SPIEGEL: Auch die Hochschulen sind derzeit in einem Umbruch. Die Bologna-Reform bedeutet in manchen Bereichen tiefgreifende Veränderungen.
Dahrendorf: Ja, aber darüber freue ich mich. Die Unis haben viel zu lange trotz Verzehnfachung der Studenten und auch der Lehrenden eine Ideologie gepflegt, die gar nicht mehr dahingehört.
SPIEGEL: Welche Art von Ideologie?
Dahrendorf: Das, was man so Humboldt nennt.
SPIEGEL: Was haben Sie denn gegen Humboldt, gegen die Einheit von Forschung und Lehre?
Dahrendorf: Gar nichts. Abstrakt sagt mir die Idee sogar sehr zu. Aber konkret bringt es unlösbare Probleme, wenn man die Hochschulen so weit öffnet. Wie wollen Sie das denn heute machen, wenn man diese Riesenzahlen von Studenten hat? Ich habe ja schon in den sechziger Jahren ein Kurzstudium befürwortet ...
SPIEGEL: ... von drei Jahren Dauer und mit dem Abschluss Bakkalaureus ...
Dahrendorf: ... was genau jetzt eingeführt worden ist. Und dennoch haben die Unis nicht hinreichend begriffen, dass sie in einer neuen Welt zurechtkommen müssen. Dazu zählt auch, dass es ein völlig neues Verhältnis von Universität und Berufswelt gibt. Aber weil Wirtschaft für viele ein böses Wort ist, wird auch nichts getan, um eine gewisse Verzahnung mit der Berufswelt herbeizuführen. Da haben vielen Unis in Deutschland noch einen großen Schritt zu tun. Den haben sie in England getan.
SPIEGEL: Warum fällt es den Briten leichter?
Dahrendorf: Die haben das 19. Jahrhundert verpasst. Als Kant in Königsberg war, durfte er nicht Philosophie lesen, sondern musste physische Geografie lehren. Das Lehrbuch bekam er aus Berlin. Das musste er vorlesen, und das hat er auch getan. Das ist die Universität vor Hegel und vor Humboldt, und in dieser Tradition stehen die britischen Hochschulen. Lange wirkten sie deshalb rückständig, aber heute haben sie es leichter.
SPIEGEL: Den Deutschen hingegen werfen Sie vor, Bildung in einem überkommenen, elitären Sinn zu verstehen und deshalb die Ausbildung der heutigen Studentenmassen zu vernachlässigen?
Dahrendorf: In Deutschland hat schon das Wort Ausbildung negative Untertöne, was sehr bedauerlich ist. Umgekehrt hat das Wort Bildung elitäre Untertöne, weil man dann immer gleich daran denkt, dass man Goethe lesen und ins Museum gehen muss. Ich überlege schon seit langem hin und her, ob es andere Ausdrücke gibt. Befähigung wäre vielleicht ein gutes Wort. Die Briten haben es viel leichter, education ist treffend und ohne Untertöne.
SPIEGEL: Und die Praxis in Großbritannien ist tatsächlich so anders?
Dahrendorf: Als ich die London School of Economics geleitet habe, habe ich 22-Jährige zu lecturers ernannt. Das waren begeisterte Lehrer, und die Studenten schimpften nicht darüber. Aber in Deutschland fängt halt fast jeder, der eine Dozentur bekommt, gleich an, die Ideologie der Einheit von Forschung und Lehre zu vertreten. An deutschen Hochschulen dürfen viele, die es könnten, nicht lehren, weil sie in der Hierarchie nicht die richtige Position haben. Wenn einer sich mit 40 habilitiert und dann anfängt zu lehren, kann er gar nicht mehr den Enthusiasmus entwickeln, den er mit Ende 20 hatte. Ich weiß das aus eigenem Erleben.
SPIEGEL: Wie alt waren Sie, als Sie in Saarbrücken zu lehren begonnen haben?
Dahrendorf: 25. Da war ich bestimmt ein besserer Lehrer, als ich es mit 40 war.
SPIEGEL: Vor mehr als 40 Jahren haben Sie in einem SPIEGEL-Gespräch gefordert, Professuren mit dem Schwerpunkt Lehre einzuführen. Ähnliches hat der Wissenschaftsrat gerade wieder gefordert. Haben Sie noch Hoffnung, dass sich etwas tut?
Dahrendorf: Ja, denn es wäre zu billig, die Hoffnung aufzugeben.
SPIEGEL: Würde sich insgesamt mehr in Deutschland tun, wenn es keinen Föderalismus gäbe und der Bund statt der Länder für alles zuständig wäre?
Dahrendorf: Der Föderalismus in Deutschland ist ja gar nicht echt. Denn eigentlich wäre der Sinn des Föderalismus, dass man den Wettbewerb erlaubt. Nur findet er ja gar nicht statt.
SPIEGEL: Sie haben selbst diesen Föderalismus mitgemacht, Sie waren etwa kurz Abgeordneter im baden-württembergischen Landtag.
Dahrendorf: Ich war zwei Jahre lang stellvertretender Fraktionsvorsitzender, eine intensive Zeit. Aber Landtagsabgeordneter ist nun wirklich nicht das Schönste in der Politik. Ich bin zwar ein begeisterter Parlamentarier, und es war auch nett im baden-württembergischen Landtag ...
SPIEGEL: ... aber?
Dahrendorf: Das hat natürlich Elemente eines Schülerparlaments. Da heißt es dann: Der Landtag möge beschließen, die Landesregierung zu ersuchen, sich bei der Bundesregierung dafür einzusetzen, dass bei den Agrarverhandlungen in Brüssel die Lage der Berglandwirtschaft besonders berücksichtigt wird.
SPIEGEL: Und was schließen wir daraus - Landtage abschaffen oder Landtage stärken?
Dahrendorf: Stärken natürlich! Es ist doch abenteuerlich, dass es da Parlamente gibt, die keine Steuern erheben können. Das ist das erste Recht und die erste Pflicht von Parlamenten, und das können Landtage nicht. Von daher ist das alles ein falscher Föderalismus, das gibt es nicht noch mal.
SPIEGEL: Aber wenn wir nur auf verwirrende Vielfalt der bildungspolitischen Experimente schauen: Wäre es nicht einfacher und besser, den Bund zumindest in der Bildungspolitik zu stärken und wieder mehr Kompetenzen auf ihn zu übertragen?
Dahrendorf: Einige Länder haben in der Vergangenheit ja ganz gute Politik gemacht. Sie müssten nur endlich alle akzeptieren, dass sie auch miteinander konkurrieren. Das ist merkwürdigerweise nicht der Fall.
SPIEGEL: Auf dem Bildungsgipfel wollen Bund und Länder unter anderem beschließen, sich gemeinsam stärker um die Weiterbildung zu kümmern. Ist das wirklich eines der drängendsten Probleme?
Dahrendorf: Oh ja, unbedingt. Denn das ist die zweite große Gruppe, die durchs Raster fällt: diejenigen, die mit 40 den Beruf wechseln müssen. Sie haben bislang zu wenige Möglichkeiten, sich dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Wir haben einfach diese Arbeitsmarktveränderungen bisher nicht verdaut. Die Deutschen denken immer noch an ihre Firma als den Ort, an dem die Kaffeefahrten starten, wenn Sie pensioniert sind. In meiner badischen Lokalzeitung, die ich berate, werden die Leute immer noch abgebildet, wenn sie zum 40. Arbeitsjubiläum vom Chef eine Kiste Wein geschenkt bekommen.
SPIEGEL: Haste was, dann bleibste das.
Dahrendorf: So ungefähr. Aber viele sind eben keine Kruppianer oder Daimleraner mehr, sondern vier Jahre hier und fünf Jahre da. Ich beobachte in Deutschland eine sehr starke Diskriminierung der Menschen um die 40 oder 45. Die müssen sich umorientieren, aber das ist nicht leicht, weil es ihnen oft an einem Angebot fehlt. Wir tun erstaunlich wenig für diese Menschen. Die Firmen haben Angst, dass sie die Konkurrenz bedienen, und der Staat hält keine rechten Einrichtungen parat.
SPIEGEL: Was sollte man tun?
Dahrendorf: Es muss einfach ein Angebot da sein, wo man gerne hingeht, wenn man noch was ganz anderes tun will, und das können nicht nur die Volkshochschulen sein. Die Universitäten müssen sich zum Beispiel stärker öffnen. Ich will ja gar kein eigenes neues Bildungswesen erfinden, also Weiterbildungsschulen oder ähnliches. Aber es wäre gut, wenn wir wenigstens einheitliche Standards hätten.
SPIEGEL: Ist das denn nur ein Problem des Angebots, oder sind wir vielleicht alle auch ein bisschen bequem? Ist Bildung angesichts der Arbeitsmarktveränderung heute nicht Bürgerrecht, sondern Bürgerpflicht?
Dahrendorf: Das ist eine sehr gute These. Pflicht ist ein Wort, mit dem ich vorsichtig bin, aber es ist eine Notwendigkeit. Das heißt, man tut gut daran, wach und lebendig zu bleiben und Neues zu betreiben.
SPIEGEL: Lord Dahrendorf, Sie sind jetzt 79 Jahre alt. Wie halten Sie es denn selber mit dem lebenslangen Lernen?
Dahrendorf: Ich habe früher immer darüber Witze gemacht, dass ich bei der Dampfschreibmaschine geblieben bin. Damit meine ich also die mechanische, nicht die elektrische, und meine Olivetti ist mir lieb und teuer. Aber ich lache nicht mehr darüber, sondern habe jetzt angefangen, wenigstens ein bisschen am Computer zu lernen.
SPIEGEL: Haben Sie eine E-Mail-Adresse?
Dahrendorf: Ich hab’ hier ein Büro, und da hab’ ich auch E-Mail.
SPIEGEL: Wenn wir Ihnen die Mitschrift dieses Gesprächs vorlegen wollen, bevor wir es veröffentlichen, können wir also eine E-Mail schicken?
Dahrendorf: Ach, schicken Sie es doch mit der Post. Das geht doch auch schnell.
SPIEGEL: Lord Dahrendorf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten Markus Verbeet und Alfred Weinzierl
Auf anderen Social Networks posten:
Das haben wir hier seit knapp 30 Jahren. Schreibschrift schreibt inzwischen ausschliesslich die Privatschulenkundschaft, die staatlichen Schüler können nur Druckschrift, so wie sie auch nur die Landessprache lesen und schreiben [...] mehr...
Hamburg bleibt auf halbem Wege stehen. Wozu überhaupt schreiben lernen? Bildungsexperten empfehlen aufgrund valider Längs- und Querschnittstudien schon seit Längerem Pantomime und Pictogramm. Die Einlassungen des Senators [...] mehr...
In der Kaufmannsstadt HAMBURG ist es jetzt möglich, von der Schulseite her, die Schreibschrift abzuschaffen. Natürlich folgt man hier wieder den neuesten pädagogischen Erkenntnissen, so daß wir bald nur noch Abiturienten [...] mehr...
Die Unterrichtsboxen sind ja nur übergangsweise notwendig. Dank der Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung des Bildungsmarktes, sowie dessen Öffnung für osteuropäische Fachkräfte ("Komm näherrr, Hibscherrr, ich [...] mehr...
Die Ausstattung sollte individuell den Vorlieben der örtlichen Klientel angepasst werden. Vielleicht mag der eine eher eine Seidentafel mit Plüschkissen, der andere eher die härtere Variante aus Holz und Leder. Eine [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Studium | RSS |
| alles zum Thema Studiengebühren | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH