Aus Kiew berichtet André Eichhofer
Schewtschenko-Uni Kiew: Ukrainische Kaderschmiede
Als Viktor hört, dass deutsche Studenten auf die Straße gehen, weil sie keine Studiengebühren zahlen wollen, schüttelt er den Kopf: "Demonstrieren? Wer an unseren Top-Unis studiert, hat das doch gar nicht nötig." Immerhin stünden deren Absolventen später alle Türen offen. "Solche Unis habt ihr in Deutschland nicht", verkündet Viktor stolz.
Seit einem Jahr studiert er Wirtschaftsrecht an der Taras-Schewtschenko-Universität in Kiew. Wer zu Sowjetzeiten an der renommierten Hochschule eingeschrieben war, gehörte schon damals zu den Privilegierten. Heute brütet die Kaderschmiede die Elite des Landes aus: Manager, Juristen, Regierungsbeamte - viele Spitzenpositionen sind für Abgänger der Schewtschenko-Uni reserviert. Eines hat die Hochschule mit amerikanischen Elite-Unis gemeinsam: Zutritt zum Campus erhalten die meisten nur, wenn sie gepfefferte Gebühren zahlen.
Studium fast nur für Reiche
Den Preis berechnet die Uni anhand einer einfachen Formel: Je beliebter das Studienfach, desto höher die Aufnahmegebühr. Am meisten verlangt das Institut für Internationale Beziehungen; die Absolventen haben gute Chancen auf einen Job im Außenministerium. 21.654 Dollar blättern die angehenden Diplomaten hin. Das Jurastudium kostet 18.935 Dollar. Mathe, Chemie oder Physik sind vergleichsweise billig: 5410 Dollar.
Die Beträge gelten für das komplette Studium und sind für ukrainische Verhältnisse enorm hoch. Das Geld wird gleich bei der Immatrikulation fällig. Man zahlt in Dollar, denn das ist - auch wegen der galoppierenden Inflation - längst die inoffizielle Währung.
Viktor erzählt, wieso er sich das teure Studium leisten kann: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stieg sein Vater ins Immobiliengeschäft ein, scheffelte mehr Geld als viele Westeuropäer in ihrem ganzen Leben verdienen. Ein Monatsgehalt seines Vaters reiche aus, um ihm das Jurastudium zu finanzieren.
Eine Sprecherin der Schewtschenko-Universität will klarstellen, dass dort nicht nur Reiche studieren: "Wir bieten auch budgetierte Studienplätze an, für die man keine Gebühren zahlen muss." Aber die Zahl dieser kostenlosen Studienplätze ist gering, die Nachfrage riesig. Zu den Aufnahmeprüfungen im Sommer strömen die Abiturienten scharenweise, drängeln sich vor den Prüfungsräumen und hoffen, eines der raren Stipendien zu ergattern. Am größten ist der Ansturm auf die Fächer Wirtschaft, Jura und internationale Beziehungen, zeigt eine Statistik des ukrainischen Bildungsministeriums. So reißen sich im Fach Wirtschaftsrecht 16 Abiturienten um einen budgetierten Studienplatz.
"10.000 Dollar? Das ist doch ein Vermögen"
Auch die Kiewer Mohyla-Akademie zählt zu den besten Hochschulen des Landes. Wer an der Traditions-Uni Finanzwesen, Recht oder Ökonomie studieren will und kein Stipendium hat, muss 17.000 Dollar locker machen. Jakob, Austauschstudent aus Berlin, hat dort zwei Semester studiert. "Die Universität ist sehr westlich orientiert. Viele Dozenten haben im Ausland gelernt", so der DAAD-Stipendiat.
Unter den Technischen Universitäten steht das Kiewer Polytechnische Institut auf Platz eins. Ein Studium an der Hochschule kostet 10.000 Dollar - pro Jahr.
"Leider ist unser Bildungssystem nicht gerecht", klagt Maria, Psychologie-Studentin aus Kiew. Zwar könne in der Ukraine jeder Abiturient studieren, jedoch nicht an den beliebten Fakultäten. "10.000 Dollar für ein Studium? Das ist doch ein Vermögen!" Maria schlägt die Hände über den Kopf zusammen. Sie rechnet vor, was die meisten Ukrainer verdienen: um die 160 Dollar im Monat.
Professoren verdienen zwar etwas mehr. Aber nicht allen reicht die die Summe auf ihrem Gehaltsscheck. Manche haben eine Möglichkeit entdeckt, ihr Einkommen aufzubessern: Gegen gutes Geld gibt's gute Noten. "Dass es an einigen Unis nicht mit rechten Dingen zugeht, ist ein offenes Geheimnis", erzählt Jakob, der ehemalige Austauschstudent aus Berlin. "Aber natürlich redet man nicht gern über das Thema."
Gute Noten vom korrupten Prof
Wie tief müssen Studenten in der Brieftasche graben, um an gute Noten zu kommen? Die Wochenzeitung "Ukraine i Mir" wollte es genau wissen. Das Ergebnis ihrer Uni-Recherche: Die beste Note, in der Ukraine ein Fünf, kostet demnach 150 Dollar. Für die zweitbeste Note, eine Vier, verlange der Prof 100 Dollar. Wer 50 Dollar hinblättere, bekomme immerhin noch eine Drei, berichtete die Zeitung.
Juri Romanenko ist Direktor des Zentrums für angewandte Politik in Kiew und beschäftigt sich auch mit dem Tabuthema Korruption. In einer Studie listet der Politologe die am meisten korrumpierten Bildungseinrichtungen auf. Ganz oben: ausgerechnet die drei Top-Hochschulen, die Schewtschenko-Uni, das Polytechnische Institut und die Mohyla-Akademie. Die Hochschulleitung der Schewtschenko-Universität wollte dazu gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht Stellung nehmen. Und auf die Frage, ob man sich zum Korruptionsproblem äußern wolle, haben auch die anderen Hochschulen nur eine Antwort: "Njet."
Doch der ukrainische Bildungsminister Stanislaw Nikolaenko musste vor kurzem in "Ukraina i Mir" zugeben: "Wir haben ein Problem mit Korruption." Es werde alles getan, um Amtsmissbrauch zu bekämpfen. Das Bildungsministerium habe eine Hotline eingerichtet, unter der die Bürger bestechliche Hochschulbeamte anschwärzen können. "Man sollte die Gehälter der Dozenten erhöhen",sagt Politologe Romanenko, "außerdem müssen Professoren, die Schmiergeld annehmen, bestraft werden."
Der Ghostwriter liefert frische Diplomarbeiten
Um an gute Noten zu kommen, haben einige Studenten noch andere Tricks auf Lager. Statt dem Professor Geld zuzustecken, heuern sie einen der vielen Ghostwriter an. Die werben ganz offen mit ihren Diensten. An einem Laternenpfahl in der Nähe der Schewtschenko-Universität klebt ein Flyer: "Referate, Klausuren, Diplomarbeiten - mit Garantie." Auf einem Schnipsel zum Abreißen stehen Telefonnummer und E-Mail-Adresse des Ghostwriters.
"Ich bedaure Studenten, die auf solche Mauscheleien angewiesen sind", sagt Maria. Wie Viktor studiert sie an der Schewtschenko-Universität, muss aber keinen Cent für das Studium zahlen. "Ich hatte Glück und habe ein Stipendium bekommen", sagt sie - und wirkt dabei ein wenig verlegen.
Um sich etwas Taschengeld zu verdienen, geht Maria während der Semesterferien arbeiten. In einem tristen Plattenbau-Vorort von Kiew leistet sie psychologische Hilfe in einer Schule, kümmert sich dort um die Kinder. An der Wand hängen Bilder, die sie mit den Kindern gemalt hat.
Maria wirkt nachdenklich. Dann sagt sie: "Die meisten Studenten sind ehrlich, auch die meisten Professoren. In jedem Land gibt es nun mal Menschen, die es mit fairen Mitteln zu nichts bringen."
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