Samstag, 21. November 2009

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09.07.2008
 

SPIEGEL-Gespräch mit Gregor Gysi

Roter Missionar im schwarzen Paradies

Von Sebastian Wieschowski

Religion ist nicht Gregor Gysis Welt, er glaubt an den Sozialismus. Und kennt sich mit Diktaturen aus - was ihm beim Besuch an der Katholischen Universität Eichstätt gleich einen Seitenhieb entlockte. Im SPIEGEL-Gespräch spottete der Linken-Fraktionschef über die Kirche, Sexualethik und Bayern.

Uni Eichstätt: Seit Monaten in heftigen Turbulenzen
DPA

Uni Eichstätt: Seit Monaten in heftigen Turbulenzen

Drei Leibwächter suchen mit gleichbleibend gefährlichem Blick nach Gefahren. Die wohl größte Gefahr des 12.000-Einwohner-Örtchens Eichstätt: Hier ist die Welt noch in Ordnung. Die Arbeitslosigkeit schwankt seit Jahren um ein Prozentchen, die Häuserfassaden strahlen in satten Farben, glänzende Mittelklassewagen eines Ingolstädter Autoherstellers rollen über die Pflastersteine - ein putziges Kleinstadtidyll im schwarzen Bayern.

Eichstätt ist sehr katholisch. Der Mann, den die drei Leibwächter beschützen sollen, ist nicht katholisch. Und Gregor Gysi wird es niemals werden. Selbst nach Gehirn-OP und folgendem Herzinfarkt sei das Spirituelle nicht über ihn hereingebrochen, sagt der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag.

Gregor Gysi in Eichstätt: Die DDR ist tot, es lebe der Sozialismus
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Sebastian Wieschowski

Gregor Gysi in Eichstätt: Die DDR ist tot, es lebe der Sozialismus

Gysi ist nach Eichstätt gekommen, um in der Debattenreihe "SPIEGEL-Gespräch - live in der Uni" über den Sozialismus zu reden. Ob er längst tot ist oder ein Comeback feiert. Sozialismus, das ist Gysis Mission. Obwohl der eiserne Vorhang gefallen ist, zahlreiche Staaten zusammenbrachen und DDR-Funktionäre zu "personae non gratae" wurden, glaubt Gysi weiter an den Sozialismus: "Ich will, dass aus den Ursprüngen, die schon 1918 begonnen haben, noch etwas Vernünftiges wird", versucht er am Montagabend zu erklären.

Das reicht seinem Gesprächspartner nicht aus. SPIEGEL-Redakteur Stefan Berg ist selbst ein Kind der DDR und konnte nur in der Redaktion einer kleinen Kirchenzeitung üben, wie journalistische Kritik funktioniert. Gysi präzisiert: Ja, die Struktur des Staatssozialismus sei insgesamt gescheitert, jedoch könne man über die Vorteile bestimmter Systemkomponenten streiten. Vollbeschäftigung, Familienförderung, Kameradschaft, man kennt das schon.

Hinein in die "wohltemperierte Hölle des Sozialismus"?

Von seinem roten Kuschelsessel lässt der Berliner Rechtsanwalt eine Liebeserklärung an den Sozialismus vom Stapel. Und die Studenten der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt lauschen gespannt.

Sie selbst hatten in den vergangenen Wochen allergrößte Not mit einer Liebeserklärung an das "Katholische" ihrer Universität, nachdem fast die gesamte Universitätsleitung ausgetauscht wurde. Wochenlang wurde auf dem Campus deshalb auch gescherzt, warum ausgerechnet der Chef-Linke Gregor Gysi ins sturzkatholische und tiefstschwarze Bayern geschickt wurde. In seiner Begrüßung denkt auch Gerd Melville, Mitglied der Eichstätter Hochschulleitung, laut über die Auswahl des Gastes nach: Ob die Universität, die wegen ihrer Personalquerelen nicht aus den Schlagzeilen herauskommt, so geschwächt sei, dass sie sich in die "wohltemperierte Hölle des Sozialismus" begebe, fragt Melville.

Gregor Gysi, bekannt als scharfzüngiger Rhetoriker, hatte sich auf das programmierte Duell "Glaubenshardliner versus linke Socke" vorbereitet - und unterhält die krisengenervten Eichstätter Studenten mit einigen Anekdoten. Ein katholischer Würdenträger habe einmal kritisiert, dass sich die Linkspartei zu wenig erneuere. Gysis Konter: "Den Vergleich mit der katholischen Kirche halten wir noch aus." Applaus. Er respektiere es, wenn man an bestimmten Werten gegen Kritik festhalte, diese dürften jedoch nicht um jeden Preis umklammert werden: "Die Sexualethik der katholischen Kirche hat mit unserem Jahrhundert nichts mehr zu tun", sagt Gysi. Jubel.

Kleine Seitenhiebe auf die Katholiken

Es folgt politische Missionierungsarbeit aus der linken Ecke: Der Kapitalismus könne zwar eine ungeheure Produktivität freisetzen, löse aber nicht die drei großen Probleme unserer Zeit (Elend und Hunger in der Dritten Welt, Kriege, Bedrohung der Umwelt), sagt Gysi. Und deshalb sei auch ein bayerisches Nest wie Eichstätt ein dankbares Pflaster für die Galionsfigur der Linkspartei: "Ich habe nichts dagegen, wenn hier teure Autos rumfahren. Mich stören reiche Menschen nur, wenn es sie nicht stört, dass es in ihrer Stadt auch arme Menschen gibt", sagt Gysi. Die Linkspartei sei als Korrekturfaktor nötig, weil die Sozialdemokraten ihr Profil zusehends verwischten, deshalb glaubt Gysi an ein Fortleben des Sozialismus - nicht als "DDR-Style"-Staatssozialismus, sondern als demokratischer Sozialismus, in dem es viele private Bäckermeister, aber keine privaten Stromanbieter gibt.

Als guter Gast versucht Gregor Gysi am späteren Abend noch einmal, auf seine Zuhörer an der Katholischen Universität zuzugehen, in dem er sich einen Seitenhieb auf das "K" im Namen der Hochschule erlaubt. Der Staatssozialismus und die katholische Kirche hätten einen Vorteil gemeinsam: "Beide sind straff durchorganisiert, und wenn der Oberste etwas sagt, dann wird es auch getan."

Die Studenten kreischen. Immerhin haben sie selbst erlebt, welche Möglichkeiten katholische Entscheidungsträger haben, wenn es zum Beispiel um die Nichternennung eines Universitätspräsidenten geht. Nur Unichef Gerd Melville, der nach der Ablehnung des demokratisch gewählten Präsidentschaftskandidaten Ulrich Hemel am 1. Juli sein Amt angetreten hatte, ringt in der ersten Reihe mit seinen Gesichtszügen.

Derweil lehnt sich Gregor Gysi genüsslich zurück und grinst spitzbübisch, als wolle er sagen: Ich lass euch euren katholischen Glauben, solange ihr mir meinen sozialistischen lasst. Damit ist er auch gut bedient, denn kurz vor Diskussionsschluss folgt eine Attacke, eine Studentin erhebt sich und ergreift das Wort: "Herr Gysi, sind Sie ein gläubiger Mensch?"

Und Gysi wird ernst: "Alle nicht religiösen Menschen haben ein großes Problem." Dass Regen, Sonne und Erdbeben nicht von Gott gemacht werden, wüssten sie zwar. Eine Frage könnten sie jedoch nicht beantworten: "Es bleibt unerklärlich, wie aus anorganischem Material etwas Organisches werden konnte." Darauf hat auch der sozialistische Alleinunterhalter mit dem unerschöpflichen Anekdotenkoffer keine Antwort.

Der Autor ist Student an der KU Eichstätt-Ingolstadt.

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