Von Britta Mersch
"Aus meinen Arbeiten geht deutlich hervor, dass ich weder Antisemit noch Rassist bin und mich auch ausdrücklich von allen Erscheinungsformen des Antisemitismus und Rassismus distanziere" - so reagierte der Göttinger Sportprofessor Arnd Krüger auf die Diskussion, die nach seinem Vortrag auf einer Tagung der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft losgebrochen ist. Am 20. Juni hat er den Vortrag "Hebron und München. Wie vermitteln wir die Zeitgeschichte des Sports, ohne uns in den Fallstricken des Antisemitismus zu verhaspeln" in Göttingen gehalten. Kurz danach kamen die ersten Proteste.
Nun ist Krüger genau das passiert, was er nicht wollte: Er sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, antisemitische Ideen vertreten zu haben. Sein These: Die israelischen Sportler hätten 1972 von dem Anschlag im olympischen Dorf gewusst, sie seien freiwillig in den Tod gegangen, um Israel zu nützen.
Krüger war 1971 Betreuer des israelischen Leichtathletikteams bei einem Aufenthalt der Sportler in Deutschland, von den Olympischen Spielen in München 1972 berichtete er als Reporter.
Als möglichen Hintergrund für seine Thesen nannte Krüger in seinem Vortrag die Verlängerung der Schuld Deutschlands gegenüber Israel und ein anderes "Körperverständnis" der Israelis. In Israel sei eine Abtreibung bei erwarteten Geburtsfehlern empfohlen, zudem sei die Abtreibungsquote dort höher als in anderen Ländern.
"Dummes Zeug", "Antijüdische Stereotype"
Krügers Vortrag löste Bestürzung und Empörung aus: Der israelische Botschafter Ilan Mor sagte, Krügers Thesen seien eine "Dehumanisierung des Staates Israel" und forderte ein scharfes Vorgehen der Universität und der Politik gegen den Wissenschaftler.
Auch Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, war schockiert über die Äußerungen des Göttinger Sportwissenschaftlers: "Ich halte die Thesen für eine miese Mischung aus Ignoranz und Diffamie", sagte Graumann SPIEGEL ONLINE. "Juden zu unterstellen, ein anderes Körperverständnis zu haben, hat etwas Ausgrenzendes." Er sieht darin "klassische antisemitische Mechanismen". Anzunehmen, die Sportler seien freiwillig in den Tod gegangen, sei bösartig und verhöhne die Opfer: "Dass die akademische Welt dazu schweigt, empört mich."
Teilnehmer der Tagung waren über so viel "dummes Zeug" und "antijüdische Stereotype" entsetzt, dass sie vom Präsidenten der Uni Göttingen Konsequenzen für Krüger forderten. Im Tagungsband wird der Vortrag nicht erscheinen.
Das Präsidium der Uni Göttingen distanzierte sich am Montag "von allen Äußerungen rassistischen oder auch antisemitischen Inhaltes", wollte aber im Übrigen abwarten, wie die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (DVS) reagiert. Deren Präsident Bernd Strauß hielt Krügers Vortrag für einen "sehr ernsthaften Vorgang". Der DVS-Vorstand wollte sich in der vergangenen Woche mit dem Fall befassen. Und nun?
Krüger zieht seine Thesen zurück
Arnd Krüger hat seine Thesen am Donnerstag zurückgezogen. In einer Stellungnahme schreibt er, dass ihm in der Zwischenzeit klar geworden sei, dass seine "bisherigen Klärungsversuche untauglich sind und zu einer von mir nicht intendierten Diskussion Anlass gegeben haben".
Auch wenn er sich jetzt distanziert - sein Vortrag war nicht das erste Mal, dass Arnd Krüger seine These geäußert hat: In der Sommersemesterausgabe des Göttinger Hochschulsportmagazins "Seitenwechsel" erzählt er in einem Interview die Geschichte eines Sportlers, dem es gelungen sei, aus dem israelischen Quartier im olympischen Dorf zu flüchten, nachdem die Attentäter eingedrungen waren: "Er hatte zentimeterdicke Brillengläser, das heißt, er war praktisch blind ohne Brille. Und wenn jemand wie er flüchten konnte, hätte jeder flüchten können. Aber die anderen wollten nicht." In einem Interview mit der "taz" am Freitag relativiert er diese Aussage. Das Gespräch sei "vom Tonfall der Studenten ulkig gemeint" gewesen. "Meine Antworten waren flapsig, dem Thema nicht angemessen", so Krüger.
Sportprofessor Krüger: "Fallstricke des Antisemitismus"
"Die Problematik hatte er damals in dem Aufsatz schon gekennzeichnet", sagt Frederik Borkenhagen, Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, "die Opfer-These taucht hier allerdings noch nicht auf. Auch das Körperverständnis spielt hier noch keine Rolle."
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