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22.10.2008
 

Lord Dahrendorf über Chancengleichheit

"Eine Bildungsrepublik kann am Mittagessen scheitern"

Für "Aufstieg durch Bildung" setzt sich Lord Ralf Dahrendorf seit einem halben Jahrhundert ein. Im SPIEGEL-Interview spricht der deutsch-britische Soziologe und Politiker über die Bildungsrepublik, Gefummel an der Schulpolitik und zu niedrige Steuern für Akademiker.

SPIEGEL: Lord Dahrendorf, Sie haben gleich mehrere Staatsbürgerschaften. Sie sind Bürger einer Bundesrepublik und eines Vereinigten Königreichs. Fühlen Sie sich denn auch als Bürger einer Bildungsrepublik?

Ralf Dahrendorf: Ach, Bildungsrepublik. Das sagen sie doch mittlerweile alle in Europa. Das könnte man in derselben Form auch in London oder Paris hören.

Soziologe Dahrendorf: "Was ist mit dem Rest?"
Stefan Enders

Soziologe Dahrendorf: "Was ist mit dem Rest?"

SPIEGEL: Das heißt: Wenn die Bundeskanzlerin die Bildungsrepublik ausruft, ist das nur Wortgeklingel?

Dahrendorf: Nein, das heißt: Es ist vielen heute klar, dass Bildung wichtig ist. Für eine funktionierende Wirtschaft, als Kraft der Integration und auch als Quelle der Lebensbefriedigung für viele Menschen. Aber das wissen inzwischen alle in Europa.

SPIEGEL: In Deutschland hat die Bundeskanzlerin für diesen Mittwoch sogar zu einem Bildungsgipfel geladen.

Dahrendorf: Wahrscheinlich haben die Meinungsforscher ihr gesagt, dass das populär ist.

SPIEGEL: Wären Sie nicht gerne dabei?

Dahrendorf: Nein, ich hab' da nichts zu suchen.

SPIEGEL: Aber der Gipfel steht unter dem Motto "Aufstieg durch Bildung". Das klingt doch nach dem, was Sie seit einem halben Jahrhundert fordern: Bildungschancen von der sozialen Herkunft zu entkoppeln.

Dahrendorf: Ja, aber mein Ansatz von damals ist nicht mehr aktuell. Ich weiß zwar, dass die OECD und viele andere immer wollen, dass wir mehr Akademiker ausbilden. Doch das wichtigste Problem ist das nicht.

SPIEGEL: Wie bitte? Alle Welt klagt, dass wir zu wenige Akademiker ausbilden und nach wie vor nicht alle Kinder dieselben Chancen auf ein Studium haben, und ausgerechnet Sie sagen: alles halb so wild?

ZUR PERSON

Stefan Enders
Der deutsch-britische Politiker und Soziologe Lord Ralf Dahrendorf, 79, wurde bekannt als Vordenker des Liberalismus. Im Laufe seines Lebens hatte er vielerlei politische Funktionen inne. So war Dahrendorf Landtagsabgeordneter, Bundestagsabgeordneter, Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt sowie Kommissar in Brüssel.

Dahrendorf: Seit 1958 hat sich die Zahl der Studenten verzehnfacht. Katholische Kinder, Mädchen, Landkinder, Arbeiterkinder, Sie finden alle an den Universitäten. Die Kardinalfrage lautet viel mehr: Was ist mit den anderen, was ist mit dem Rest?

SPIEGEL: Welche anderen, welcher Rest?

Dahrendorf: Ich meine diejenigen, die durchs Raster fallen, vom Kindergarten oder von der Vorschule angefangen. Das ist eine relativ große Gruppe von jungen Menschen, die Schule oder Lehre nicht schaffen. Sehr oft sind es Migranten oder Migrantenkinder. In meinem Städtchen im Schwarzwald sehe ich das Problem mit eigenen Augen: Die eine Hälfte arbeitet, und die andere sitzt im Park und trinkt Bier. Und die will ich gerne kriegen. Da liegt heute eines der großen deutschen Bildungsprobleme.

SPIEGEL: Und darum kümmern sich die Politiker heute zu wenig?

Dahrendorf: Ja. Unter anderem, weil die sogenannten linken Parteien zu Akademikerparteien geworden sind. Gerade die SPD und die Grünen haben viele Mitglieder, die es eben durch die Reformen in den sechziger Jahren geschafft haben zu studieren. Und die sorgen jetzt für sich selber. Das sind die Bauernverbände der Neu-Akademiker. Dass die etwa gegen Studiengebühren sind, ist reine Klientelpolitik. Das täuscht uns nicht nur über die fundamentalen Veränderungen, sondern auch über das wirkliche Problem.

SPIEGEL: Ist es denn nicht sozial und gerecht, wenn ein Studium kostenlos ist?

Dahrendorf: Nein, das hat nichts mit sozialer Gerechtigkeit zu tun, sondern nur etwas mit den massiven Interessen bestimmter Gruppen. Wenn sie wirklich sozial denken würden, dann würden sie daran denken, dass ein akademisch Ausgebildeter später meistens deutlich mehr verdient. Ich bin deshalb ein Anhänger der Graduiertensteuer. Wer studiert hat und ein bestimmtes Einkommen erzielt, soll eine Abgabe zahlen. Aber das ist mit den Parteien nicht zu machen.

SPIEGEL: Es kommt uns etwas merkwürdig vor: Ein Mitglied des House of Lords, eines der exklusivsten Zirkel der Welt, tadelt vom Volk gewählte Vertreter, weil deren Politik zu sehr auf eine Elite, auf die Akademiker zielt?

Dahrendorf: Ach, der Witz der Politik ist, dass diejenigen, die nichts mehr zu gewinnen oder verlieren haben, einfach unabhängiger sind als diejenigen, die noch strampeln.

SPIEGEL: Und was empfehlen Sie denen, die noch strampeln?

Dahrendorf: Es gibt viel zu tun, wir müssen etwa dringend aufpassen, dass wir die duale Ausbildung am Leben erhalten. Aber ich will Ihnen ein praktischeres Beispiel nennen. Eines der großen Probleme ist nach wie vor das Mittagessen. Das kriegen die einfach noch nicht hin, dass sie in den Schulen oder Kindergärten ein möglichst auch noch gesundes Mittagessen fabrizieren. Da hakt es, und wenn es da hakt, dann hakt es auch generell.

SPIEGEL: Die Bildungsrepublik droht am Essen zu scheitern?

Dahrendorf: Ja, es kann sehr wohl sein, dass eine Bildungsrepublik am Mittagessen scheitert. Wenn es kein entsprechendes Angebot gibt, werden Frauen, also Mütter, nur begrenzt beruflich tätig sein. Und für die Kinder bleibt nur ein viel zu enger Raum. Um Befähigungen auszubilden, braucht es aber auch die Möglichkeit, dass man mit anderen zusammen lebt, nicht nur, dass man in irgendwelchen Klassen sitzt und was lernt.

SPIEGEL: Sie plädieren also für Ganztagsschulen?

Dahrendorf: Ganz sicher.

SPIEGEL: Und auch für Gemeinschaftsschulen?

Dahrendorf: Nein, da würde ich ruhig die Vielfalt lassen, die sich in Deutschland entwickelt hat. Wichtiger fände ich, dass wir ein Moratorium für Experimente verhängen, damit sich die Leute ein bisschen daran gewöhnen könnten, was es eigentlich für Angebote gibt. Am Bildungswesen wird so viel herumgefummelt, das kann man gar nicht anders nennen. All diese Diskussionen um die Zahl der Schuljahre, um die verschiedenen Schulformen, die Gesamtschule. Das führt, wie wir ja zuletzt bei den bayerischen Landtagswahlen gesehen haben, zu Missstimmungen bei Eltern. Sie wollen lieber ein verlässliches als ein sich dauernd veränderndes Bildungswesen.

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