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13.12.2007
 

Aufbau Ost

Jena will Studentenparadies werden

Von Jan Patjens

Die "studentenfreundlichste Stadt Europas" möchte Jena werden und seine Hochschulen unwiderstehlich machen - her mit den jungen Leute aus aller Welt. Wie das genau gehen soll, weiß noch niemand. Und mit dem Werbegetrommel ist Jena keineswegs allein.

"Thüringen ist eines von den schwierigen Bundesländern", singt der Liedermacher Rainald Grebe in seiner inoffiziellen Landeshymne, "denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen."

Jena ist eine Stadt in Thüringen. Im Zentrum steht ein Hochhaus mit Glasfassade, der Jen-Tower, der Park neben der Bahnlinie heißt "Paradies", so wie die Haltestelle an der ICE-Trasse Berlin-München. Es gibt in Jena eine der ältesten Universitäten Deutschlands und eine moderne Fachhochschule. Früher lebten Goethe und Schiller hier, dann legte Carl Zeiss den Grundstein für die optische Industrie. Heute ist Jena ein ostdeutsches Hightech-Zentrum, die Stadt boomt - und die Einkaufspassage heißt "Neue Mitte".


Nur ist es eben so, dass das alles kaum jemand weiß, jenseits von Thüringen.

Für die Stadt könnte das bald zu einem Problem werden. Noch leben hier rund 100.000 Menschen, über 25.000 Studenten sind an Universität und Fachhochschule eingeschrieben. Doch wegen des demografischen Wandels in Ostdeutschland droht die Studiennachfrage in den nächsten Jahren einzubrechen. Etwa 86 Prozent der Studenten in Jena kommen derzeit aus den neuen Bundesländern - wenn die jungen Leute dort immer weniger werden, ist der Hochschulstandort Jena bedroht.

Darum braucht Jena dringend Studienbewerber aus Westdeutschland und dem Ausland - die womöglich noch gar nicht wissen, dass es Jena überhaupt gibt. Das soll sich nun ändern.

Wettbewerbsvorteil koschere Bratwurst

Im März ließ der Rektor der Friedrich-Schiller-Universität, Klaus Dicke, in einer Pressemitteilung verlauten, Jena solle die "studentenfreundlichste Stadt in Europa" werden. Er habe eine Arbeitsgruppe mit dem Titel "Studentenparadies Jena" einberufen. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Hochschulen sollten zusammentragen, was Jena zu bieten hat und was Studenten wünschen.

Mit dem Werbegetrommel ist Jena nicht allein. Auch andere ostdeutsche Städte wollen sich für Studenten unwiderstehlich machen. In Erfurt bekommen Studenten jedes Semester 100 Euro, Dresden lockt mit Kulturgutscheinen, Greifswald verlost unter den Erstsemestern einen Segeltörn auf der Ostsee.


Und offenbar ist es gar nicht so einfach, studentenfreundlichste Stadt Europas zu werden. Sieben Monate nach der laut tönenden Ankündigung hat sich jedenfalls die Jenaer Arbeitsgruppe noch immer nicht getroffen. Und einige Mitglieder wissen nicht, dass sie ihr angehören sollen. Der ursprüngliche Zeitplan sei nicht einzuhalten, heißt es aus der Universität. Man müsse erst definieren und systematisieren. Ein Marketing-Gag sei das alles aber nicht.

Im ersten Stock des sandfarbenen Universitätshauptgebäudes sitzt Rektor Dicke in seinem geräumigen Arbeitszimmer. Die Ölgemälde an der Wand verweisen auf die Tradition der 1558 gegründeten Hochschule, und ihr Chef spricht von einer großen Zukunft. "Jena kann im Club der zehn bedeutendsten Universitätsstädte Europas mitspielen", sagt er. Edinburgh, Coimbra oder Leuven - das seien Adressen, an denen die Stadt sich messen wolle. Und was hat Jena zu bieten? "Kurze Wege", sagt da der Rektor. Und sonst? "Das Studentenleben!" Dicke gibt gleich ein Beispiel für Völkerverständigung im Saaletal: Israelis aus dem Graduiertenkolleg hätten die Thüringer Bratwurst für koscher erklärt.

Machen kurze Wege und koschere Bratwurst eine Uni zur Spitzen-Uni? Auf jeden Fall müsse man "zielgruppenspezifisch" vorgehen, sagt der Rektor. Zum Beispiel die Kinderbetreuung in den Abendstunden und am Wochenende verbessern. Jedem ausländischen Studenten solle ein "Buddy" an die Seite gestellt werden. Nein, kein Leibwächter zum Schutz vor Skinheads - sondern ein freundlicher Tutor. Dann gerät Dicke kurz ins Schwärmen: An schottischen Universitäten gebe es so hübsch gepflegte Rasenflächen. Das könne man vielleicht übernehmen, um den grauen Vorplatz des Hauptgebäudes zu verschönern.

Hurra, Jena ist Stadt der Wissenschaft 2008

Prorektor Kurt-Dieter Koschmieder koordiniert die Arbeitsgruppe und stellt gleich klar, dass Jena keine Studienbewerber zweiter Klasse an seine Hochschulen holen will: "Wir wollen nicht den Rest, nicht diejenigen, die in Marburg oder Karlsruhe keinen Studienplatz mehr bekommen haben", sagt er. Ziel sei es, bessere Studenten zu gewinnen. Derzeit gebe es eine Abbrecherquote von 20 bis 30 Prozent, in den Seminarräumen säßen auch manche, die "keinen Bock" hätten. Ein Schlaraffenland, in dem Einser-Scheine an den Bäumen baumeln, schwebt Koschmieder nicht vor. Nicht jeder soll ins Studentenparadies kommen.

Wenn der Prorektor über Jena spricht, ist Begeisterung zu spüren. Seine Hände sausen durch die Luft, ab und zu schlägt er auf den Tisch. "Die Stadt lebt durch die Menschen", sagt er, hält inne und blickt eindringlich über den Rand seiner Brille hinweg.

Hier könne man sich über "Gott und die Welt" unterhalten, es gebe ein "Klima der Kommunikation", das könne er gar nicht beschreiben. Wie soll die Stadt zur studentenfreundlichsten in Europa werden? "Die Studenten sollen sich bei uns wohl fühlen. Es sind viele Kleinigkeiten, die dazu beitragen", sagt Koschmieder. Die Vermittlung von Praktika müsse beispielsweise verbessert, Beratungsangebote sollten ausgebaut werden. Wichtig findet der Prorektor, dass Erstsemester von Oberbürgermeister und Dekan begrüßt werden. Und dass Kinder von Studenten in der Mensa neuerdings einen eigenen Teller bekommen. Ach ja: In Jena gebe es natürlich auch viele Sport- und Kulturangebote - und das Nachtleben.


Oberbürgermeister Albrecht Schröter hat sein Büro in einem bescheidenen Verwaltungsgebäude. Stolz zeigt er auf eine gerahmte Urkunde: Jena ist "Stadt der Wissenschaft 2008". Von der Kampagne der Uni ist Schröter angetan: "Studentenfreundlichste Stadt Europas, das ist ein schönes Ziel, ich habe sofort meine Unterstützung zugesagt", sagt er. Ob man es erreiche, sei eine andere Frage; es gebe ja keine Kriterien und keine Jury. Zudem seien die finanziellen Mittel der Stadt begrenzt: "Ich kann nicht das Füllhorn versprechen."

Er telefoniert, um herauszufinden, was die Stadtverwaltung denn für Studenten tut. Bekommt ein Student, der seinen Hauptwohnsitz nach Jena verlegt, eine Prämie? Ja, die Stadt zahlt 30 Euro pro Vierteljahr, maximal 120 Euro. Und der städtische Beitrag zum Semesterticket müsse erhalten bleiben. Aber das Finanzielle sei doch gar nicht so wichtig. "Entscheidend ist das gemütliche Flair."

Junge Stadt, hässlicher Campus

Auf dem Campus warten Gerrit Hansen und Katja Krone vor einem Hörsaal. Sie haben noch nichts von den großen Zielen des Uni-Rektors gehört. Studentenfreundlichste Stadt, das sei schon "sehr dick aufgetragen", finden sie. Aber es gefällt ihnen im überschaubaren Jena. Hansen, 27, war zunächst an der TU Harburg eingeschrieben. "Da war es mir zu voll und zu anonym", sagt er. Nun studiert er an der Jenaer Fachhochschule Werkstofftechnik. Da gebe es kleine Lerngruppen und eine moderne Ausstattung. "Jena ist eine junge Stadt, man lernt schnell Leute kennen", sagt er.

Soziologiestudentin Katja Krone, 23, stimmt ihm zu. Sie sei ganz bewusst von Leipzig nach Jena gegangen. "Der Campus ist zwar ziemlich hässlich, aber man ist in zehn Minuten im Grünen und in den Bergen." Die kurzen Wege, ja.

Einige Studenten geben ihren Ärger darüber zu Protokoll, dass die Landesregierung zum Wintersemester Verwaltungsgebühren in Höhe von 50 Euro eingeführt hat. Es gebe zu wenig Studentenjobs, in der Innenstadt fehlten Fahrradwege. Viele finden die Wohnungssituation katastrophal. Zu Semesterbeginn ist es schwierig, in Jena eine Unterkunft zu finden, die Mieten sind für ostdeutsche Verhältnisse hoch. "Das ist nicht studentenfreundlich", sagt Krone. "Nicht jeder will in Lobeda wohnen."

Lobeda liegt im Südosten Jenas. Alle paar Minuten rattert eine Straßenbahn vom Campus in die Trabantenstadt. Plattenbauten stehen hier an tristen Straßen. Auf Balkonen pflegen alte Frauen Geranien, vor dem Supermarkt trinken Männer Bier. "Fußballspielen verboten, Fahrradfahren verboten" steht auf einem Schild, darunter prangt ein Nazi-Aufkleber. Auch das gehört zur Universitätsstadt Jena: In Lobeda wohnen viele Studenten, weil die Mieten günstiger sind, das Studentenwerk bietet hier fast die Hälfte seiner rund 3000 Wohnheimplätze an. Das Paradies stellt man sich irgendwie anders vor - aber das kann ja noch werden.

"Jena ist schon in Ordnung", sagt Geografiestudent Martin Milbradt, 24. Und wenn Regen auf die Muschelkalkhänge fällt, so ist zu hören, dann riecht es hier sogar nach Meer.

Doch Jena liegt in Thüringen, etwas versteckt im mittleren Saaletal. Da muss man wohl manchmal etwas lauter werden, um gehört zu werden.

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