Von Kurt F. de Swaaf
Die Sonne bricht durch den Herbstnebel, eine Handvoll Studenten tummelt sich auf den Treppen der "Neuen Uni", eines Monumentalbaus aus den Zwanzigern. Über den meterhohen Doppeltüren thront die in Bronze erstarrte Pallas Athena. "Dem lebendigen Geist", steht zu Füßen der griechischen Weisheitsgöttin. Es wirkt wie ein Befehl, nicht wie eine Einladung.
Der steife Schein trügt. Hinter den Fassaden der "Ruperto-Carola" zu Heidelberg, Deutschlands ältester Universität, ist manches in Bewegung geraten. In vielen Instituten herrscht Aufbruchstimmung. Auslöser war und ist die "Exzellenzinitiative" der Bundesregierung mit dem Wettbewerb um Geld und Ehre. Bis zu zehn deutsche Hochschulen sollen demnach zu Elite-Unis gekürt werden; insgesamt geht es um 1,9 Milliarden Euro für die Forschung.
Das stachelt an. "Die Universität ist heute eine andere", sagt Jochen Tröger im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Stimmung ist besser. Dieser Wettbewerb hat die deutsche Wissenschaft deutlich vorangebracht."
Mediziner Tröger muss es wissen. Neben seinem Lehrauftrag war er acht Jahre lang Prorektor und auch für Heidelbergs Exzellenz-Antrag verantwortlich. Der Start verlief unglücklich: Als vor einem Jahr die ersten drei auserwählten Hochschulen den akademischen Ritterschlag erhielten, ging Heidelberg, einer der Favoriten, leer aus.
Die Herrschaft der kleinen Könige
"Eine herbe Enttäuschung", so Tröger, bis Ende September Prorektor. Aber man habe aus der Niederlage gelernt. "Unser erster Antrag enthielt keine genaue Mittelzuweisung, das war einer der stärksten Kritikpunkte", sagt er. Eine detaillierte Stärken-Schwächen-Analyse fehlte ebenfalls, "dem sind wir jetzt begegnet".
70 Seiten stark ist das neue Antragswerk mit dem Titel "Heidelberg: Zukunft einer Volluniversität". Die ambitionierten Verfasser haben die geplante Verwendung von insgesamt 81 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren ebenso akribisch aufgelistet wie die Zeitpläne. Die Uni steht in den Startlöchern und wartet, dass am Freitag die Entscheidung in der zweiten und letzten Runde fällt.
Danach will man sofort zum Beispiel "effiziente Teamstrukturen" über die "traditionellen Grenzen" zwischen den Wissenschaftsdisziplinen hinweg bilden und Promotions-Programme auf die "Bedürfnisse junger Akademiker" abstimmen. Lauter vernünftige, naheliegende Ansätze. Warum wurden sie nicht früher umgesetzt?
"Es fehlte einfach das Geld", sagt Jochen Tröger - ein bundesweit prägendes Manko: "Die Universitäten sind dramatisch unterfinanziert." Allerdings dürfte das Knausern von Bund und Ländern nicht der einzige Hemmschuh des akademischen Fortschritts sein. Manche Blockade steckt in den Köpfen. Kooperation und Kommunikation sind nicht die Stärken des deutschen Wissenschaftsbetriebs; oft herrschen Professoren herrschen über ihre Fachbereiche, als wären es kleine Königreiche. Mit geschlossenen Grenzen.
Aussicht auf das große Geld führt Gelehrte zusammen
Axel Michaels kennt das Problem aus nächster Nähe: "Man ist als Lehrstuhlinhaber nicht gezwungen, mit anderen zusammen zu arbeiten", erläutert der Professor unumwunden. Das gelte besonders für Geisteswissenschaftler. Michaels selbst leitet die Abteilung klassische Indologie am Heidelberger Südasien-Institut, kurz SAI. Hier arbeiten Kulturwissenschaftler mit Ökonomen, Politologen, Historikern und Geographen unter einem Dach. Die Beteiligung des SAI an Heidelbergs Elite-Vorstoß liegt vor allem in der Planung des Exzellenzclusters "Asia and Europe", zusammen mit anderen Uni-Instituten. Eine interdisziplinäre Forschungsplattform soll entstehen und sich der Dynamik kultureller Austauschprozesse - historisch wie heute - widmen. Fördersumme: 40 Millionen Euro.
Doch bevor die Mittel fließen können, mussten sich erst einmal die Gelehrten austauschen und gemeinsam den Antrag formulieren. "Die Aussicht auf das große Geld hat Leute zusammengeführt, die sich vorher kaum grüßten", meint Axel Michaels mit einem Lächeln. So gesehen hat die Exzellenzinitiative in der Tat schon eine heilsame Wirkung entfaltet.
Dass die Heidelberger sich des Kooperationsproblems bewusst sind, zeigt auch das geplante "Marsilius-Kolleg" mit einem Jahresbudget von zwei Millionen Euro. Das virtuelle Institut für interdisziplinäre Studien soll sich der "großen Fragen unserer Zeit" annehmen, etwa "Menschenwürde" und "die alternde Gesellschaft". Entstehen soll ein "intellektuelles Netzwerk" für einen "Dialog zwischen Wissenschaftskulturen". Man hat eben Großes vor.
Und wo bleibt die Lehre?
Goldgräber-Stimmung hat auch die Naturwissenschaftler und Mediziner erfasst. Jürgen Debus, Koordinator des Krebsforschungs-Exzellenzclusters "Translational Oncology", möchte mit Mittel der Exzellenzinitiative die Entwicklungszeiten neuer Krebstherapien drastisch verkürzen. "Derzeit liegen diese bei etwa 20 Jahren", erklärt Debus. Um die "informelle Lücke" zwischen Grundlagenforschung und der Anwendung der Ergebnisse im klinischen Bereich zu schließe, brauche man Fachkräfte. 50 Prozent der Fördersumme des Exzellenzclusters sollen daher der Ausbildung von Nachwuchstalenten zugute kommen.
Die längst fällige Innovations-Offensive soll Heidelberg auch weltweit Geltung verschaffen. "Die Initiative ist eine erstklassige Möglichkeit, unsere Forschung auf internationalen Standard zu heben und sich global zu profilieren", schwärmt SAI-Ethnologin Christiane Brosius. "Wir werden Wissenschaftler aus Asien einladen und finanzieren können." Und was passiert, wenn Heidelberg Freitag nicht zu den Siegern zählt? "Hoffentlich setzt dann keine Resignation ein", bangt Brosius.
Schwere Bedenken haben Studenten. Vertreter der Fachschaftskonferenz befürchten, dass die Initiative die Schieflage zwischen einigen Fakultäten verstärken wird. "Es werden die gefördert, die bereits genug Drittmittel erhalten", beklagen sie. Da ist wohl was dran. So widmet der Exzellenz-Antrag den modernen Literaturwissenschaften vier magere Zeilen im Kapitel "Langfristige Planung" - ohne Budgetzuweisung. Für die eh stark geförderte Molekulare Biologie sind dagegen zwölf Millionen Euro vorgesehen.
Außerdem, so meinen die Fachschafter, komme die Didaktik zu kurz. Viele Professoren würden sich kaum um ihre Studenten kümmern und sich stattdessen in der Forschung eingraben. Aber was, bitteschön, wäre eine Elite-Uni ohne erstklassige Lehre?
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