Von Maximilian Popp
Jeden Morgen bricht Matthias Flachmann auf nach Europa. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt mit der Fähre. Frauen füttern Möwen, Kinder beugen sich über die Reling. Die Blaue Moschee, der Sultanspalast und die Hagia Sophia rücken näher. Flachmann, 27, schlürft eine Tasse heißen Tee. "Der Blick vom Bosporus auf Istanbuls Altstadt ist einzigartig", sagt er. "Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt."
Seit einem halben Jahr lebt der Berliner Jurastudent in Istanbul. Er wohnt in Asien und studiert in Europa - an der altehrwürdigen Istanbul Üniversitesi, der ältesten Hochschule der Türkei. Jeden Tag überquert er den Bosporus. "In Istanbul zu studieren, das ist schon etwas Spezielles", sagt Flachmann.
Nicht viele deutsche Erasmus-Studenten wagen sich in die Türkei. Im vergangenen Jahr waren es gerade 300. Und doch: Das Interesse an dem Land wächst. Die Zahl deutscher Gaststudenten hat sich in den letzten Jahren verdreifacht. Beate Schindler-Kovats vom Deutsch Akademischen Austauschdienst (DAAD) wundert das nicht: "Die Qualität der türkischen Universitäten hat sich inzwischen herumgesprochen."
Gute Unis, erstklassige Betreuung
Gründe für ein Studium in der Türkei gibt es viele: Die türkischen Privatuniversitäten zählen zu den besten Europas. Der 11. September hat das Land ins Zentrum der Weltpolitik katapultiert. Die Türkei ist der gegenwärtig größte und wichtigste Feldversuch zur Vereinbarkeit von Islam und Demokratie. In keinem anderen Land treffen der Glaube des Propheten Mohammed und die Werte des Westens so scharf aufeinander wie bei dem EU-Anwärter und Nato-Partner. Die türkische Wirtschaft ist die am schnellsten wachsende des Kontinents. Und nicht zuletzt leben mehr als zweieinhalb Millionen Türken in Deutschland.
"Istanbul ist die interessanteste Stadt auf der Erasmus-Landkarte", sagt Matthias Flachmann. Der Jurist ging als einer der ersten deutschen Studenten überhaupt an die Istanbul Üniversitesi. "Die Betreuung ist paradiesisch", sagt er. Professoren würden sich schon mal am Wochenende mit ihm auf ein Bier treffen, um den Stoff zu besprechen, und bei Problemen mit der Bürokratie greife die Dekanin selbst zum Hörer.
Sie war es auch, die ihm half, eine Wohnung zu finden. Zwei Anrufe, und Flachmann hatte ein Zimmer im schicken Stadtteil Kadiköy. Er wohnt im Apartment des Generalsekretärs des türkischen Fußballverbandes - umsonst. Und sitzt jetzt bei Heimspielen der türkischen Nationalmannschaft in der ersten Reihe.
Gewaltiger Unterschied zu deutschen Unis
"Viele Deutsche haben Vorurteile gegen die Türkei", sagt Annegret Warth, 24. Die Studentin aus Marburg hat ein halbes Jahr Erziehungswissenschaften an der Bosporus-Universität studiert. Die Hochschule gilt als eine der besten des Landes. Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat hier studiert, europäische Spitzenpolitiker wie Romano Prodi oder Jack Straw halten Vorträge. Unterrichtssprache ist Englisch.
Der Campus liegt auf einer Anhöhe über dem Bosporus. Der Blick vom Hörsaal reicht bis nach Asien. "Der Unterschied zur Uni Marburg ist schon gewaltig", sagt Warth. Die Klassen seien klein, die Kommilitonen motiviert, die Professoren ständig ansprechbar - "Bedingungen wie hier würde ich mir in Deutschland wünschen".
Als sich im Februar die Gelegenheit bot, ihr Austauschsemester um ein halbjähriges Praktikum zu verlängern, musste sie nicht lange überlegen: "Ich habe hier die beste Zeit meines Lebens." Für eine türkische Jugendorganisation übersetzt Warth Anträge und Pressetexte ins Englische, außerdem gibt sie Kindern Nachhilfe in Englisch und Geografie. Türkisch hat sie innerhalb eines halben Jahres so gelernt, dass sie sich im Alltag problemlos verständigen kann. "Die Sprache ist logisch und sehr melodisch."
Bei der Abschiedsparty verliebt
Warth sitzt in ihrem Büro in einer ehemaligen Fabrik am Bosporus. Zusammen mit ihren Kollegen organisiert sie gerade ein Jugend-Festival. Im Hintergrund läuft türkische Rockmusik, in der Ecke stehen Trommeln. "Vor acht Uhr geht hier niemand nach Hause", sagt sie. "In Deutschland habe ich die Leidenschaft vermisst."
"In Deutschland", sagt auch Jonas Laugs, 26, "ticken die Uhren anders." Der Grafikdesigner aus Braunschweig hatte im Winter schon mit Istanbul abgeschlossen. Das ist nicht meine Stadt, dachte er. Zu chaotisch war ihm Istanbul, zu laut und zu schmutzig. Überdies war Laugs von seiner Universität, der Kunsthochschule Mimar Sinan, enttäuscht. Die sei zwar wunderschön am Ufer des Bosporus gelegen, doch die Professoren seien konservativ, der Unterricht war ihm zu verschult. "Eigentlich wollte ich im Februar zurück nach Deutschland", sagt er.
Aber dann: Den Flug hatte er bereits gebucht, lernte auf seiner Abschiedsparty eine junge Türkin kennen. Sie redeten die ganze Nacht - und verliebten sich. Jetzt hat Laugs seinen Aufenthalt verlängert, zumindest für ein Semester.
Er sitzt auf der Dachterrasse seiner Wohnung im Istanbuler Szene-Viertel Beyoglu, blickt auf die schiefen Dächer der Stadt und sagt: "So schnell komm ich von Istanbul wohl nicht mehr los."
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