Noida/Indien - Überall auf dem Campus der Amity-Universität wird mit Hochdruck gearbeitet. Manchmal hat man den Eindruck, es gibt dort mehr Handwerker als Studenten, und regelmäßig zerreißt das Kreischen einer Kreissäge die Ausführungen der Dozenten. Noch vor drei Jahren war das Gelände Ackerland - heute ist die Amity-Universität ein Vorzeigebeispiel für das schnell wachsende Privatschulsystem Indiens.
Obwohl in Indien trotz seines rasanten Wirtschaftswachstums noch immer Hunderttausende in Armut leben, gibt es mittlerweile eine wachsende Mittelklasse, für die höhere Bildung der Schlüssel zum Wohlstand ist. Wie in vielen anderen Entwicklungs- und Schwellenländern kann die Regierung den Wunsch nach mehr Bildung aber nicht befriedigen. In der Hauptstadt Neu-Delhi überbieten sich denn auch private Anbieter mit auffälligen Werbeplakaten: "Mach einen MBA!" heißt es auf einem, "Wir bringen dich rein" auf einem anderen, das für Einzelunterricht wirbt.
Obwohl einige Hochschulen wie beispielsweise das Indian Institute of Technology zu den besten der Welt gehören, ist das Bildungssystem des Landes geprägt von Finanzierungsproblemen, Korruption, Bürokratie und veralteten Unterrichtsmaterialien. Einem Regierungsbericht zufolge besuchen nur acht Prozent aller Inder im entsprechenden Alter eine Universität. Dieser Wert liegt im asiatischen Durchschnitt doppelt so hoch.
In sieben Jahren zum größten Bildungsanbieter
Das Ungleichgewicht zwischen dem staatlichen Bildungsangebot und der steigenden Nachfrage nach Weiterbildung führt daher zu einer enormen Boom bei privaten Bildungseinrichtungen. Ashok Chauhan ist Gründer der Amity-Universität und der Mann, der vielen jungen Indern verspricht, ihren Traum vom Studium wahr werden zu lassen. Dabei ist er noch weit entfernt von den typischen Klischees eines Universitätsgründers: Gegen den Geschäftsmann wird in Deutschland wegen Betruges ermittelt. Er umgibt sich oft mit einer ganzen Riege von Bodyguards, sein Sohn Atul ist Kanzler von Amity. Chauhan rechnet damit, dass die Verwaltung der Uni noch über Generationen in der Hand seiner Familie bleibt.
Rund 15 Jahre nach der Eröffnung seiner ersten Bildungseinrichtung sind er und seine Schulen heute in Indien allgegenwärtig. An den Unis wird beinahe jedes Fach angeboten, von Innenarchitektur bis Luft- und Raumfahrttechnik. Und wenn es nach dem Willen ihres Gründers geht, ist dies nur der Anfang. "Mein Ziel ist es, bis 2015 der größte Bildungsanbieter des Landes zu werden", sagt Chauhan. Dann will er 1,5 Millionen Studenten unterrichten.
Für Chauhan ist Bildung der Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg, und seine Studenten sind der dafür notwendige Rohstoff. "Unser Lehrplan ist ganz darauf abgestimmt, was die Industrie verlangt", sagt er. Zusätzlich zu den normalen Fachseminaren gibt es daher auch Jobkurse und Berufsberatung - in Indien bislang ausgesprochen ungewöhnlich.
"Hier kümmert man sich um uns"
"Wenn jemand eine bessere Ware, ein besseres Material liefert, dann wird der Käufer automatisch dorthin gehen, wo die Qualität besser ist", sagt Chauhan über seine privaten Hochschulen. In der Tat kommt sein Konzept bei jungen Indern gut an. "In den staatlichen Universitäten kümmert sich niemand um dich", sagt Tony Premu, der seit zwei Jahren an der Amity Biotechnologie studiert.
Viele Beobachter bewerten diese Entwicklung positiv. "Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können", sagt Sam Pitroda, ein Geschäftsmann, der die Regierung in Bildungsfragen berät, über Privatunis wie Amity oder die Rai- und die Manipal-Hochschule. "Die Regierung kann es allein nicht schaffen."
Chauhans Kritikern zufolge geht es dem Geschäftsmann allerdings vor allem ums Geld. Und das sehen seine Mitarbeiter nicht anders: "Ohne die Aussicht auf Profit gäbe es keine privaten Universitäten", sagt beispielsweise Professor Vijendra Sharma. In der Tat kostet ein Studium an der Amity-Universität eine ganze Stange Geld. Inklusive Unterkunft und Verpflegung zahlen die Studenten umgerechnet rund 3500 Euro pro Jahr, das ist etwa zehn Mal so viel wie an einer staatlichen Hochschule und für viele Inder ein kleines Vermögen.
Doch die Studenten sind voller Hoffnung, dass sich die Investition in ihre Bildung früher oder später auszahlt und sie dann das große Geld machen. "Geld ist alles", sagt Mohammed Wasey, ein 19-jähriger Jurastudent. "Das ist der Grund, weshalb ich hier bin."
Tim Sullivan, AP
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