Der Saal ist vollgestopft mit schwarzen Kästen. Sie blinken und piepen. Davor Barhocker, junge Männer drücken wie paralysiert auf rote, grüne, gelbe und blaue Knöpfe. Die isländische Spielhalle am Hlemmur, dem Busbahnhof in Reykjavík, sieht aus wie jede andere Spielhalle in Deutschland oder sonst wo. Einziger Unterschied: Wer hier sein Vermögen verzockt, tut dabei Gutes.
Denn die Einnahmen finanzieren die Gebäude der Háskóla Islands, der staatlichen Universität. Das entlastet die Staatskasse: Der Staat hat sich zunehmend aus der Finanzierung der Gebäude zurückgezogen und seit 1981 keine Krone mehr in die Häuser der Hochschule fließen lassen.
Björg Magnúsdóttir, 23, liebt die Lotterie. Als Präsidentin der Studentenvertretung ist sie froh, dass die Uni diese Einnahmequelle hat - "Auch wenn es natürlich am besten wäre, wenn der Staat die Uni komplett finanzieren würde." Ethisch sei es vielleicht fragwürdig, wenn die Uni sich durch etwas finanziere, dass Menschen krank machen könne. "Aber es gibt doch so viele schlimme Dinge in der Welt", sagt Björg. Letztlich sei es einfach eine altmodische Lotterie "mit einem speziellen Charme, der uns an alte Zeiten erinnert. Ich glaube, die meisten Studenten kümmern sich wenig um die Lotterie. Sie sind schlicht daran gewöhnt."
Automaten bringen am meisten Geld
Islands Uni-Lotterie ist alt. Als die staatliche Universität 1911 gegründet wurde, hielten die Professoren zunächst ihre Vorlesungen vor ein paar Dutzend Studenten im isländischen Parlament ab. Die Zahl der Studenten wuchs, ein eigenes Gebäude musste her. Der Staat allerdings sah sich nicht verpflichtet, das zu finanzieren. Es war die Geburtsstunde der Lotterie. Bis dato gab es keine im Land, die Isländer steckten ihr Geld in ausländisches Glückspiel, vor allem in Dänemark und Deutschland.
1933 gab Islands Parlament das Okay. Heute gibt es sechs Anbieter auf dem Glücksspielmarkt in Island - die Universitätslotterie ist die einzige staatliche. Jeder isländische Anbieter unterstützt mit seinem Geld eine bestimmte Organisation: So fließt das Geld von Lotto und von Islandsspil in den Sport, Programme für Behinderte, an das Rote Kreuz und an SÁÁ - eine Organisation, die sich um Alkohol- und Spielsüchtige kümmert.
Es begann mit einer Klassenlotterie, heute bietet die Uni-Lotterie auch Rubbellose und Spielautomaten an. "Die Automaten bringen am meisten Geld ein", sagt Lotteriedirektor Brynjólfur I. Sigurðsson. Wieviel? Das möchte er nicht sagen. Und doch bereiten die Maschinen ihm offenbar besonderes Bauchgrimmen. Jedenfalls macht er eine lange Pause, wählt seine Worte behutsam und räumt ein: "Viele in der Bevölkerung sind dagegen, dass die Uni solche Geräte betreibt."
Uni lässt Philosophen über Verantwortung grübeln
Auch für ihn steht die Frage im Raum: "Können wir als Uni es verantworten, mit Maschinen Geld zu verdienen, die Menschen ins Unglück treiben können?" Damit hat sich im Auftrag der Lotterie ein Philosoph auseinandergesetzt - und prompt Absolution erteilt: So lange die Politiker Spielautomaten erlauben, muss sich die Uni keine Gedanken machen.
Macht sie aber doch und hat darum 2002 eine auf vier Jahre angelegte Studie zum Thema Spielsucht in Auftrag geben und finanziert. Außerdem zahlt sie jährlich drei Millionen Isländische Kronen (etwa 26.000 Euro) an SÁÁ. "Zudem machen wir keine Werbung für Spielautomaten, nur für die Klassenlotterie”, beteuert der Direktor. Besonders gern sieht Sigurðsson ehemalige Studenten unter seinen Lotteriekunden: "Es ist eine Art Freundschaftsbeweis, wenn ein Ehemaliger ein Los kauft und so die Universität unterstützt."
Islands Justizminister Björn Bjarnason von der konservativen Unabhängigkeitspartei hat seit Jahren ein Lotterielos. Sein Ministerium erteilt die Lizenz zum Glücksspiel, in Bjarnasons Augen ist sie sehr praktisch: "Entweder haben wir die Lotterie, und die Menschen können frei entscheiden, ob sie spielen und damit die Universität unterstützen. Oder wir erhöhen die Steuern, um die Uni zu finanzieren." Eine staatliche Universität könne mit einer privaten nicht konkurrieren. "Die staatliche Universität braucht extra Geld. Deswegen hat sie die Lotterie – als eine Art Bonus."
"Glücksspiel macht Spaß und bringt Geld"
Der Staat komme seiner Finanzierungsaufgabe durch die Lotterie-Lizenz nach: "Damit öffnet der Staat der Universität neue Einnahmequellen." Wo da die Moral bleibt? Bjarnason ist das allenfalls ein Achselzucken wert: "Glücksspiel gibt es sowieso. Es ist besser, die Universität profitiert davon, als eine Privatperson. Außerdem ist der Effekt für die Gesellschaft unter dem Strich positiv: Glücksspiel macht Spaß, bringt Geld und letztlich gehört die Möglichkeit zum Glücksspiel zum Leben dazu.”
Michael Adams, 60, sieht das anders. Er ist Professor für Wirtschaftsrecht an der Uni Hamburg und Mitglied des Fachbeirates Glücksspielsucht. "Der Nettogewinn für die Gesellschaft ist negativ. Viele Menschen werden krank, möglicherweise arbeitslos, zahlen keine Steuern mehr. Das kostet den Staat. Die Kosten werden für Staat und Gesellschaft mit der Lotterie letztlich höher sein als ohne."
Adams sieht aber auch noch ein anderes Problem: "Es sind vor allem die eher armen und weniger intelligenten Menschen, die spielsüchtig werden. An denen aber verdienen die Betreiber besonders. Daher liegt bei der Universitätslotterie in Island meiner Meinung nach ein Gerechtigkeitsproblem vor: Die Armen werden gejagt, um einer Elite ihre Gebäude zu finanzieren", so Adams. "Mir wäre es ein Graus, dort als Wissenschaftler zu lehren."
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