Von Christoph Titz
"Sie können mir doch das Geld nicht einfach auf den Tisch legen! Sowas hat es ja noch nie gegeben." Die Beraterin von Soziologiestudentin Lisa im Münchner Studentenwerk schüttelt verständnislos den Kopf. Bafög nicht annehmen und freiwillig darauf verzichten - wo kämen wir denn da hin?
Lisa studiert seit 2003 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Vor dem Sommersemester 2004 tat sie, was viele Studenten meist im Herbst und dann alljährlich wieder tun: Sie holte sich bei ihrem Studentenwerk einen Stapel grün-graues Papier und beantragte die staatliche Studentenstütze nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz Bafög.
Ihren Antrag reichte sie im März ein, vier Monate später kam der Bescheid: "Mein Anspruch betrug 12,51 Euro, da wurde auf 13 Euro aufgerundet", erinnert sich Lisa und lacht. "Und dafür macht man sich dann gläsern."
Das Amt lädt zum Vermögensstriptease
Gläsern machen müssen sich die Antragsteller für das Studenten-Bafög immer. Vor dem Amt für Ausbildungsförderung entblößen sie ihr eigenes Vermögen und die Einkünfte ihrer Eltern. Außerdem interessiert die Sachbearbeiter, was die Geschwister so treiben, ob sie zur Schule gehen, studieren, arbeiten.
Schwer können es auch Kinder alleinerziehender Eltern haben. Bei den Behörden sind Väter oder Mütter nicht vorgesehen, die nicht auffindbar sind oder sich weigern, ihrem Kind den Lohnzettel zu übergeben. Bis zur Klärung können Monate verstreichen.
Alle Einkünfte wirken sich auf die Fördersumme aus, die meist erst Monate nach Antragstellung überwiesen wird - und die nur bekommen soll, wer auch wirklich bedürftig ist. Füllt man die Zettel schlampig aus oder verschweigt gar absichtlich Erspartes, droht Ungemach: Beginnend mit dem Jahr 2001 überprüfen die Ämter nämlich seit vier Jahren mittels Datenabgleich über das Bundesamt für Finanzen, wer was hat. Schummlern droht die sofortige Rückzahlung. Und, je nach Richter und Staatsanwalt, eine satte Strafe - bis hin zur Vorstrafe.
Bei Lisa war die Lage einfach: Vater selbständig, Mutter angestellt, ein Bruder und eine Schwester in der Schule - trotzdem wartete sie über ein Vierteljahr auf die Bewilligung ihres Mini-Bafög. Als ihr Bescheid kam, wollte sie das Geld nicht mehr. Das war ihr den Vermögens- und Familienstriptease nicht wert, sagt Lisa.
Jeder sechste Student bekommt Bafög
Doch es war nichts zu machen: Anspruch ist Anspruch, und wer einmal den Antrag ausgefüllt hat, muss nehmen, was er kriegt - selbst wenn es nur der Gegenwert eines Kinobesuchs im Monat ist.
Eigentlich ist das Bafög eine feine Sache. Rund 331.000 Studenten bezogen im Jahresdurchschnitt 2007 die staatliche Hilfsleistung, ermittelte das Statistische Bundesamt. Damit erhielt gut jeder sechste Student in Deutschland Bafög - auch wenn die Bundesregierung gern von jedem Vierten spricht: Sie rechnet all jene heraus, die ihre Regelstudienzeit überschritten und daher kein Bafög mehr bekommen können.
Insgesamt machen direkte staatliche Hilfen in Deutschland nur 14 Prozent des studentischen Budgets aus, wie gerade die Vergleichsuntersuchung "Eurostudent" zeigte. Die Länder Europas haben völlig unterschiedliche Systeme der Studienfinanzierung, am meisten bekommen Studenten in Schweden, Großbritannien und den Niederlanden vom Staat.
Auf der Suche nach dem besten Bafög-Amt
Die durchschnittliche Fördersumme betrug 375 Euro im Monat. Das reicht ungefähr für ein WG-Zimmer und eine Monatskarte im Nahverkehr. Vergangenes Jahr brachten die Ämter insgesamt 1,49 Milliarden Euro unter die Studenten. Förderung und Freibeträge der Eltern hatten seit 2002 stagniert - sechs Jahre mussten deutsche Studenten auf eine Erhöhung warten, die der Bundestag dann Ende 2007 beschloss.
| Bafög-Ämter: Top und Flop 2007 | ||
| Ort | Note | |
| 1 | Chemnitz | 2,20 |
| 2 | Göttingen | 2,82 |
| 3 | Greifswald | 3,03 |
| 4 | Gießen | 3,06 |
| 5 | Potsdam | 3,23 |
| ... | ... | ... |
| 46 | Marburg | 4,10 |
| 47 | Frankfurt/M. | 4,21 |
| 48 | Heidelberg | 4,25 |
| 49 | Konstanz | 4,33 |
| 50 | Dortmund | 4,66 |
Der Teufel steckt beim Bafög im bürokratischen Detail - und besonders wichtig ist die Qualität der Beratung: Wie geht es im Bafög-Amt wirklich zu? Werden die Studenten kompetent und freundlich informiert - oder als lästige Bittsteller abserviert? An welchen Unis ist der Service ausgezeichnet, wo könnte er noch besser werden? Wie kommen die Studenten mit den Formularen klar, wie schnell werden die Anträge bearbeitet?
All das will SPIEGEL ONLINE beim Studentenbarometer 2008 gemeinsam mit dem Team Steffenhagen herausfinden, einem Marktforschungsinstitut in Aachen. An der deutschlandweiten Online-Befragung kann jeder teilnehmen, der sich schon einmal in Sachen Bafög erkundigt oder einen Antrag auf die Ausbildungsförderung gestellt hat - bei einem der 58 Ämter oder, in Rheinland-Pfalz, an seiner Hochschule.
Die Umfrage 2007 zeigte, dass Studenten im Bafög-Amt allerhand erleben: Da wurden Studenten während der Sprechzeiten von "unfreundlichen und gestressten" Sachbearbeitern abserviert, vor der Tür stehen gelassen, warteten "grandiose neun Monate" auf ihr Geld oder ärgerten sich schlicht über das "bürokratische Monster" Bafög-Amt, so einige der Klagen.
Bei der Beratung fast durchgefallen
Positives Echo ("herzlicher Draht", "sehr menschlich") gab es auch, aber seltener. Entsprechend schlecht fielen die Noten aus. Insgesamt gab es für die Zufriedenheit mit den Bafög-Leistungen vergangenes Jahr die Schulnote 3,83. Die Extremwerte klafften weit auseinander: Am zufriedensten waren die Befragten mit ihren Beratern in Chemnitz (Note 2,06), grottig fanden sie den Service in Dortmund (Note 4,71).
Und Studentin Lisa aus München? Nach der Posse um ihr Mini-Bafög hatte sie genug, im Oktober 2004 wurde ihr erlaubt, kein Bafög mehr zu beziehen. Zwei Jahre später zog sie dann bei den Eltern aus, ihr Bruder begann ein Studium in Berlin.
Weil die Last von drei Jobs neben dem Studium nicht mehr zu schultern war, holte sich Lisa abermals die grünen Zettel vom Amt. Der neue Antrag lohnte sich. Lisa bekam nun 360 Euro monatlich, was in München immerhin für die Miete reicht.
Kurz vor ihrem Diplom lernte die Soziologiestudentin auch noch die menschliche Seite ihrer Beraterin kennen: Eigentlich wäre nach der Regelstudienzeit von neun Semestern Studium mit dem Bafög-Anspruch Schluss gewesen - doch wegen eines Todesfalls in ihrer Familie kam Lisa im Studium aus dem Tritt. Sie stellte einen Ausnahmeantrag auf längere Bewilligung.
"Da wurde meine Beraterin plötzlich ganz einfühlsam", sagt Lisa. "Ich musste mir dann zwar ihre Leidensgeschichten anhören - aber das Geld habe ich problemlos für ein weiteres Semester gekriegt."
Wie sind Ihre Bafög-Erfahrungen? Ab sofort und bis Ende November können Sie Ämter und Beratung bewerten - beim Studentenbarometer 2008, der großen Bafög-Umfrage von Team Steffenhagen und SPIEGEL ONLINE
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