Finnland ist ein kaltes, dunkles Land mit schweigsamen Einwohnern. Diese Vorstellung haben viele - meine Freunde und meine Familie wunderten sich sehr, dass ich dort für ein halbes Jahr studieren wollte. Aber in die klassischen Erasmus-Länder Frankreich, Spanien oder Italien wollte ich nicht, sondern etwas anderes sehen.
Natürlich war ich gespannt auf das Uni-Leben der Pisa-Sieger und von der Hochschule in Vaasa sofort begeistert: Es gibt viele Computerarbeitsplätze und hochmodern ausgestattete Hörsäle, aber keine Schmierereien auf den Tischen oder klebrigen Kaugummis unter den Stühlen. Der Campus gilt als der schönste Finnlands: Er liegt direkt am Wasser, die Bibliothek hat eine komplett verglaste Fensterfront mit Blick auf das Meer.
In Deutschland studiere ich Internationales Informationsmanagement, eine Kombination aus Sprachwissenschaften, BWL und Politik. In Vaasa gibt es ein großes Angebot an Kursen auf Englisch. Meinen Stundenplan durfte ich mir selbst zusammenstellen. Besonders spannend fand ich dabei Kurse wie "Finnish Economy" zur finnischen Wirtschaftsgeschichte, besonders zum Einfluss der Sowjetunion auf die ökonomische Entwicklung Finnlands.
Nicht von den Eltern abhängig
Auch am Stadtbild Vaasas sieht man den Einfluss Russlands und Schwedens. Zu beiden Ländern hat Finnland einmal gehört, ist erst seit 1917 unabhängig. Funktionale Betonbauten wechseln sich oft mit idyllischen Holzhäusern ab und machen die Stadt sehr kontrastreich.
Finnische Professoren legen viel Wert auf Gruppenarbeit. Häufig bearbeiten wir in internationalen Teams Fallstudien und präsentieren sie dann. Die meisten Kurse sind Blockkurse, jede Woche hat man einen komplett neuen Stundenplan.
Zunächst war dieses System für mich sehr gewöhnungsbedürftig, inzwischen gefällt es mir richtig gut. Die Gefahr, in einen Alltagstrott zu verfallen, ist nicht so groß. Um sich zu entspannen, kann man nach der Vorlesung in die Sauna gehen. Zur Abkühlung setzt man sich dann in einen Holzzuber - einen Wasserbottich, der unter freiem Himmel steht.
In Finnland sind Studenten nicht so sehr vom sozialen Status ihrer Eltern abhängig. Jeder Student bekommt monatlich rund 400 Euro vom Staat, die er später nicht zurückzahlen muss. Die Finnen, die ich kennengelernt habe, waren sehr erstaunt darüber, dass in Deutschland in aller Regel die Eltern das Studium finanzieren und dass Studenten nur dann staatliche Unterstützung bekommen, wenn die Eltern sich die Finanzierung nicht leisten können.
Nur "Alko"-Shops sind erlaubt
Als Student muss man hier trotzdem darauf achten, sparsam mit seinem Geld umzugehen. Lebensmittel, insbesondere Milchprodukte, Obst und Gemüse sind wesentlich teurer als in Deutschland. 200 Gramm Schnittkäse kosten oft drei bis vier Euro, ein Kilo Paprika sieben Euro. In Diskotheken wie in ganz normalen Kneipen zahlt man fast immer zwischen drei und fünf Euro Eintritt, außerdem zwei Euro für die Garderobe. Und knapp fünf Euro für ein Bier. Da können durchzechte Nächte den Kontostand schnell schlecht aussehen lassen.
Außer in Restaurants, Kneipen und Diskotheken kann man Alkohol mit mehr als 4,7 Prozent nur in den staatlichen "Alko"-Shops kaufen. Zwischen 1912 und 1932 war Alkoholkonsum in Finnland gänzlich verboten, danach versuchte die Regierung mithilfe von "Alko" und saftigen Steuern Einfluss auf den Konsum ihrer Bürger zu nehmen - bis heute. Trotzdem sieht man schon am frühen Abend extrem viele Betrunkene durch die Straßen wanken.
Besonderheit in Vaasa: Dort werden zwei Sprachen gesprochen, etwa zu drei Viertel Finnisch und zu einem Viertel Schwedisch. Die kulturelle und sprachliche Kluft unter den 60.000 Einwohnern ist groß. In der Schule müssen alle Kinder durchgängig Finnisch lernen, Schwedisch kann dagegen in der Oberstufe abgewählt werden.
Verzwickte Aussprache, melodiöser Klang
Ich lerne zurzeit beide Sprachen. Schwedisch ist für mich aber wesentlich einfacher, da es dem Deutschen und Englischen sehr ähnlich ist. Mit meinem schwedischsprachigen Tandempartner Mikael übe ich einmal in der Woche beim gemeinsamen Kochen, Feiern oder Billard spielen das echte Alltagsschwedisch.
Finnisch gehört zum finno-ugrischen Sprachstamm und hat darum rein gar nichts mit Englisch, Spanisch, Französisch oder Latein zu tun. Trotzdem macht es mir viel Spaß, ich mag den Klang der melodiösen Sprache. Spricht man selber Finnisch, sollte man unbedingt auf einen hörbaren Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen achten: "Tapaan" zum Beispiel heißt "Ich treffe dich" - und "tapan" bedeutet "Ich töte dich".
Das halbe Jahr in Finnland ist in einigen Wochen schon vorbei, ich möchte es um nichts in der Welt missen. Eine meiner wichtigsten Erfahrungen ist wohl die, dass ich in der Lage bin, allein in ein fremdes Land zu gehen und mir dort ein Umfeld aufzubauen, in dem ich mich zu Hause fühle.
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