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Forschen auf Madagaskar Treffen mit dem kleinen Unbekannten

2. Teil: Mausmaki 00060DBC4B im OP

00060DBC4B kommt in den OP, das heißt auf einen kleinen Holztisch im Materialzelt des Camps. Giertz beginnt sofort mit der Untersuchung. Die Biologin bereitet das "Operationsbesteck" vor und macht sich dann an die Betäubung. Aus der Falle, einer handelsüblichen Sherman-Falle für Kleinsäuger, bugsiert sie ihr Entführungsopfer in eine Plastiktüte. Durch die Tüte hindurch verpasst sie dem kleinen Lemuren mit der Spritze 0,3 Milliliter des Narkosemittels Ketamin-Hydrochlorid. Binnen Sekunden schläft das Tier ein.

Noch in der Einkaufstüte wird der Mausmaki gewogen: 43 Gramm. Unterer Durchschnitt. Die Untersuchung beginnt: Zunächst entnimmt Giertz eine Gewebeprobe - indem sie dem Mausmaki ein Stück Ohr abschneidet. Dann die Vermessung: 11,5 Zentimeter ist das Microcebus-Männchen lang, sein Schwanz misst noch einmal 15,1 Zentimeter. Die Schwanzdicke ist ein gutes Indiz für den Zustand der Tiere, da sie hier einen Teil ihres Fetts speichern. Umfang 1,8 Zentimeter, das Tier steht gut im Futter.

Erst jetzt bekommt der Mausmaki noch den Identifizierungschip zwischen die Schulterblätter injiziert - und wird so auf den Namen 00060DBC4B getauft. Anhand der Nummer kann Giertz das Tier nun per Chiplesegerät jederzeit erkennen. 00060DBC4B ist das 127. Tier, das Giertz in eine ihrer Fallen gegangen ist. Für ihn war es das erste Mal, manche Artgenossen gehen immer wieder in die aufgestellten Fallen.

Das Fangen der Tiere ist nur eine Methode, mit der Giertz mehr über ihren Microcebus herausfinden will. Auch am nichtschlafenden Objekt betreibt sie ihre Forschungen: Zweimal im Monat geht sie vier Tage lang kurz nach Sonnenuntergang auf "Nightwalks". Möglichst langsam schreitet die Wissenschaftlerin dann vorgegebene, vier Kilometer lange Routen ab.

Zwei weit aufgerissene Augen - mehr ist auf solchen nächtlichen Streifzügen zunächst nicht von den Mausmakis zu sehen. Giertz sucht die Bäume mit ihrer Stirnlampe ab. Das Licht wird vom Tapetum lucidum, einer lichtreflektierenden Schicht hinter der Netzhaut der Mausmakis, reflektiert. Deshalb hat sie die beiden roten Punkte im Baum schnell entdeckt. Nun erkennt man im Schein der Taschenlampe auch noch den Rest des kleinen Wollknäuels.

Living on the Edge

Mit Hilfe der gesammelten Daten, einer Bestandsaufnahme der im Gebiet vorkommenden Pflanzen, Gewebe- und Haarproben, Genanalysen und Kot-Untersuchungen will die Biologin noch viel mehr über den "Griseorufus" in Erfahrung bringen: "Ich will wissen, wann er was frisst, wo er schläft, ob er wie andere Mausmakis eine Art Winterschlaf hält, ob die Populationen wandern. Und warum gibt es hier nur eine Mausmaki-Art?"

Vor allem aber interessiert sie eines: "Wie überlebt der 'Griseorufus' hier? Das ist die trockenste und heißeste Region von ganz Madagaskar, monatelang fällt praktisch kein Regen." "Living on the edge" nennt Giertz das, was sie schon immer interessiert hat. "Ich will wissen, wie er hier mit diesen Bedingungen klarkommt."

Und sie selbst? Wie kommt sie mit solchen Bedingungen klar? "Eigentlich erstaunlich gut", sagt die Frau, die das raue Klima des Nordens schätzt, von norwegischen Fjorden schwärmt und am liebsten ein Mal in der Arktis oder der Antarktis arbeiten würde. Nach der ersten Woche im Camp sei sie zwar erstmal krank geworden, aber seither gehe es gut.

Nur hin und wieder verzweifelt auch sie - an der Hitze, der Einsamkeit, dem eklatanten Mangel an Schokolade. "Am Anfang war das einfach nur Abenteuer pur. Inzwischen fühle ich mich manchmal ausgelaugt." Bis Frühjahr 2009 wird Giertz bleiben, um Daten für ihre Doktorarbeit zu sammeln. Noch länger, das kann sie sich nicht vorstellen. Dann schon lieber Südpol.

Nummer 00060DBC4B wird wohl etwas länger bleiben. Ein paar Stunden muss er noch in Gefangenschaft zubringen. Am Nachmittag wird ihn seine Entführerin dann genau an der Stelle, wo er ihr in die Falle ging, wieder freilassen. Das Leben im Extrem geht weiter.

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