Von André Anwar und Markus Flohr
Das Karolinska-Institut in Stockholm ist eine feine Adresse. Einmal im Jahr vergibt sein Komitee den Nobelpreis für Medizin, jedes Jahr lassen sich hier 250 Ärzte examinieren. Es gilt als einer der besten Plätze in Nordeuropa, um Arzt zu werden. Um einen der begehrten Ausbildungsplätze zu bekommen, müssen die Bewerber ein intensives Auswahl-Verfahren durchlaufen.
Jetzt hat das Karolinska einen jungen Ex-Nazi aufgenommen, der vor acht Jahren zusammen mit zwei Komplizen den Gewerkschafter Benny Söderberg ermordet hat – nach dem Mord demonstrierten damals in ganz Schweden Zehntausende Menschen gegen den rechten Terror. Die Polizei fasste den Täter. Im Jahr 2000 wurde er vom Oberlandesgericht in Stockholm zu elf Jahren Haft verurteilt. Im Februar kam er auf Bewährung frei und bewarb sich am Karolinska. In Schweden diskutieren die Menschen jetzt, ob solch ein Mörder Arzt werden darf.
Bei den Tests schwieg er über den Mord
"Im September bekam ich zwei anonyme Briefe, in denen stand, dass er verurteilt ist", sagte die Rektorin des Karolinska Instituts Harriet Wallberg-Henriksson zur Tageszeitung "Dagens Nyheter". Sie sei der Sache nachgegangen und es habe sich herausgestellt, dass sie stimmt. "Wir haben dann die Polizei angerufen", so Wallberg-Henriksson, "wir wollten wissen, ob er sich selbst in Gefahr befindet und ob er für die anderen Studenten eine Gefahr darstellt." Sie kamen zu dem Ergebnis, dass der Student weiter lernen darf.
Bis zu diesem Tag im September wusste die Institutsleiterin nichts von der dunklen Vergangenheit ihres neuen Studenten. Der junge Mann hatte sich einen anderen Namen zugelegt – auf dem Bewerbungsbogen fürs Karolinska stand sein neuer. Einer, den es in jedem schwedischen Dorf mindestens dreimal gibt. In Deutschland hätte er sich zum Beispiel "Peter Müller" oder "Christian Meier" genannt.
Im Auswahlverfahren hat der Student alles verschwiegen: Er musste einen Aufsatz über seine Lebensgeschichte schreiben – und erwähnte nicht mit einem Wort, dass er dafür verurteilt worden ist, am 12. Oktober 1999 den Gewerkschafter Björn Söderberg ermordet zu haben. Dass er und seine Komplizen Söderberg im Treppenhaus vor seiner Wohnung sechsmal in den Kopf geschossen haben. Und danach noch in den Körper.
In einem 45 Minuten langen persönlichen Auswahlgespräch musste er den Fragen eines Psychologen antworten. Vermutlich verdrängte er die rechtsradikalen Ideen, denen er damals nachhing. Dass er mit zwei Komplizen Söderberg buchstäblich exekutierte. Aus Rache dafür, das Söderberg an seinem Arbeitsplatz dafür gesorgt hatte, dass ein bekannter Neonazi den Posten als Vertrauensmann verlor.
Oberstaatsanwältin Kerstin Skarp sprach damals von einem "politischen Mord". Auf dem Computer des jungen Rechtsradikalen, der Söderberg auf dem Gewissen hat, fand die Polizei eine "Todesliste" mit Namen von Politikern, Journalisten, Gewerkschaftern, Linken, Homosexuellen und Juden.
Der Test-Psychologe kam ihm nicht auf die Schliche. Wer fragt auch schon: "Haben Sie jemanden ermordet?" Laut Richtlinienkatalog stellt das Karolinska Institut durch die Tests "empathisches Vermögen, soziale Fähigkeiten und Reife" der Bewerber auf die Probe. Durch die Aufnahme zum Studium wurde dem Ex-Nazi bestätigt, dass er all dies hat.
Wann soll jemand eine zweite Chance bekommen?
"Wir kamen zum Ergebnis, dass der Student auf korrekte Weise angenommen wurde – da stehen wir in der Pflicht, ihm diese Ausbildung auch zu bieten", sagte Rektorin Harriet Wallberg-Henriksson zu "Dagens Nyheter". "Wir haben kein Recht, jemanden zu exmatrikulieren, weil er oder sie im Gefängnis gesessen hat." Sie könne zwar verstehen, dass viele Menschen das bei einem verurteilten Mörder anders sehen, sagte sie. "Es ist ein ethisches Dilemma: Wann soll jemand eine zweite Chance im Leben bekommen?"
Die Zeitungen begannen, bei dem Studenten anzurufen. Er flehte sie an, nicht über seinen Fall zu schreiben: "Was soll das? Ihr findet, dass ich ungeeignet bin? Ich muss doch irgendwann einmal weiter gehen dürfen in meinem Leben. Ich habe die Tests bestanden. Ich werde nicht abbrechen", sagte er zu "Dagens Nyheter". Ein richtiges Interview wollte er niemandem geben.
Vor gut einer Woche kam die Geschichte an die Öffentlichkeit. Seitdem diskutieren die Menschen in Schweden heftig darüber: In der Ärztefachzeitung "Dagens Medicin" poltern die Mediziner: "Wir wollen keinen Mörder zum Kollegen." Selbst Karolinska-Rektorin Harriet Wallberg-Henriksson würde nicht zu einem Doktor gehen, von dem sie weiß, dass er einen Mord begangen hat: "Ich bin selbst Ärztin und der Patient muss schließlich Vertrauen zum Arzt haben", sagte sie zu "Dagens Nyheter".
Es gibt aber auch Schweden, die für den Studenten argumentieren: "Ich habe viel mit ihm geredet. Die Haftstrafe hat ihn deutlich verändert. Er wird ein guter Arzt, wenn man ihn lässt. Und wenn er den Mediendruck jetzt durchsteht", schrieb ein anonymer Leser auf der Internetseite von "Dagens Medicin". Er behauptet, er sei ein Angestellter des Karolinska-Instituts.
Man kann die Geschichte des Studenten auch als Bilderbuchmärchen lesen: Der Mann, der nun Menschen heilen wird, statt sie zu töten. Ein Hörer der Radiofragestunde "Ring P1" beim schwedischen Staatsradio sagte: "Wenn die richtige Strafe erst nach dem Strafvollzug in der Freiheit folgt, indem Kriminelle keine anständige Chance im Leben bekommen, sondern nur schlechte Jobs – dann kann man genauso gut die Todesstrafe wieder einführen".
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