Von Susanne Amann
Es ist nicht ganz einfach, die Manager von morgen zu finden. Man muss Bonn Richtung Westen verlassen, das kleine Dörfchen Alfter passieren, sich den Berg hoch schlängeln und schließlich noch ein Stück durch den Wald fahren. Hier liegt, neben Pferdekoppeln und mit Blick aufs Tal, die Alanus-Hochschule. In einem ehemaligen Gutshof weitab von allen Wirtschaftszentren sollen künftige Führungspersönlichkeiten und Unternehmer reifen.
Auf dem Parkplatz zwischen den Autos sitzen Studenten auf dem Boden verteilt und zeichnen. Im Innenhof meißeln sie an riesigen Steinquadern, mit Schutzbrille und Arbeitskittel bekleidet. In einem der Ateliers wird an Skulpturen modelliert, überall wuseln junge Menschen. Konzentrierte Geschäftigkeit hängt in der staubigen Luft.
In erster Linie ist die Alanus Hochschule eine staatlich anerkannte Kunsthochschule. Architektur, Malerei, Bildhauerei und Schauspiel kann man hier studieren. Seit einem guten Jahr ist aber ein Studiengang dazu gekommen, den man hier eigentlich nicht vermutet: Betriebswirtschaftslehre.
"Wirtschaft neu denken" heißt das Motto, unter dem inzwischen 69 Studenten Grundkenntnisse in BWL, Makroökonomie, Statistik und Rechnungswesen lernen. Aber die jungen Menschen sollen auch Fragen stellen, die darüber hinausgehen: "Wie viel Phantasie verträgt die Ökonomie?", "Wer analysiert eigentlich die Analysten?" und "Sind Butterberge die Folge von Milchmädchenrechnungen?", heißt es auf der Homepage und im Prospekt. Der Studiengang hat, so scheint es, wenig mit den BWL-Angeboten klassischer Unis und Businessschulen zu tun.
Kreativität lernen für das spätere Arbeiten
"Wir suchen Studenten, die kritische Fragen stellen, die umfassend denken und informiert werden wollen", sagt Markus Mau, Professor und Fachbereichsleiter des Studiengangs. Gemeinsam mit seinen Kollegen will er ihnen beibringen, offen für neue Lösungswege zu werden, flexibel auf ungeplante Situationen zu reagieren und darüber nachzudenken, welche gesellschaftliche Verantwortung Unternehmen haben. "Das alles kommt bei normalen BWL-Studiengängen viel zu kurz."
Die Kunst soll das ändern: Studenten wie Katharina Funke und Florian Spathelf absolvieren neben den klassischen BWL-Seminaren nicht nur einen verhältnismäßig großen Praxisanteil von 20 Wochen pro Jahr. Einen genauso großen Teil nehmen Kunst und das Studium generale ein, das aus Improvisationstheater, Ethik und Kunstgeschichte, aber auch Bildhauerei, Malerei und Fremdsprachen bestehen kann. "Das Herangehen an Kunst ist ergebnisoffen und zielorientiert", sagt Mau. "Wir glauben, dass das Impulse gibt und Kreativität weckt, die später auf das Arbeiten in Unternehmen übertragen werden können."
Deshalb bekommen die Studenten Schauspielunterricht, malern, bildhauern, lernen Französisch, Englisch und andere Sprachen - auch wenn das Einlassen auf die fachfremde Betätigung nicht immer einfach ist: "Da kommt man schon an seine Grenzen, wenn man pantomimisch 'etwas suchen' darstellen soll - und das über Minuten", sagt der 23-jährige Spathelf. Kaum weniger einfach war auch die Aufgabe, in einer Gruppe einen Turm aus Pappe zu bauen - und das, ohne miteinander reden zu dürfen.
"Uns ist wichtig, dass die Studenten neben den üblichen Soft-Skills den Perspektivwechsel lernen", sagt Mau, der selbst ganz klassisch BWL studiert und nach Praxisjahren in Industrie und Handel als Berater bei der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers und an der Justus-Liebig-Universität in Gießen gearbeitet hat. "Denn genau das ist es, was Führungspersönlichkeiten und Entscheider später können müssen - aber an der normalen Uni lernen das die wenigsten."
"Fähigkeit zur Führungsverantwortung fehlt"
Das denken offenbar auch viele Unternehmen, die den Studiengang mitentwickelt haben und als Partner unterstützen. Die Entwicklungsphase haben vor allem der Drogeriemarkt dm und die Biomarktkette Alnatura vorangetrieben, später kamen der Naturkosmetikkonzern Weleda und andere mittelständische Unternehmen hinzu. Inzwischen gehören selbst große Handelsunternehmen wie Rewe und Konsumgüterkonzerne wie Henkel und L'Oreal zu den Firmen, die Praktikumsplätze anbieten.
"Uns fehlen häufig die weichen Faktoren, die soziale Kompetenz und die Fähigkeit, Führungsverantwortung zu übernehmen", begründet Manfred Stoffel-Kehry, Geschäftsführer bei dm und zuständig für das Ressort Mitarbeiter, das Engagement seines Unternehmens. Nicht immer funktioniere alles nach Plan, man müsse deshalb lernen, mit den Unwägbarkeiten und der neuen Situation umzugehen.
"Beweglichkeit im Denken, die Lust, neue Wege zu gehen, und die Freude an Innovation gehören zu den großen Herausforderungen in der Wirtschaft", erklärt auch Manon Haccius von Alnatura, warum sich ihr Unternehmen von Anfang für den Studiengang begeistert hat. Wirtschaftliche Zusammenhänge auf die Frage einer möglichst hohen Rendite zu reduzieren, werde den Ansprüchen von Unternehmern nicht gerecht. "Von dieser Sichtweise wollen wir mit dem Studiengang wegkommen."
Tatsächlich sind es ernsthafte junge Menschen, die nicht zufällig an dieser Hochschule und bei diesem Studiengang gelandet sind. Sie sagen Sätze, in denen viel von Verantwortung, fairen Arbeitsbedingungen, Prozessen, Zukunftsorientierung und innovativer Unternehmenskultur die Rede ist. "Wirtschaft darf kein Selbstläufer sein, sondern muss sich in gewissen Grenzen bewegen", sagt etwa Katharina Funke, die sich selbst für "eher wirtschaftskritisch" hält. Ihrer Meinung nach funktioniert Wirtschaft nur dann richtig, wenn "Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette fair mit Menschen umgehen".
Wirtschaft neu zu denken ist nicht ganz billig
Gemeinsam mit ihren Kommilitonen diskutiert sie freiwillig über Mindestlöhne, das Grundeinkommen oder die Frage, welche Rolle die Wirtschaft in einer Gesellschaft spielen sollte. "Unsere Studenten sind deutlich sensibler für bestimmte Themen", sagt Fachbereichsleiter Mau.
Der Auslese ist an der Alanus-Hochschule deutlich komplizierter als an einer herkömmlichen Uni: Nach einer schriftlichen Bewerbung mit Lebenslauf und ausführlicher Begründung müssen die Aspiranten ein Auswahlgespräch überstehen, bevor sie eine vorläufige Zusage erhalten. Aber erst, wenn die Studenten einen Praxisplatz bei einem der Partnerunternehmen gefunden haben, wird die Zusage auch endgültig.
Dazu kommt: Wirtschaft neu zu denken ist nicht ganz billig. Jeden Monat fallen Studiengebühren in Höhe von 700 Euro an - allerdings ist eine Gegenfinanzierung in Form eines zinslosen Kredits durch einen Fonds der Hochschule und der Partnerunternehmen möglich. Der verfügt in seiner vollen Ausbaustufe über rund eine Million Euro. "Bei uns kann jeder studieren, es scheitert sicher nicht an finanziellen Gründen", sagt Mau. Und vor allem sei die Hochschule dank der Studiengebühren unabhängig.
Seine Studenten haben kein Problem damit, dass sie für ihre Ausbildung zahlen müssen. "Durch die Studiengebühren wird ein Bewusstsein für den Wert der Ausbildung geschaffen", sagt Florian Spathelf. "Wirtschaftlich betrachtet bringt die Investition in Bildung die besten Zinsen."
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