Von Britta Mersch
Sean Byron muss sein Publikum nur begrüßen - und schon lachen die Leute ohne zu wissen, warum. Ein kurzes, schüchternes "Hallo" des aufgedrehten Schweizers genügt, dazu eine hektische Bewegung, ein amüsierter Blick. In den kommenden Minuten verfeuert Byron eine rasante Abfolge von Wortspielen: Der freundliche Bruder von Loch Ness? Loch Nett. Die sportliche Schwester? Fit Ness. Wie nennt man eine Mücke in der Schweiz? "Mucke". Verwirrung deshalb auch, wenn ein Deutscher findet: "Super Mucke". Da denkt der Schweizer: "Tinnitus?"
Sean Byron führt ein rasantes Leben. Der 28-Jährige lebt in Zürich, arbeitet in einer Manufaktur für Stempelsysteme, hat ein kleines Modelabel, eine Rap-Gruppe, zieht gerne durch das Zürcher Nachtleben. "Außerdem liebe und lebe ich Humor", sagt der Mann mit der braunen Kappe. Byron möchte sich noch ein weiteres Standbein als Comedian aufbauen. Daher macht er an der Comedy-Academy in Köln einen Wochenend-Kurs.
Das Talent ist da: Schon in der Schule hat er seine Mitschüler zum Lachen gebracht, wenn er seine Klassenlehrerin Frau Suhr – in der Schweiz klingt das wie "sauer" – den Spitznamen "Frau Süß" hinterher rief. Doch Sean Byron muss noch viel lernen. Einen guten Auftritt zu entwickeln, ist harte Arbeit.
Das lernen auch die anderen Teilnehmer, die an diesem Wochenende auf der Testbühne der Kölner Comedy Academy stehen. Sie sind zwischen 20 und 50 Jahre alt - und könnten unterschiedlicher nicht sein. Die einen stehen verschüchtert in der Ecke, blühen aber auf, sobald sie vor Publikum stehen. Andere versuchen auch in Privatgesprächen, aus jedem Satz eine Pointe zu machen. Aufgedreht sind sie alle: Viele von ihnen träumen von einer Karriere als Comedian.
Für das Seminar haben die Teilnehmer kurze Programmausschnitte von bis zu acht Minuten entwickelt: Eine Persiflage zum Musical "Shrek" ist dabei, ebenso Nummern, die sich den Problemen von Männern und Frauen widmen. Die Teilnehmer brauchen Mut. Viele von ihnen stehen zum ersten Mal auf der Bühne – und müssen sich nach ihrem Auftritt nicht nur die Kritik der anderen Nachwuchskomiker gefallen lassen, sondern auch das Urteil des TV- und Bühnenregisseurs Thorsten Sievert.
Der hat zwar Lob für gelungene Witze übrig - ist aber sonst sehr kritisch. Er achtet auf Dramaturgie, Mimik und Wortwitz. Sievert fragt sich zum Beispiel: Warum hält der 30-jährige Matthias Hinkel während seines gesamten Auftritts die Brille in der Hand? Gehört das zur Nummer? Die Persiflage des Musicals "Shrek" von Alexander Entzminger findet der Regisseur zwar schön schräg - aber zu verwirrend, weil Außenstehende nicht wissen, um welches Musical es eigentlich geht. Am Auftritt des IT-Systemkaufmanns Andreas Keßler gefällt dem Comedy-Trainer das Ende nicht. Da lasse der spektakuläre Bericht über den Krankenhausaufenthalt in der Silvesternacht deutlich nach, die Zuschauer würden abschalten.
Die Teilnehmer sind dagegen angespannt: Einigen zittern bei den Auftritten die Hände, andere sind so aufgeregt, dass sie den Faden verlieren. Der Schweizer Marcel Weber ist zwar auch nervös, er lässt sich aber nichts anmerken. Er hat lange als Manager einer Eventagentur gearbeitet, kündigte den Job, um als Kabarettist Karriere zu machen. "In meinem Beruf hatte ich ein Problem", sagt der 48-Jährige, "wenn ich schlechte Mitteilungen überbringen musste, haben die Leute gelacht."
In seinem Kurzprogramm erklärt Weber den Zuschauern, wie die Schweizer funktionieren – und macht sich dabei gerne über sich selbst lustig. Er erzählt von einem Abend, an dem er zu einer Single-Party gegangen ist und auf dem Nachhauseweg feststellte, dass das Motto stimmt: Er hatte niemanden gefunden. Marcel Weber macht Pausen, wenn die Teilnehmer lachen, er wirkt gelassen und selbstbewusst - wie ein Profi.
"Man muss Niederlagen einstecken können"
Auch viele andere Darbietungen des Comedy-Nachwuchses wirken recht professionell. "Etwa die Hälfte" hätten das Zeug für eine Bühnenkarriere, schätzt der Coach Thorsten Sievert. Das Talent spiele dabei die geringste Rolle. "Die Teilnehmer müssen vor allem die Bereitschaft mitbringen, hart für ihre Karriere zu arbeiten und auch mit Niederlagen fertig zu werden."
Hoffnung gibt es: Einige bekannte deutsche Comedians haben ihre Karriere bei einem solchen Workshop begonnen. So wie Carolin Kebekus, die mittlerweile auf vielen Comedy-Bühnen auftritt und in TV-Produktionen mitwirkt. Oder Murat Topal, ein ehemaliger Polizist, der durch Deutschland tourt.
Mit dem Besuch eines Wochenend-Seminars ist es aber nicht getan. Die angehenden Künstler müssen viel Zeit und Ausdauer investieren, an ihren Programmen und dem Ausdruck feilen. Viele von ihnen stehen daher mehrmals auf der Testbühne. Professionelles Coaching wie in Köln ist nicht gerade billig: Ein Gruppentraining kostet um die 200 Euro, ein Einzelcoaching um die 600 Euro.
Sean Byron ist es das wert. Ihm traut man eine Karriere als Komiker zu. Was er erzählt, ist einfach lustig. Deswegen ist es auch nicht überraschend, dass er nach seinem Auftritt viel positives Feedback bekommt. "Meine Stärken sind die Wortspiele und das Tempo", sagt der Schweizer. Dann legt er gleich wieder los: "Weiß jemand, was ein Keyboard ist? Ein Schlüsselbrett…"
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