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27.09.2007
 

Zurückgeblieben in Jena

Abschalten im Paradies

Von Andreas Waidosch

In Jena studiert jeder vierte Einwohner. In den Semesterferien ist die Stadt radikal entschleunigt. Wer da bleibt, freut sich: Endlich muss man in der Mensa nicht mehr um einen Platz kämpfen, kann Wände ansprühen oder sich den Ansichten eines Clowns widmen.

Im Semester könnte man sich in Jenas Mensa mit seinem vollem Teller auch direkt an der Geschirrabgabe anstellen - und hätte genug Zeit zum Essen, bis das Tablett schließlich im Rachen der Küche verschwindet. Unablässig schieben sich neue Hungrige in den Speisesaal, vor den Tresen und an den Kassen bilden sich Endlos-Schlangen. Um die 7500 Mahlzeiten gehen über die Mensa-Theken der Stadt, sagt Rolf Pfeifer-Will vom Studentenwerk Thüringen.

In den Semesterferien ist alles anders: Keine noch so große Studentengruppe muss vor dem Essenholen die Tischreihen mit Jacken und Taschen besetzen, um sich genügend Plätze zu sichern, wie es sonst nur Pauschal-Urlauber auf Jahresurlaub tun. "Wir setzen nur noch um die 4000 Essen am Tag ab", sagt Pfeifer-Will.

Besucher erkennen die vorlesungsfreie Zeit daran, dass der Ernst-Abbe-Platz eher einer leblosen Betonwüste gleicht als einem Uni-Campus. Hier, wo auch die größte Mensa untergebracht ist, tummeln sich während des Semesters die meisten der knapp 19.000 Studenten der Friedrich-Schiller-Universität.

Wieso überhaupt wegfahren?

In Jena studiert jeder vierte Einwohner. Nur 1800 Studenten stammen aus der Stadt und dürfen sich als echte Jenenser bezeichnen. Schon während des Semesters fahren an den Wochenenden viele nach Hause. In den Semesterferien aber verlassen ganze Studentenhorden die Stadt - sei es um zu ihrer Familie zu fahren, zu arbeiten, ein Praktikum zu machen oder den Rucksack aufzuschnallen.

In der Stadt wird es sehr ruhig, das Tempo sinkt. Die meisten Dagebliebenen stört das nicht. Im Gegenteil: Medienwissenschaft-Student Sebastian Kratz, 22, freut sich, dass er endlich mal ein paar Bücher seiner Wahl lesen kann. "Alles, nur keine Fachliteratur. Ich habe mir extra seit Wochen Heinrich Bölls 'Ansichten eines Clowns' zurückgelegt", sagt er. Außerdem spielt er Squash und schläft aus.

Elisabeth Pfeiffer, 25, sitzt seit einigen Wochen an ihrer Doktorarbeit in Medizin und freut sich, dass der Andrang in der Bibliothek nicht so groß ist: "Morgens für einen guten Platz nicht unter den Ersten sein zu müssen, bringt viel mehr Flexibilität in meinen Tagesablauf." Dadurch findet sie mehr Zeit für ihre zweite Leidenschaft, das Kochen. Darüber freuen sich ihre Mitbewohner. Aber einmal hat auch Elisabeth Jena verlassen: "Mein Semesterferien-Highlight war ein New-York-Trip mit meiner Mutter."

Die meisten Dagebliebenen müssen ihre Haus-, Diplom- oder Doktorarbeiten schreiben. Das ist aber nicht der Hauptgrund, der sie am Wegfahren hindert. In Jena gibt es viele Möglichkeiten, sich während der Ferien die Zeit zu vertreiben. "In den Semesterferien habe ich endlich wieder mehr Zeit, sprayen zu gehen, was unterm Semester meist eher in Hektik ausartet", sagt Stephan, der wegen seiner besonderen Freizeitbeschäftigung lieber nicht erkannt werden möchte.

Umgeben von steilen Bergen kann man in Jena aber auch wunderbar Rad fahren oder wandern, mitten in der Stadt im Natursee baden gehen oder im Stadtpark abschalten und relaxen. In den Semesterferien ist sein Name Programm - der Park heißt "Jena-Paradies".

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