht. So fährt es sich einfacher. Das ist die Ironie der Bürokratie.
Klare Gewinner sind die Reiseunternehmen. Denn: Regelmäßig einen Fuß über die Grenze gesetzt und aus dem europäischen Ausland wieder eingereist - das geht auch. Über ein Touristenvisum können deutsche Staatsbürger neunzig Tage lang in der Türkei bleiben. Für die meisten ist dies der angenehmere Weg. Auch Kolbe hatte bereits genug abschreckende Geschichten über endlose Warteschlangen und Unterschriften-Jagden gehört. "An einem Wochenende, das Wetter war schön, habe ich beschlossen: Auf nach Bulgarien!"
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