Von Frank van Bebber
Im Wettbewerb um Studienanfänger hat die Luther-Universität in Halle ein Alleinstellungsmerkmal gefunden, das ihr die Westkonkurrenz garantiert nicht streitig macht. In ihr neues Schnupperpaket für Abiturienten hat sie neben einem Hörsaalbesuch die "Besichtigung einer originalen Plattenbauwohnung" gepackt. Als erste erproben dieser Tage Zwölftklässler aus dem hessischen Rotenburg das Retroprogramm. Wulf Diepenbrock, Rektor der Universität in Sachsen-Anhalt, hat die Zielgruppe im Blick: "Das Besuchsprogramm richtet sich nun vor allem an angehende Abiturienten in den alten Bundesländern, die wir verstärkt für ein Studium bei uns gewinnen wollen."
Und wartet man 18 Jahre nach der Wiedervereinigung in der ostdeutschen Platte wieder sehnsüchtig auf Westbesuch.
Hintergrund ist ein Problem von morgen: Die alten Bundesländer erwarten in ihren ohnehin überfüllten Hörsälen einen beispiellosen Andrang an Studienanfängern. Zu den ohnehin geburtenstarken Jahrgängen kommen nach der Umstellung auf das achtjährige Gymnasium doppelte Abi-Jahrgänge.
In den neuen Ländern schrumpft dagegen die Zahl der Abiturienten. Ohne den Westimport von Studenten müssten Fächer schließen. Vom "Nachwende-Knick" spricht der Weimarer Rektor Gerd Zimmermann, Vorsitzender der Thüringer Landesrektorenkonferenz. In Thüringen droht bis 2010 ein Anfängerminus von 20 Prozent. Er und seine Kollegen fragen sich besorgt: "Wo kommen im Osten die Studenten her?"
Dröge Unis im Osten
Es geht um harte Währung. Im Hochschulpakt von Bund und Ländern, zu dem beide Seiten je 565 Millionen Euro geben, haben sich die neuen Länder verpflichtet, die Erstsemesterzahlen nicht unter den Stand des Jahres 2005 fallen zu lassen - sonst hat der Bund eine Geld-zurück-Garantie. In Thüringen haften die Universitäten für das Bundesgeld mit den ihnen zugesagten Landesmitteln.
Als Haupthindernis bei der West-Rekrutierung haben Rektoren und Politiker das dröge Image der neuen Länder ausgemacht. Dabei sind die Hochschulen hier oft moderner ausgestattet und können ihre Studenten meist besser betreuen. Studiengebühren kassieren sie nicht. Doch Wessis mit Abitur halten Heidelberg, München oder Hamburg einfach weiterhin für attraktiver.
Gerhard Wünscher, Experte für Hochschulmarketing im Kultusministerium von Sachsen-Anhalt, macht sich keine Illusionen: "Die Wahrnehmung von ostdeutschen Studienorten im Westen ist desaströs." Eine Studienanfängerbefragung des Hannoveraner Hochschul-Informations-Systems (HIS) bestätigte diese Einschätzung. Die Experten raten: "Diesen Argumenten gegen die Hochschulregion der neuen Länder sollte in erster Linie eine Strategie zur Imageverbesserung Ost entgegengesetzt werden."
"Verliebt in Dresden"
Eine Ansicht, die Landesregierungen und Rektoren in den neuen Ländern längst teilen. Federführend koordiniert Sachsen-Anhalt eine Imagekampagne. In den nächsten Wochen werde sie für die Werbeagenturen ausgeschrieben, sagt Wünscher. Dabei gehe es nicht um eine weitere Broschüre. Tief in die Lebenswelt der Abiturienten wolle man dringen, sagt er, mit Bloggs, Internet und im Second Life.
"Warum keine Soap 'Verliebt und studieren in Dresden'?", fragt Wünschner. Die Wirtschaft solle einen Karriereservice beisteuern. "Die Städte sind bereit, in Begrüßung und Betreuung zu investieren." Fast ein zweistelliger Millionenbetrag komme vom Bund, sagt er. Ein Teil der Hochschulpakt-Mittel fließe ins Marketing.
Zusätzlich zur übergreifenden Ost-Kampagne plant etwa Thüringen eine eigene Werbelinie. Der Thüringer Rektoren-Sprecher Gerd Zimmermann, sagt: "Das muss in diesem Jahr losgehen." Auch hier bedienen sich Land und Hochschulen beim Hochschulpakt. Während die Westländer jeden Euro zusammenkratzen und in weitere Studienplätze investieren, steckt Thüringen ein Drittel der Mittel ins Marketing. 14,9 Millionen Euro will der Bund bis 2010 überweisen. Zehn Millionen Euro fließen in Labore, Bücher und Lehraufträge. 4,9 Millionen Euro in die Imagewerbung.
Sind wirklich leere Plätze zu befürchten?
Die Westländer wie Baden-Württemberg murren trotzdem nicht öffentlich, weil sie froh über jeden Studenten sind, der in den Osten geht. "Das bedeutet eine Entlastung für die Bundesländer mit steigenden Studienberechtigtenzahlen", sagt eine Sprecherin des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums auf Nachfrage. "Deshalb ist es verständlich, dass alle Anstrengungen unternommen werden, diese Studienplätze auch zu besetzen."
Der Weimarer Rektor Zimmermann betont angesichts solcher Milde, er wolle mit dem Westen aber um die Besten streiten. "Ich halte nichts davon, zu sagen, na gut, wir nehmen den Rest, der übrig bleibt", mahnt er eine ehrgeizige Kampagne zum Füllen der freien Studienplätze an.
Jüngste Prognosen des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) allerdings sagen einen weit größeren und längeren Ansturm auf Ost-Studienplätze voraus als bislang berechnet. Zwar würden zwischen 2007 und 2020 in den neuen Ländern 140.000 Studienberechtigte weniger ein Studium aufnehmen, bilanziert das CHE in einer Studie. Doch diesen stehe eine Million zusätzliche Studienanfänger aus westlichen Ländern gegenüber, weit mehr als früher angenommen.
Für die so begehrten und nachgefragten Studienplätze müsste dann wohl ebensowenig noch eigens geworben werden wie einst für den Verkauf von Bananen in der DDR.
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