von Gregor Peter Schmitz
Bei den Kronleuchtern im ehrwürdigen Speisesaal war es einigen Kommilitonen dann doch genug. Mit Energiesparlampen verbrauchten die zwar viel weniger Strom - aber sie tauchten die Esstische im Eliot House, einem Studentenwohnheim der Harvard University, ins Halbdunkel. Über den E-Mail-Verteiler des Wohnheims wogte der Streit übers Licht hin und her.
Der Umwelt helfen wollten eigentlich alle, die mitdiskutierten - aber ihr Essen auf dem Teller erkennen wollten sie auch. "Dann haben wir schließlich eine Ausnahme gemacht und die alten Birnen wieder eingesetzt", seufzt Brandon Geller.
Solche Ausnahmen sind dem 23-jährigen Biochemiker eigentlich zuwider. Geller arbeitet für die Harvard Green Campus Initiative. Der drahtige Ökobeauftragte trägt ein grünes Recycling-Zeichen als Abziehtattoo auf dem Arm, um ihn herum liegen Broschüren mit vielen Ausrufezeichen: "Setz deinen Computer auf Diät!", "Dreh die Heizung in deinem Raum runter!", "Fahr mit Bus und Bahn!"
Unamerikanische Umtriebe: Studenten finden Öko schick
Harvard wäre nicht Harvard, wenn die Vorzeige-Uni an der Ostküste nicht auch bei einer Bewegung vorn liegen wollte, die derzeit Studenten in ganz Nordamerika umtreibt: beim Umweltschutz.
Während im US-Präsidentschaftswahlkampf Pluspunkte sammelt, wer im kostbaren Alaska nach Öl bohren will, während das Weiße Haus trotz steigender Rohstoffpreise den verschwenderischen American Way of Life propagiert, finden die Studenten Öko schick.
An der University of Washington in Seattle fahren Studenten wie Professoren längst Wasserstoff-Autos. Die Pennsylvania State University deckt 27 Prozent ihres Stromverbrauchs mit Windkraft. In Vermont kompostiert das kleine Middlebury College seinen gesamten Speisesaalabfall und eröffnet im Januar ein elf Millionen Dollar teures Bioheizkraftwerk, das den Heizölverbrauch des Colleges halbieren soll. Und die Duke University in North Carolina gibt als Studienziel für ihr neues Fach "Energie und Umweltstudien" an: Studenten darauf vorbereiten, die Welt zu verändern.
Im wettbewerbsfixierten US-Hochschulsystem ist Umweltschutz eine neue Maßeinheit für akademische Qualität geworden. Die "Princeton Review", berüchtigt für ihre Uni-Ranglisten, hat die Bildungseinrichtungen nach ihrer Umweltfreundlichkeit sortiert. Elf Hochschulen finden sich da, bekannte Namen wie eben Harvard und Yale, aber auch kleinere Einrichtungen wie das Bates College oder das College of the Atlantic in Maine - das sich auf seiner Website frech das "grünste College der Welt" nennt.
Alle lernen unter einer Lampe und frieren für Mutter Erde
Am Oberlin College in Ohio steht ein ganzes Haus, das als Ökoversuchsanstalt dient, genannt "Student Experiment in Ecological Design" (SEED). Die Idee zu dem Projekt kam Lucas Brown, einem 22 Jahre alten Wirtschaftsstudenten, und zwei Freunden, als sie einen Kurs in ökologischem Design belegten. "Wir dachten uns, wir wollen das auch in unserer direkten Umgebung vorleben." Die Uni gab 40.000 Dollar, um ein renovierungsbedürftiges Haus mitten auf dem Campus umweltfreundlich herzurichten, mit entsprechender Isolierung, Heizung und Leitungen. Lucas, ein geübter Handwerker, packte bei den Umbauten selbst an.
An allen Elektrogeräten im Haus klebt nun ein buntes Schild, das zum Energiesparen mahnt. Auf dem elektronischen Keyboard von Lucas steht: "Die Musik war wundervoll. Jetzt geh an die Hausarbeiten und vergiss nicht, mich auszustöpseln." Im Garten wartet ein Komposthaufen auf hilfreiche Würmer, die Lauge fürs Geschirr spült danach die Toilette. Meist lernen die Bewohner gemeinsam im Wohnzimmer, um Licht in den anderen Räumen zu sparen.
Selbst im Winter puckert die Heizung nur selten auf Hochtouren - die Studenten tragen lieber warme Sachen oder hüllen sich in Decken. Neben der Dusche steht eine Uhr, die die Duschzeit misst. Drei Minuten braucht Lucas; Mädchen mit langen Haaren dürfen etwas länger. Aber die meisten Bewohner wollen gar keine Ausnahmen. Oft duschen Mitglieder der Öko-WG tagelang nicht, um Energie zu sparen.
© UniSPIEGEL 5/2008
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