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28.07.2008
 

Prügelei auf dem Campus

Neonazi darf weiterstudieren

Von Christoph Titz und Jochen Leffers

Ein NPD-Funktionär soll an der Mainzer Universität einen anderen Studenten zusammengeschlagen haben. Die Uni beriet über seine Exmatrikulation - und verzichtete darauf. Bald sehen sich die Kombattanten vor Gericht wieder.

Es ist vielleicht die älteste Form der geordneten nonverbalen Auseinandersetzung: das Duell Mann gegen Mann, mit gleichen Waffen. Ob steinerne Keule, Vorderlader oder ganz simpel die Fäuste - am archaischen Ritus von Duellen zwischen echten Männern hat sich, seit Menschen aufrecht gehen, nichts geändert.

Gestiefelter NPD-ler: Ein stellvertretender Landesvorsitzender als Schläger
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DPA

Gestiefelter NPD-ler: Ein stellvertretender Landesvorsitzender als Schläger

So müssen das wohl auch zwei Studenten der Gutenberg-Universität Mainz gesehen haben. Oder jedenfalls der eine von beiden. Sie trugen auf dem Parkplatz neben der Uni-Bibliothek einen Faustkampf aus.

Die Kombattanten: Der eine ist 23 Jahre alt, Geschichtsstudent und bei der Antifa aktiv. Der andere heißt Mario M., 1984 geboren, studiert ebenfalls an der Gutenberg-Uni und trägt eine Frisur wie auf einem sehr alten Bild aus dem "Völkischen Beobachter". Er ist in und um Mainz herum als Neonazi hinlänglich bekannt und stellvertretender Landesvorsitzender der NPD in Hessen.

Die erste Runde: Spucken und Prügeln

Es ist der frühe Vormittag des 23. Januar 2008. Die beiden Mainzer Studenten kennen einander und begegnen sich in der Bibliothek für Mittlere und Neuere Geschichte. Später schildern beide die Auseinandersetzung im Internet. Die Version von Mario M.:

"Diese Person sah ich dann in der Uni-Bibliothek. Meine erste Reaktion war, dass ich ihn angespuckt habe. Gleichzeitig teilte ich ihm mit, dass wir seinetwegen von anderen Leuten verfolgt werden. Er meinte: 'Soll ich jetzt Mitleid haben?'" Er habe, so Mario M. weiter, vorgeschlagen, "dann können wir das auch draußen klären. Wir gingen raus, suchten uns einen ungestörten Platz und haben uns geschlagen. Dabei konnte ich einen Schlag landen, der große Wirkung erzielte, und er ging zu Boden. Nachdem er aufgegeben hatte, war die Sache für mich auch erledigt. Ich habe ihm seine Mütze gegeben, ihm meinen Respekt dafür ausgesprochen, dass er sich überhaupt getraut hat, sich auf einen fairen Kampf einzulassen."

Und die Version des Geschichtsstudenten:

Die Spuckattacke schildert er ähnlich. "Das ist dafür, dass du am letzten Samstag auf der Gegenkundgebung zur NPD warst", habe Mario M. ihm als Grund genannt. Auf dem Weg nach draußen habe er Mario M. gefragt, ob eine Schlägerei aus seiner Sicht wirklich angebracht sei, denn Mario M. befinde sich zurzeit noch in einem weiteren Prozess wegen einer Körperverletzung, die er 2007 begangen habe. "Ist mir egal", habe Mario M. geantwortet, ihm nach einem Wortgefecht "unmittelbar ins Gesicht geschlagen" und ihn "mit einem Tritt gegen den Oberschenkel zu Fall" gebracht. Bald darauf bei der Prügelei sei er am Boden gewesen, Mario M. habe "erneut wie von Sinnen" auf ihn eingetreten. Das Ende schildert der Antifa-Aktivist gleich: Der Rechtsextremist habe sich entfernt mit den Worten "Aber immerhin Respekt, dass du mit rausgekommen bist".

Zeugen für die Prügelei gibt es offenbar keine. Der Geschichtsstudent hat nach eigenen Angaben einen Schneidezahn verloren, außerdem Prellungen, Abschürfungen und einen Riss an der Lippe davongetragen. Er erstattete Anzeige wegen schwerer Körperverletzung.

Die Situation habe sich "so ergeben und ein unglückliches Ende genommen" - er wisse, dass "Prügeleien an einer Uni nicht sinnvoll sind", so Mario M. Ansonsten klagt er in einem Interview über "Schikanen", "Diffamierungen", "Mobbing", "Lügengeschichten" und "Terror" durch linke Studenten, die "das unschuldige Opfer" spielten. Aber von solchen "unethischen Gruppen" könne man auch nur "das Ertränken in Selbstmitleid und Ehrlosigkeit" erwarten.

Zweite Runde: Rauswurf geprüft und verworfen

Die Gutenberg-Universität ist alarmiert. Das Präsidium bittet den verprügelten Geschichtsstudenten zu erzählen, was passiert ist. Daraufhin beauftragt es den Exmatrikulationsausschuss, zu prüfen, ob man den Studenten Mario M. exmatrikulieren kann. Im Exmatrikulationsausschuss haben drei externe Mitglieder die Mehrheit, den Vorsitz führt Bettina Freimund-Holler, Präsidentin des Verwaltungsgerichts Mainz.

"Damit wir jemanden exmatrikulieren können, muss klar Gewalt gegen die Universität verübt werden, also der Frieden der Hochschule gestört sein", sagte Uni-Vizepräsident Jürgen Oldenstein SPIEGEL ONLINE. Schlägereien gebe es hin und wieder, allein dafür könne man niemanden der Hochschule verweisen. Weil sich keine Zeugen finden und Aussage gegen Aussage steht, wird nichts aus der Exmatrikulation.

Hätte es Zeugen gegeben, hätte die Uni den rechtsextremen Studenten vielleicht rauswerfen können, sagte ein Mitglied des Exmatrikulationsausschusses SPIEGEL ONLINE. Es sei allerdings wahrscheinlich, dass sich M. an die Universität hätte zurückklagen können, was ihm und seiner rechten Sache eine größere Plattform gegeben hätte.

Vizepräsident Oldenstein sagt: "Wir haben den Studenten verwarnt. Wenn er sich noch mal daneben benimmt, werden wir erneut dieses Verfahren anstrengen. Wir halten keine Hand über rechtsextreme Studenten."

Der Asta wirft der Uni vor, sie habe sich der Argumentation des Neonazis M. bedient. Wenn die Universität Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung akzeptiere, empfehle der Asta der Uni-Leitung den "irischen Code Duello von 1777". Danach sollten Kämpfe um die Mannesehre künftig ausgetragen werden, witzeln die Studentenvertreter: "Bei Bedarf stehen Referentinnen und Referenten des Asta als Sekundanten bereit und stellen einen unabhängigen Ehrenrat, der Schwere der Beleidigung und Hergang des Duells verhandelt."

Vizepräsident Oldenstein weist die Kritik des Asta zurück: "Die Sitzungen von Senat und Exmatrikulationsausschuss waren nicht öffentlich, und ich widerspreche der Darstellung, wir hätten uns die Worte von Herrn M. zu eigen gemacht." Schließlich sei die Initiative zur Exmatrikulation vom Präsidium ausgegangen, der Asta habe nichts beigetragen.

Dritte Runde: Wir sehen uns vor Gericht

Nächste Woche beginnt laut "Allgemeinen Zeitung" der Strafprozess gegen Mario M. vor dem Amtsgericht Mainz. Der Geschichtsstudent hatte den braunen Kommilitonen bei der Polizei angezeigt, die Staatsanwaltschaft leitete das Strafverfahren ein.

Ob die jungen Männer sich einvernehmlich geschlagen haben oder ob die Aggression einseitig von M. ausging, sei für die Strafe nicht unbedingt wichtig, sagte Oberstaatsanwalt Klaus Puderbach SPIEGEL ONLINE. "Auch bei einem Duell kann es sich um Körperverletzung handeln."

Der Mainzer Polizei sei der Beschuldigte M. "wohl bekannt", so eine Polizeisprecherin. Auf ihn ist eine Seite mit dem Titel "Nationale Sozialisten Mainz-Bingen" registriert, außerdem ist er stellvertretender Landesvorsitzender der NPD in Hessen. Der Landesverband führt ihn auch als Kreisvorsitzenden in Mainz-Bingen und schildert seine Qualifikationen so: "Als Leiter unzähliger Schulungen, Veranstaltungen, Kundgebungen und Demonstrationen konnte Mario M. reichhaltige Erfahrungen im organisatorischen Bereich sammeln."

Er spielte offenbar auch eine Rolle beim Überfall auf eine Veranstaltung an der Mainzer Uni: Im November hielt der Historiker Hannes Heer, Leiter der umstrittenen Wehrmachtsausstellung, einen Vortrag über den "medialen Umgang mit der Nazi-Vergangenheit". Rund 15 Neonazis versuchten, den Hörsaal zu stürmen. Die Gruppe löste sich auf, als gut 30 Polizisten eintrafen. Zwei Männer aus dem rechtsextremen Spektrum seien erkannt worden, sagte damals ein Polizeisprecher - und bei dem einen handelte sich sich laut "Frankfurter Rundschau" um Mario M.

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