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68-Aufstand Der Muff von 40 Jahren

2. Teil: Die großen Gesellschaftsentwürfe und die Verschwörungs-Theorien sind passé - was zählt stattdessen?


Der militanteste Teil der Bewegung entschloss sich dazu, den Kampf gegen den verhassten Staat nun bewaffnet als Rote Armee Fraktion fortzuführen. Dem nun beginnenden Terror fielen insgesamt über 30 Menschen zum Opfer.

Das alles ist Geschichte, wie sich vier Jahrzehnte nach 68 an der Technischen Universität Chemnitz beobachten lässt. Dort zeichnet Politikprofessor Alfons Söllner eine Silhouette an die Tafel, die einem verunglückten Matterhorn ähnelt: "So in etwa verlief die Protestbewegung in Deutschland." Zwei weitere schwungvolle Zeichnungen für Frankreich und USA folgen.

Das Hauptseminar trägt den Titel "Die deutsche Studentenbewegung 1967-69". Der Raum ist bis auf den letzten Platz belegt, die meisten der 40 Kursteilnehmer sind zwischen 1985 und 1987 geboren. Rudi Dutschke, den SDS oder Benno Ohnesorg kennen sie nur aus Erzählungen oder Büchern. Spätestens bis zum Ende des Semesters müssen sie sich jedoch einen gründlichen Überblick gebildet haben, der Klausurtermin rückt näher.

"Ich glaube, dass man die Bewegung auf jeden Fall mit einer gewissen Skepsis betrachten muss", sagt Peter Virgin, 20, später in der Mensa. "Schließlich hat sich daraus auch die Terrororganisation Rote Armee Fraktion entwickelt." Virgin stochert in den Spätzle, die welk zwischen den Bohnen auf dem Teller liegen. "Unter dem Strich kam aber sicher mehr Gutes als Schlechtes dabei heraus. Die Universitäten sind demokratischer und offener geworden."

Studenten heute: Pragmatisch, aber durchaus aktiv

"In einigen wichtigen Punkten konnten die 68er kaum etwas bewegen", meint hingegen Julia Nickel, 22, die den Jusos angehört. Gründe, auf die Straße zu gehen, gebe es heute noch genauso wie damals. "Und das tun wir ja auch." Erst im Dezember hätten in Dresden mehr als 7000 Hochschüler gegen eine Reform des Sächsischen Hochschulgesetzes demonstriert.

Vielleicht ist dieser eher pragmatische Ansatz typisch für die heutige Studentengeneration. An fragwürdige politische Großinterpretationen vom Schlage "USA-SA-SS" oder Verschwörungstheorien von allgegenwärtiger "Manipulation" oder "Konsumterror" will heute kaum noch jemand anknüpfen.

Die Aktionen von Frankfurter und Marburger Studenten, die im Frühjahr 2006 Autobahnen und Bahngleise blockierten und dafür teilweise Bewährungsstrafen wegen Nötigung und Freiheitsberaubung kassierten, erscheinen da schon fast radikal. Im Vorfeld der Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen im Januar waren lediglich jeweils einige hundert Studenten bereit, gegen bereits eingeführte Studiengebühren auf die Straße zu gehen.

"Die Art des Engagements und des Interesses hat sich geändert", sagt Stephan Leibfried, Politologe an der Universität Bremen und Hochschullehrer seit 1974. "Wenn es um das Einfordern besserer Arbeitsbedingungen geht, sind die heutigen Studenten sehr aktiv, sie orientieren sich an betriebsnahen Themen."

Das politische Interesse von Studenten hat sich über Jahre hinweg kaum geändert, hat die Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz ermittelt. Im vorvergangenen Jahr gaben 94 Prozent der Studenten an, sie verfolgten das allgemeine politische Geschehen, ähnlich viel wie in den Jahren 1998 mit 92 Prozent oder 1987 mit 95 Prozent.

Ein Haufen Karrieristen und Opportunisten?

Nach einer Erhebung des Hochschul Informations Systems (HIS) engagieren sich zwei Drittel der Studenten gesellschaftlich - sei es im Sportverein, in der Big Band oder im Studierendenparlament. Allerdings stecke "hinter diesen hohen Zahlen pragmatisches Kalkül", erläutert Lars Fischer, Verfasser der HIS-Studie. "Die Studenten setzen sich mit Blick auf ihre spätere Berufskarriere zunehmend unter Druck. Es gehört bei vielen Arbeitgebern zum guten Ton, dass man Engagement vorweist."

Die um 1988 Geborenen - ein Haufen Opportunisten, die sich ins gemachte Nest setzen und davon profitieren, dass die 68er die "unbewohnbare Bundesrepublik erst bewohnbar" gemacht haben, wie es der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger zugespitzt hat? Eine Bande Karrieristen, denen das eigene Fortkommen wichtiger ist als das Gemeinwohl?

Ironischerweise sind daran vielleicht tatsächlich die 68er mit schuld. HIS-Autor Fischer vermutet den Hauptgrund für das neue Engagement nämlich in der "Umstrukturierung des deutschen Studiensystems" in diesem Jahrzehnt - und die kann man mit einigem Recht auch als Reform der Reformen der 68er begreifen.

Diese hatten der alten Universität Humboldtscher Prägung den Garaus gemacht ohne zu wissen, was an deren Stelle treten sollte. Mit dem notwendigen Ausbau gingen den Hochschulen auch die Standards verloren. Zensuren wurden entwertet, Praxisnähe war als Anbiederung an die Wirtschaft verpönt.

Um den Ansturm an Studierwilligen zu bewältigen, wurden in großem Stil neue Dozenten eingestellt, oft mit wenig Rücksicht auf deren akademische Qualifikationen. Diese "Discount-Professoren" (Historiker Götz Aly) besetzten die Lehrstühle auf Jahre. Stiftungsfeste und akademische Feiern wurden abgeschafft, Repräsentation galt als gestrig.

Sogar die einst verhassten Talare tauchen wieder auf

Seit einigen Jahren ist die Gegenbewegung in vollem Gang: Die Studienzeiten wurden mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse gestrafft. Nicht mehr der Anspruch auf Selbstfindung gibt den Takt vor, sondern ein verschulter Stundenplan. Wettbewerb ist kein Schimpfwort mehr, Elitenförderung ein Standortfaktor.

Mit der Einführung von Studiengebühren in mehreren Bundesländern ging auch die Episode des Umsonst-Studiums zu Ende, die 1970 begann, als das Hörergeld von 150 bis 300 Mark abgeschafft wurde. Selbst die einst verhassten Talare tauchen wieder auf - getragen werden sie nun von Studenten bei Abschlussfeiern und Zeugnisübergaben, freiwillig. "Im Grunde sind diese Veränderungen im Ergebnis viel radikaler als die Umwälzungen, die die 68er für die Universitäten gebracht haben", sagt Politikprofessor Söllner.

Die Kehrseite der neuformatierten Hochschule: Für freies Denken und Exkurse außerhalb des Stundenplans bleibt wenig Raum, wenn es auch noch die spärliche Freizeit karrierefördernd zu organisieren gilt. Die Hochschule bildet dabei nur die Veränderung der Arbeitswelt ab.

Anders als die Generation der 68er sehen sich heutige Jungakademiker einem scharfen Wettbewerb um Stellen und Aufstiegschancen ausgesetzt: Während in den sechziger Jahren gerade einmal acht Prozent eines Altersjahrgangs studierten, sind es heute immerhin 37 Prozent. Und der Trend hält an: In der jüngsten Studentenumfrage des Automobilzulieferers Continental gaben die Befragten an, sie erwarteten von der globalisierten Arbeitswelt "Arbeiten im Ausland" und "mehr Konkurrenz / Wettbewerbsdruck".

"Arbeitslosigkeit kannten wir 68er nur aus Büchern"

"Ich räume ein, dass Studenten es heute wesentlich schwerer haben, ihren Platz in der Gesellschaft aktiv einzunehmen", sagt Detlev Albers, Politikprofessor, SPD-Politiker und einstiger Bannerträger der Revolte. "Arbeitslosigkeit kannten wir 68er zumeist nur aus Büchern."

Albers wurde zum Protest-Promi, weil er den wohl berühmtesten öffentlichen Spruch der 68er mitgeprägt hatte: "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren". Am 9. November 1967 setzte sich der damalige Jurastudent gemeinsam mit seinem Freund Gert Hinnerk Behlmer an die Spitze der universitären Würdenträger, die zur feierlichen Übergabe des Rektorats ins Audimax der Universität Hamburg einzogen.

Die beiden Revoluzzer waren gekleidet wie Konfirmanden, mit Schlips und Kragen; als Albers aus der Innentasche seines Jacketts heraus das schwarze Transparent entrollte, zitterten ihm die Knie. Mit dem Vers habe man thematisieren wollen, so Albers, dass sich die Hochschulen "bislang vor der Aufarbeitung ihrer Rolle im Dritten Reich gedrückt hatten". Der Ausruf eines erbosten Professors bestätigte umgehend die Anschuldigung der beiden Studenten: "Ihr gehört ins KZ!"

Solche historischen Konfrontationen kehrten nicht wieder, sagt Protestforscher Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Damals seien die Proteste "eine ungeheure Provokation" gewesen, heute fehlten hingegen "ein klar definierter Gegner, ein starkes Wir-Gefühl und eine beflügelnde Utopie".

Die Zahl der Studenten, die bereit seien, ihr Interesse öffentlich kundzutun, sei im Vergleich zu 68 eher gestiegen. Sie äußerten aber ihren Protest "überwiegend universitätsbezogen". Bei einer kleinen Gruppe der Jüngeren stelle er allerdings einen "verstärkten Drang zum Utopischen" fest.

Seine ganz persönliche Synthese aus 68 formulierte ein StudiVZ-Diskutand so: "Wir tanzen nicht nackt durch den Regen, mögen weder Gewalt noch Kriege, hören gute Musik, lesen vielleicht sogar mal ein Buch, tolerieren nicht alles, duschen regelmäßig und gehen zum Frisör, haben ein gesundes Verhältnis zu unserer Sexualität und unseren Gefühlen, halten den Sozialstaat für richtig, obwohl wir persönlich nicht unbedingt auf ihn angewiesen sind."

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