Mittwoch, 10. Februar 2010

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12.12.2008
 

Studium in Madrid

400 Euro für fünf Quadratmeter

Die Wohnungssuche ist in Spaniens Hauptstadt Glückssache. Auch Anne Piezunka muss bei ihrem Madrid-Semester Kompromisse eingehen. Immerhin hat die Berliner Politikstudentin Zugang zum Balkon - manche Erasmus-Kollegen würden sich schon über ein Fenster freuen.

"Die Pille danach muss so früh wie möglich eingenommen werden..." Solche Broschüren habe ich zuletzt in der neunten Klasse bekomme. Sieben Jahre später ist es wieder soweit. Gemeinsam mit knapp 1000 Erasmus-Studenten sitze ich an der Universität von Madrid und erhalte zum zweiten Mal Pillen-Infos - in meinem Erasmuspaket. Ein wenig entsetzt, welches Bild die Spanier von ihren Gaststudenten haben, verlasse ich die Infoveranstaltung und besuche erstmals meine Fakultät.

"Woher kommt denn der ganze Rauch?", fragt Marine aus Straßburg, als wir das Gebäude betreten. Es dauert nicht lange, und wir wissen Bescheid: Spanier haben kaum Vorurteile gegenüber Erasmus-Studenten - sie kennen ja ihre eigenen Studenten. In der Fakultät der Geisteswissenschaften wird nicht nur wild philosophiert, die spanischen Studenten rauchen, kiffen und trinken auch gern auf dem Institutsflur.

An die Geisteswissenschaften glaubt keiner mehr

"Ja, ja, die Fakultät der Geisteswissenschaften. Die haben wir längst aufgegeben", erklärt einige Tage später Beatriz, unsere Spanischlehrerin. Sie wird uns in den kommenden Monaten neben Subjuntivo und indirekter Rede auch einige spanische Lebensweisheiten mitgeben, das zeichnet sich schon bald deutlich ab.

Die einzige Litauerin des Kurses schließt unsere Lehrerin sofort ins Herz. "Ich war zwar noch nie in Litauen, aber irgendwie habe ich mich in das Land verliebt", erklärt Beatriz der Klasse. Die Deutschen betrachtet sie dagegen mit Argwohn. Sie kann gar nicht verstehen, warum man nicht am gleichen Ort studieren möchte, in dem man auch geboren ist.

Während die italienischen Erasmus-Studenten bereits alle Geschichten verstehen und mitlachen, schaut Karina aus Ungarn noch ein wenig ratlos. Erst als sie sich vorstellen soll, wird sie richtig wach: "Ich bin Karina und brauche dringend Hilfe bei der Zimmersuche", erklärt sie in flüssigem Spanisch. Ein mitleidiges "Oooh" füllt den Raum - und von allen Seiten bieten sie ihr Hilfe an.

Zwei Stunden Anfahrt zur Uni, aber immerhin ein Fenster

Die Zimmersuche ist in Madrid das allerschwierigste. Manche Erasmus-Studenten behaupten nach zwei Monate Suche, dass schwanger werden trotz Pille in Madrid einfacher ist.

Viele der deutschen Studenten wollten sicher gehen und haben sich bereits von Zuhause aus ein Zimmer gemietet. Ein Fehler, wie sich etwa bei Franziska herausstellt. Zwar lebt sie in Madrid, aber nicht in der Stadt, sondern in der Communidad, dem Großraum Madrid - eine Fläche viermal so groß wie das Saarland. Der Weg zur Uni dauert daher knapp zwei Stunden. Franziskas Ausgehfreudigkeit hat mittlerweile deutlich nachgelassen.

Wenigstens hat sie ein Fenster und Internet, zwei Dinge, die für viele Erasmus-Studenten in und um die spanische Hauptstadt Luxus sind. Karina und Co sind bereit, bis zu 450 Euro zu bezahlen, solange nur ein kleiner Lichtstrahl in ihr vier Quadratmeter großes Zimmer gelangt und die Vermieterin ihnen nicht befiehlt, vor Mitternacht daheim zu sein.

Verflixte Zimmersuche

Mit meiner Vermieterin und Mitbewohnerin habe ich großes Glück gehabt: Alicia, 36, ist echte Spanierin und hilft mir bei meinen Integrationsversuchen. Während mich alle anderen Erasmus-Studenten in der ersten Woche darum beneiden, dass ich mit einer "echten" Spanierin lebe, wünschte ich mir manchmal, dass sie doch öfter mit mir Schwyzerdeutsch sprechen würde. Denn Alicias Eltern haben sie zweisprachig erzogen.

Damals lebte sie in der Schweiz. Und dort hatte es Alicia leider so gut gefallen, dass sie Ende des Monats zurück möchte. Während ich meine ersten Wochen in Madrid erlebe, ist Alicia damit beschäftigt, Kisten zu packen und das Kinderspielzeug von Tochter Lola bei eBay zu versteigern.

Mir blieb nichts anderes übrig, als schon kurz nach meiner Ankunft auf Zimmersuche zu gehen. Hier ist es üblich, dass die Zimmersuchenden immer eine Anzeige aufsetzen. Ich formulierte also einen möglichst fehlerfreien, netten Texten und wartete auf Anrufe.

Balkon mit Grill: Der Winter kann kommen

Bereits zehn Minuten später ging es los. Verzweifelt kramte ich nach meinem U-Bahn-Plan und versuchte eine Station zu finden, die so ähnlich klingt wie das, was ich eben am Telefon gehört hatte.

Nachdem ich weiß, wo ich wohnen könnte, lautet die zweite entscheidende Frage: mit wem? In den ersten zwei Tagen war ich noch wählerisch und weigerte mich, mit Menschen über 60 oder anderen Erasmus-Studenten zusammen zu ziehen. Dann änderten sich meine Prioritäten, und ich sagte letztlich Victoria zu.

Victoria ist Köchin an meiner Uni. Sie ist noch keine 60, aber nicht weit davon entfernt. Auch über den französischen Erasmus-Studenten sehe ich hinweg, da zum Ausgleich auch ein spanischer Student dort wohnen wird.

Der entscheidende Pluspunkt ist jedoch die zentrale Lage und der Zugang zum Balkon. Den hat mein Fünf-Quadratmeter-Zimmer, das 400 Euro kostet. Auch wenn mich ein kaltes Wintersemester in Madrid erwartet, werde ich den Balkon so oft wie möglich benutzen, nehme ich mir fest vor. Und sei es, um ihn stolz in meinen Mails an die Heimat zu erwähnen.

Oder ich verwende den Grill, der auf dem Balkon steht - zum Beispiel, um meine neu erhaltenen Broschüren mit Ratschlägen zur Pille danach in Flammen aufgehen zu sehen.

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