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23.02.2008
 

Rotfront an der Uni

"Die letzte Schlacht"

Von Xenia von Polier

Die Linke will in den westlichen Bundesländern Fuß fassen. Darum sucht sie mit großem Aufwand studentische Unterstützer und lässt den SDS wieder aufleben - in Hessen und Niedersachsen war die Strategie schon erfolgreich, jetzt soll Hamburg folgen.

Christoph Timann, 29, braune Haare, schwarze Brille, hat einen Traum: eine Welt, in der alle Menschen sorgenfrei sind und solidarisch miteinander umgehen.

An den Universitäten dieser Traumwelt dürfen Hochschüler studieren, was und wie lange sie wollen. Kein fieser Numerus clausus hindert sie daran, sich in ihre Lieblingsthemen zu vertiefen, ein Abiturzeugnis ist nicht vonnöten. Zeitdruck und Jobängste des noch existierenden "kapitalistischen Systems" sind unbekannt: Das Studium ist kostenfrei, für ihre Bemühungen in der Studierstube bekommen die Akademiker eine monatliche Grundversorgung vom Staat ausbezahlt.

An dieser Agenda arbeitet Timann, Philosophiestudent im 18. Semester, mit einer vor einigen Monaten neu gegründeten Hochschulgruppe, deren Hamburger Verband er vorsteht: Die Linke.SDS, die Hochschulorganisation der Linken, wirbt bundesweit um studentische Unterstützer - auch für die Mutterpartei.

Die Offensive an den Unis ist Teil der Expansionsstrategie in Richtung Westen, mit der sich Die Linke als gesamtdeutsche Partei zu etablieren versucht. In Bremen, Niedersachsen und Hessen gelang ihr bereits der Sprung in westdeutsche Landesparlamente, in Hamburg soll die große studentische Wählerschaft mithelfen, diesen Erfolg bei der morgigen Bürgerschaftswahl zu wiederholen.

Enge Verzahnung mit der Mutterpartei

Bei den Wahlen zum Studierendenparlament der Universität Hamburg im Januar schaffte Die Linke.SDS aus dem Stand über sieben Prozent, immerhin halb so viel wie die Juso-Hochschulgruppe und viermal mehr als der christdemokratische RCDS. Timann ist sich sicher, dass dieser Achtungserfolg nur ein erster Schritt war. Im Mai vergangenen Jahres hatten sich rund hundert Delegierte aus drei Dutzend Hochschulen in Frankfurt getroffen, um Die Linke.SDS zu gründen, mittlerweile gibt es Ortsgruppen an etwa 50 Hochschulen.

Die Verzahnung zwischen studentischen Kadern und der Mutterpartei ist eng: Im hessischen Landtagswahlkampf besuchte der Parteivorsitzende Oskar Lafontaine die Universitäten Gießen und Frankfurt, um dort um die Gunst der Studenten zu werben. In Hamburg ist die Spitzenkandidatin bei der Asta-Wahl zugleich Spitzenkandidatin der Partei in einem Stadtbezirk für die Bürgerschaftswahl. "Wir machen indirekt Wahlkampf für Die Linke auf dem Campus", erklärt Serdar Damar, 28, von der Linken.SDS Frankfurt am Main.

Das Kalkül der Mutterpartei erscheint logisch: Die Linke ist in der Altersgruppe von 18 bis 34 Jahren unterrepräsentiert, ihre Parteifunktionäre rekrutieren sich in weiten Teilen aus alten DDR-Kadern im Osten und frustrierten Gewerkschaftern im Westen.

Der linke Hochschulverband soll deshalb "durch die Bedienung studentischer Klischees" und durch den Auftritt einzelner "Vorzeige-Studierender" für ein "etwas hipperes" Erscheinungsbild der Partei sorgen, erläutert Nele Hirsch, bildungspolitische Sprecherin der Linken im Deutschen Bundestag, die Erwartung vieler Parteifunktionäre.

Der Hochschulverband sei demnach ein gutes Instrument, "um Vorstellungen der Linken an den Hochschulen zu propagieren und dort um Unterstützung zu werben". Hirsch, 27, war selbst zunächst als Studentenvertreterin im Kampf gegen Studiengebühren aktiv, bevor sie für den Bundestag kandidierte. Bei anderen Studentenpolitikern lässt die massive Präsenz der Linken an den Hochschulen die Alarmglocken schrillen.

Gewollter Anklang zum historischen SDS-Vorbild

Denn die neuen Konkurrenten sind finanziell gut ausgestattet: Die Juso-Hochschulgruppe schätzt das Budget der Linken.SDS auf 100.000 Euro pro Jahr. Im Hamburger Uni-Wahlkampf verteilten die Linken rund 14.000 Flugblätter und stellten etwa hundert Plakatwände auf, der Vorsitzende Timann sieht sich und seine Mitstreiter "auf Augenhöhe mit den Jusos".

Bei ihrem Werben um studentische Stimmen gerieren sich die Linken als wahre Erben der 68er: "SDS" steht hier zwar für "Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband", doch der Anklang zum historischen Vorbild, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, ist durchaus gewollt. Für den Mai dieses Jahres bereitet Die Linke.SDS einen großen Kongress "40 Jahre 68" vor. Slogan: "Die letzte Schlacht gewinnen wir!" Ziel ist es, eine neue Studentenrevolte an den bundesdeutschen Hochschulen loszutreten.

Dabei sind, wie bei den Namensvettern, die Übergänge zur linksextremen Szene fließend. Die Linke saugt bisher verstreute Splittergruppen von marxistischen, linksautonomen und globalisierungskritischen Studenten auf. In einigen Bundesländern wird Die Linke.SDS, genau wie die "Linksjugend ['solid]", verdächtigt, verfassungsfeindliche Ziele zu verfolgen.

In Rheinland-Pfalz stehen die Organisationen, genauso wie die Mutterpartei, unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Sie propagierten, so heißt es beim Verfassungsschutz, "die Errichtung einer neuen sozialistischen Gesellschaftsordnung als notwendiges Ziel und als gebotenen Ausweg aus der vermeintlichen Krise des kapitalistischen Systems".

"Der harte Kern unserer Hochschulgruppe besteht im Moment zu 90 Prozent aus Marxisten", erzählt Julia Meier vom Linke.SDS-Ableger in Freiburg. Sie macht nicht nur gegen Studiengebühren mobil, sondern auch gegen die Nato und die Ungerechtigkeiten der Globalisierung.

Für zermürbende Detailarbeit in den Hochschulgremien bleibt bei solch einer ideologischen Flughöhe kaum Platz. Lieber setzt Die Linke auf Protest und außerparlamentarische Opposition - Mitgestalten könnte das Selbstverständnis gefährden.

"Wenn ich die konstruktive Mitarbeit ablehne, verkenne ich die Realität an den Hochschulen", kritisiert Christian Berg vom Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen. "Die Studenten erwarten konkrete Verbesserungen an ihren Universitäten und keinen populistischen Sozialkitsch."

Tom Münster, 26-jähriger Sprecher der grünen Hochschulorganisation Campusgrün, baut auf die Einsicht seiner Kommilitonen: "Das ist eine Luftblase, die bald platzt. Auch Die Linke.SDS wird irgendwann von der Realität eingeholt werden."

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