(Workshop eines Siemens-Managers an der EBS)
Zwei Reihen weiter wird schon lange ein Finger in die Luft gehalten. Ein Finger, der alle Erklärungen zu E, P und Leadership überdauert. Er sei der Sohn eines Siemens-Mitarbeiters, sagt ein Junge leise. Sein Vater habe gerade sein vierzigstes Dienstjubiläum gefeiert. Er sei in dem Glauben groß geworden, dass Siemens sichere Stellen biete. Sein Vater habe Urlaubsreisen auf Firmenkosten bekommen, eine Betriebsrente. Jetzt gelte das alles plötzlich nicht mehr. "Wie erklären Sie das Ihren Mitarbeitern?"
"Das ist Globalisierung", antwortet der Manager. Er spricht von Anpassungsdruck, von tschechischen Niedriglöhnen und von "Cosy-Verhältnissen", in denen wir zu lange gelebt hätten. "Es ist im Einzelschicksal immer bitter. Aber der Block Personalkosten darf nicht unermesslich werden." Der Junge sagt nichts mehr. Immerhin weiß er nun, dass er Sohn eines Personalkostenblocks ist. Vorn sehe ich die goldenen Manschettenknöpfe am blauen Jackett des Siemens-Managers auf und nieder wippen. Er gestikuliert entschieden. Er wird grundsätzlich: "Wir leben in Deutschland immer noch in einem sozialistischen Kollektiv", sagt er. "Wir ziehen Minderleister immer mit, halten ihnen die Karotte vor bis zur Frühpension. Das ist deutsche Gleichmacherei. Damit muss jetzt Schluss sein."
"Minderleister" - das Wort habe ich noch nie gehört. In einem späteren Vortrag werde ich als Synonym noch den "Niedrigleister" kennenlernen. Das Wort klingt verächtlich. Niedrigleister fordern 38,5-Stunden-Wochen, einen sicheren Job und Urlaubsreisen auf Betriebskosten. Vielleicht sind es aber auch die, die viel Schlaf brauchen und halbe Tage mit Fernsehsoaps oder Fußballübertragungen vertrödeln, so wie ich.
Die Lektion "Bloß kein Niedrigleister werden!" wird in den folgenden zwei Tagen ständig wiederholt. Wir lernen, dass wir niemals ausruhen, nachlassen, entspannen dürfen. Wir müssen den Minderleister in uns unterdrücken wegen der Konkurrenz, die nur darauf wartet. 60 Millionen Chinesen spielen Klavier, erklärt uns ein Seminarleiter. ""Wie groß", fragt er, "ist die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Mozart aus China kommt statt aus Österreich?"
Für die, die da noch nicht den Atem der Chinesen, die uns jagen, im Nacken spüren, hat er noch eine Geschichte parat: "Jeden Morgen wacht in Afrika eine Antilope auf und weiß, sie muss schneller laufen als jeder Löwe, um zu überleben. Jeden Morgen wacht in Afrika ein Löwe auf und weiß, er muss schneller laufen als die langsamste Antilope." Nach einer Kunstpause sagt er dann: "Wir müssen schneller laufen. Denken Sie darüber nach!"
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