Von Pamo Roth
Wort-Neuschöpfungen elektrisieren Lothar Lemnitzer. Damit der Nachschub nie versiegt, geht der Tübinger Wissenschaftler täglich auf die Jagd und durchkämmt Online-Medien mit einem digitalen Käscher - einem Analyseprogramm, das von seiner Fakultät entwickelt wurde. Das Programm ignoriert Wörter, die bis in die neunziger Jahre im Sprachgebrauch waren. Nur neue Wörter fischt es heraus, zunächst 1500 bis 2000 pro Tag. Jetzt fliegen Eigennamen, uninteressante Verbindungen und Wörter mit Tippfehlern heraus.
Übrig bleiben etwa 15 bis 20 Neologismen - so werden neue Wortbildungen genannt, die zwar noch in keinem Wörterbuch zu finden sind, aber in der Alltagssprache benutzt werden. Lemnitzer fahndet auch nach stilistischer Schönheit: "Ich suche Wörter heraus, die relevant sind, schön in Bezug auf Poesie und Sprachwitz, und die einen bestimmten Zeitgeist transportieren - wie zum Beispiel der 'Problemlösungsbär' Knut." So stößt er auf Schmankerl wie "Erleichterungstrinker", "Du-mich-auch-AG" und "Praktikantenstadl".
Seit dem Jahr 2000 hat Lemnitzer bereits 25.000 Wörter eingefangen und auf seine Internetseite gestellt. Mit der Auflistung der neuen Wörter möchte er den dynamischen Wandel der deutschen Sprache abbilden. "Am Anfang war alles nur als Fallstudie gedacht, um den Wert eines deutschen Referenzkorpus zu zeigen", sagt der Computerlinguist. Das habe sich dann verselbständigt.
"Pattex-Kanzler" versus "Bundesglucke"
Die Neologismen "Basta-Prinzip", "Machtwort-Kompetenz", "Ad-Hoc-" oder auch "Pattex-Kanzler" verbindet man sofort mit dem Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Auch die "Currywurstkompetenz" scheint noch aus der Schröder-Ära zu stammen - tut sie aber nicht. Weniger markig erscheinen die Worterfindungen, die Angela Merkel umschreiben: "Blühfixkanzlerin aus dem Osten" oder "Bundesglucke"; die CDU wurde als "ausgemerkelte" Truppe bezeichnet. Um missverständlichen Interpretationen vorzubeugen, hat Lemnitzer alle Neologismen mit der ursprünglichen Quelle verlinkt.
Überhaupt erzeugt Politik einen lexikalischen Erfindungsreichtum: Die US-Regierung setzte "Binladologen" ein, um die "Mentaliban" zu finden, die "Schurkenstaatler" "talibanisiert" und in einen "Cyber-Dschihad" führt. Bei den Stichwörtern "Problembär" (der hinterrücks erschossene Bruno), "Dönerverschwörung" oder "Arschgeweih-Steuer", die Peer Steinbrück in deutschen Fußgängerzonen einführen wollte, hat man sofort ein Bild vor Augen.
Oft bekommt Lemnitzer Rückmeldungen mit neuen Vorschlägen. Doch er hat auch schon zwei Drohbriefe erhalten, in denen sich Menschen über den Verfall der deutschen Sprache beschweren. Der Vorwurf lässt ihn kalt: "Da ziehe ich den Vergleich zu einer Wetterwarte - die ist auch nicht dafür verantwortlich, wenn es hagelt." Ein besonders garstiges Beispiel für die "Verdenglischung" des Deutschen sei der Anglizismus "Happyologie", um einen angeblich neuen Trend zum Streben nach Glück ausdrücken. "Warum nicht bei Schillers 'Glückseligkeit' bleiben?", fragt Lemnitzer.
Besichtigt man Lemnitzers Fang aus einigen Tagen, fallen besonders Neologismen als Spiegel der sozialen Realität auf: "Leistungsanerkennungsfalle", "Doppeljobber", "Unterschichtenrassismus" oder "Blutmafia". Ob sie es eines Tages in die Wörterbücher schaffen, hängt davon ab, wie sinnvoll sie sind und wie häufig sie gebraucht werden.
Lemnitzers Zehnerliste schöner Neologismen:
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