Von Christine Prußky
Der Inhaber des Lehrstuhls für Gegenwartsbezogene Orientforschung an der Universität Erlangen hat offensichtlich ein gutes Händchen für die Nachwuchsförderung. Als er erfuhr, dass sein Doktorand samt Frau und Säugling noch in der Wohnung seiner Eltern und seiner Schwester lebt, beschaffte er ihm an der Uni einen Schreibtisch, wo sich in Ruhe forschen ließ. Die Geste wird Sanlioglu seinem Doktorvater nie vergessen. Dabei gehört derlei zu den kleineren Mühen eines Professors mit Sinn für Nachwuchsförderung: "Promovenden mit Migrationshintergrund sind anstrengender als andere, weil sie die Sprache nicht so gut beherrschen", sagt Bahadir.
Anders als in den Ingenieur- und den Naturwissenschaften zählten in den Geistes und Sozialwissenschaften geschliffene Formulierungen. Sie zu finden, fällt Zuwandererkindern oft auch dann schwer, wenn sie ihr Leben in Deutschland verbrachten. Das erhöht den Betreuungsaufwand für Professoren. Die Folge: "Aus dem ganzen Bundesgebiet kommen ausländische Kandidaten zu mir und wollen bei mir promovieren. Die meisten sind völlig frustriert", sagt Bahadir.
Die vielen Jahre an bundesdeutschen Universitäten haben aber auch den 61-jährigen Türken ein wenig ernüchtert. Ein Anreizsystem für Professoren, die junge Wissenschaftler mit Migrationshintergrund fördern, das könne sich an Universitäten vielleicht durchsetzen, meint Bahadir. Aber "affirmative action"? Nein, winkt der Professor ab, so weit sei man an deutschen Universitäten noch lange nicht.
Qualität statt Quote
Tatsächlich tut sich Deutschlands "Scientific Comunity" schwer mit Dahrendorfs Vorschlag. "Mit Quotenregelungen, mit starren Vorgaben überhaupt, habe ich ein Problem, weil sie den Geförderten oftmals mehr schaden als nützen", erklärt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz Prof. Dr. Margret Wintermantel ganz im Einklang mit dem Osnabrücker Migrationsforscher Prof. Dr. Klaus Bade. "Im Wissenschaftsbereich muss das oberste Kriterium die Qualität sein", setzt der Karlsruher Elite-Unichef Prof. Dr. Horst Hippler hinterher. Und auch der Deutsche Akademische Austauschdienst und die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) gehen auf Distanz zur Quote.
Das werden Wissenschaftler wie der Heidelberger Stammzellforscher Prof. Dr. Anthony Ho gern hören. Mit Schrecken erinnert sich der in Hongkong geborene Forscher an die Dramen, die sich bei Stellenbesetzungen in den USA abspielten: "Affirmative action schrieb so viel vor. Wir konnten nicht die qualifiziertesten Leute nehmen, wir mussten nach Hautfarbe aussuchen. Die Auswahl dauerte sehr lange und war sehr schmerzhaft", sagt Ho.
Doch nicht nur deshalb spricht er sich dezidiert gegen die Quote aus: "Eine Quotenregelung wird Begünstigte als inkompetent erscheinen lassen nach dem Motto: 'Das sind die Quotenmigranten'." Bevorzugung bei der Aufnahme an der Hochschule oder der Vergabe von Fördermitteln würde zu verstärkten Ressentiments gegenüber den begünstigten Minoritäten führen, glaubt Ho. Sein Plädoyer: "Wir müssen Zuwanderer ermuntern, sich zu bemühen und ihre Sprachkenntnisse zu verbessern." Integration sei ein langwieriger Prozess. Und viel Zeit wäre nötig, um Versäumtes aufzuholen.
Das Problem ist nur: Deutschland läuft die Zeit davon. Nicht umsonst rief Kanzlerin Dr. Angela Merkel im Juli zum Integrationsgipfel und nicht von ungefähr will Bildungsministerin Dr. Annette Schavan im Zuge der Nationalen Qualifizierungsinitiative auch die Zahl der Studierenden mit Migrationshintergrund erhöhen. Doppelt so viele sollen es in fünf Jahren sein.
Dahinter steckt keine Nächstenliebe, sondern wirtschaftspolitische Notwendigkeit: Sinkende Geburtenraten und rücklaufende Zuwanderungszahlen wollen ausgeglichen sein – durch steigende Integrationsbemühungen und Migrantenförderung.
Aus Mangel an Forschern
So sieht das auch die Forschung: "Der Anteil von Wissenschaftlern mit Migrationshintergrund muss höher werden, wenn Deutschland das volle Potenzial seiner Bevölkerung ausschöpfen will", sagt AvH-Generalsekretär Dr. Georg Schütte. Angesichts der Demografie sei das "gar keine Frage". Eine "intensivere Förderung von Kindesbeinen an" wäre wichtig. Denn "hier werden die Grundlagen für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund dafür gelegt, später überhaupt eine wissenschftliche Karriere einzuschlagen", sagt Schütte.
So schwingen sich Hochschule und Wissenschaft auf einen Konsens ein: Das Potenzial der Migranten muss erschlossen werden, ja. Das Hauptaugenmerk liegt aber bei den Schulen und Kindergärten, also außerhalb von Hochschulen und Forschungsinstituten. Dabei bekommt die Wissenschaft den Engpass schon zu spüren. Nach EU-Berechnungen fehlen in Deutschland derzeit 70.000 Forscher, und für das Jahr 2014 prognostiziert das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln einen Mangel an 135.000 Naturwissenschaftlern und 95.000 Ingenieuren. Den Ökonomen zufolge kostet der Fachkräftemangel die Bundesrepublik allein in diesem Jahr 20 Milliarden Euro.
Fatal wirkt vor dem Hintergrund die Botschaft aus der OECD. "Nur in wenigen Ländern ist die Qualifikationsstruktur der Zuwanderer im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung so ungünstig wie in Deutschland. Dies ist ein Grund für die schlechteren Arbeitsmarktergebnisse von Migranten – jedoch nicht der einzige, denn auch hoch qualifizierte Migranten tun sich in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt schwer", heißt es in der Studie "Jobs for Immigrants – Labour Market Integration in Australia, Denmark, Germany and Sweden".
Wo fängt Integration an?
Die Bildungsbenachteiligung ist also nicht das einzige Problem, das Deutschland bei der Integration seiner Zuwanderer lösen muss. Dass auch Frankreich im "Europäischen Jahr der Chancengleichheit für alle 2007" nur bedingt glänzt, mag allenfalls ein schwacher Trost sein. Im März vergangenen Jahres reagierte die Regierung auf die Unruhen in den Vorstädten vom Herbst 2005 und beschloss das lang angekündigte Gesetz zur Chancengleichheit. Damit wurde der anonyme Lebenslauf bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter eingeführt.
Ist der Ausschluss von Diskriminierungschancen gleich Integration? Und ist Deutschlands Wissenschaft am Ende vielleicht doch nicht so weltoffen, wie sie und die Öffentlichkeit gern glauben will? Fakt ist: In der Migrations und Integrationsforschung gibt es noch viele weiße Flecken. Einen davon besetzt das Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung CEWS. Dr. Inken Lind geht dort der Frage nach der Integration von Wissenschaftlerinnen mit Migrationshintergrund in universitäre Laufbahnen nach.
Bewahrheitet sich der Eindruck des Erlanger Orientforschers Sefik Bahadir, schneiden zumindest die sozial und geisteswissenschaftlichen Fakultäten mit ihrer Integrationsleistung nicht so gut ab. Um die Veränderung von Denkstrukturen, darum geht es Bahadir im ersten Schritt. Eine Chance dazu besteht jetzt. Bei der Debatte um "affirmative action". Ralf Dahrendorf hat sie eröffnet.
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