Sonntag, 22. November 2009

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03.07.2008
 

Nobelpreisträger-Treffen

Die Welt zu Gast bei drögen Rednern

Von Frank van Bebber

Telekolleg mit Starbesetzung: Die Vorträge der Nobelpreisträger, die diese Woche in Lindau konferieren, sind neuerdings im Netz zu sehen. Klingt staubtrocken, ist aber der Renner im Hörsaal. Sogar al-Dschasira und Chinas Staats-TV kamen deshalb an den Bodensee.

So müssen die Alpträume von Fernsehmachern aussehen: Auf der Bühne der Inselhalle in Lindau stehen alte Männer, die im Schummerlicht Dinge erzählen, die kaum ein Mensch versteht. Doch die betagten Redner mit dem Zeug zum Quotenkiller sind Nobelpreisträger - Stars der Wissenschaft.

VIDEO

Foto: Lindau Nobel Laureate
Nobel- TV
Preisträger erklären die Welt
24 von ihnen sind diese Woche zur Tagung der Nobelpreisträger an den Bodensee gereist. An ihren Lippen hängen am Tagungsort 550 Nachwuchs-Physiker, ausgewählt aus 20.000 Bewerbern in aller Welt. Ihr größtes Publikum aber finden die Spitzenforscher und ihre Formeln vor der Mattscheibe.

Erstmals lässt Wolfgang Schürer, entscheidender Kopf im Kuratorium der Tagung, das Geschehen aus der Halle per Satellit und Internet in alle Welt versenden. Er sagt: "In Lindau zu Hause, aber die Tür ist weltweit geöffnet." Das Symbol der neuen Zeit steht vor der Halle: ein blauer Kastenwagen mit Satellitenschüssel auf dem Dach. Hier schickt die European Broadcasting Union (EBU) die Bilder von Lindau ins Netz.

Für die fast 60 Jahre alte Lindauer Tagung bedeuten bewegte Bilder eine mediale Revolution. Seit 1954 stand ein einziges Foto für das Treffen: Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt Albert Schweitzer, wie er umringt von Studenten in Fünfziger-Jahre-Klamotten etwas erklärt. Das Bild blieb über Jahrzehnte Ikone der Tagung. Die hatte einst die wissenschaftliche Isolation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg beenden wollen, war aber mit der Zeit zur akademischen Sommerfrische abgewirtschaftet und stand vor zehn Jahren vor dem Aus - viele junge Top-Talente wollten ihre Zeit nicht in Lindau verplempern und rackerten lieber weiter im Labor.

Traumquoten für den professoralen Frontalunterricht

Drinnen geht es um Themen wie "Koryphäen der Kosmologie: Top-Forscher lauschen in Lindau dem Echo vom Anfang der Welt". Doch die eigentliche Sensation ist der mediale Urknall der einst abgeschotteten Tagung: Wenn die EBU-Bilder wieder vom Himmel fallen, soll die Welt auch dem Echo von Lindau lauschen.

Mitte der Woche bekam Schürer erste Quoten auf den Tisch: Allein in den ersten beiden Tagen sollen sich über 100.000 Menschen in die Vorträge eingeklickt haben - und dabei seien nur jene gezählt, die mindestens eine Stunde aushielten. In Studierstuben überall auf der Welt heißt es: Klick Dich ins Nobel-TV. Das Telekolleg mit Starbesetzung ist ein Hit. Schürer sagt: "Aus der Zielgruppe arbeiten Tausende an diesen Themen." In den Vorträgen gestehen die Forscher manchmal Rückschläge und Zweifel, die in Aufsätzen und Fußnoten nicht stehen. Programmchef Schürer sagt, man profitiere vom Nobel-Mythos, da seien Event-Elemente gar nicht nötig. Und die gibt es dann auch nicht.

Die Sorge, die Nobelforscher könnten die weltweite Ausstrahlung ihrer mitunter schrulligen Auftritte verbieten, erwies sich als unbegründet. Der Münchner Professor Theodor Hänsch, Preisträger für Physik 2005, ist in Lindau selbst mit der Videokamera unterwegs. "Ich finde das interessant", sagt der Hobby-Filmer und blickt auf den ausklappbaren Schirm seiner Kamera. Schon wird gewitzelt, Hänsch sei wohl so etwas wie der erste Videoblogger der Scientific community.

Bevor Schürer das Fenster zur Welt aufriss, lüftete er in Lindau durch. Strenge Auswahlkriterien sollen sichern, dass die Besten kommen und nicht urlaubsreife Günstlinge. Zudem knüpft das Kuratorium weltweite Kontakte. Im Jahr 2000 waren 15 Nationen vertreten, heute sind es 66. Gerade hat sich ein Japaner als Partner eingereiht - nach fünfjährigen Verhandlungen. Nun will Schürer Forscher aus Afrika gewinnen. Man traut sich wieder die großen Töne zu in Lindau. Schürer spricht von der Antwort auf die Globalisierung.

Der Erfolg: Die Polonaise am Eröffnungsabend wirkt nicht mehr wie ein Symbol für ein altes Konzept, sondern als Relikt einer anderen Zeit. Nobelpreisträger und Studenten begrüßen sich verschämt wie in der Tanzschule und wiegen sich gemeinsam über das Parkett. Eine Provinz-Band dudelt Schlagermusik wie bei der Kaffeefahrt.

NOBEL-QUIZ

AP
Sind Sie fit für den Nobelpreis?
Sagen wir, Sie sind schon Spitzenforscher und müssen nur noch bei der Verleihung eine gute Figur machen. Etikette, Small Talk, die ganze noble Zeremonie - dieses Quiz ist das Trainingslager.
Doch hinter den Kulissen trimmt das Kuratorium auch die Vergangenheit auf Multimedia-Tauglichkeit: In den nächsten zwölf Monaten soll eine Alumni-Datenbank alle bislang 18.000 Lindau-Teilnehmer erfassen. Ziel ist ein karriereförderndes Netzwerk.

Zudem sind die Tagungsmacher auf einen Schatz gestoßen: Im Nachlass eines Forschers fanden sich zufällig Mitschnitte alter Tagungen. Als sich dies rumsprach, schickten immer mehr Menschen Aufzeichnungen. Im Archiv liegen unbearbeitete Bänder mit Vorträgen von 1953 bis heute, erst Tonaufnahmen, später Videos. Die Stimmen von Werner Heisenberg und Otto Hahn sind dabei, Debatten vom Atom-Streit bis zur Genom-Entschlüsselung. Nach und nach soll sie jeder in einer Internet-Mediathek der Tagung abrufen können. Schon hat das renommierte Wissenschaftsjournal "Nature" Interesse am Zugriff auf die einmaligen Dokumente angemeldet.

Selbst al-Dschaira und Chinas Staats-TV waren da

Ein Wettlauf ist auch um die Vortragsbilder entbrannt. Selbst die Elite-Uni Konstanz, am anderen Ende des Bodensees sozusagen um die Ecke gelegen, verzichtet auf den direkten Zugriff auf die Nobel Laureaten. Die Konstanzer führen stattdessen im Hörsaal deren Videos vor und lassen sie von eigenen Professoren kommentieren. Als sich im Tagungshotel herumsprach, auch indische Hochschulen hätten sich Rechte an solchen Vorführungen gesichert, meldeten sich bei Schürer gleich Wissenschaftsorganisationen aus neun anderen Ländern, die in ihren Universitäten ebenfalls Nobel-TV auf Großleinwand zeigen wollen.

Zufrieden registriert Schürer, dass Chinas Staatsfernsehen in Lindau für die beste Sendezeit dreht. Auch al-Dschasira schickt ein Team. Bei aller Begeisterung für Formeln und Diagramme hat aber selbst Hobby-Filmer Hänsch in Lindau eine Naturkonstante des TV-Geschäfts entdeckt: "Wichtiger als der Inhalt sind einfach die Personen." Dann bringt der Nobelpreisträger wieder seine kleine schwarze Videokamera in Anschlag - und filmt wie ein Fernsehteam einen seiner Nobel-Kollegen filmt.

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