von Jan Friedmann
Die Universität profitiert vom Sonderstatus des Berglands. Seit 1972 ist Südtirol Autonome Provinz innerhalb Italiens, die Provinzregierung finanziert den Großteil des Uni-Budgets. Die Region ist reich: 90 Prozent der Steuereinnahmen verbleiben in der Region, und die Wirtschaft floriert, der Tourismus sowieso, dazu kommen Logistikunternehmen, Weinanbau, Feinmechanikbetriebe.
Bis vor einigen Jahren mussten die Landeskinder ihre Heimat verlassen, in Richtung Innsbruck, Verona oder Bologna, um zu studieren. Viele kehrten nicht mehr zurück.
Daher fasste die allmächtige Südtiroler Volkspartei (SVP, in etwa vergleichbar mit der bayerischen CSU) den Entschluss: Eine Uni muss her. Die Idee war heikel, traf sie doch auf ein Gemenge aus Empfindlichkeiten. In Südtirol stehen sich Deutsch- und Italienischsprachige seit Jahrzehnten mit Misstrauen gegenüber. Das hat historische Gründe: Der Landstrich wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich abgetrennt und Italien zugeschlagen. Die italienischen Faschisten unter Benito Mussolini drängten deutsches Brauchtum zurück. 1939 schickte ein "Umsiedlungsabkommen" zwischen Mussolini und Adolf Hitler die "Deitschn" heim ins Reich.
Von der "Apartheid-Festung" zum Studienparadies
Doch viele kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg zurück, nun waren es die zahlenmäßig schwächeren Italiener, die sich übervorteilt und ausgegrenzt fühlten. Die deutschsprachige Mehrheit betrieb eine Politik der Distanzierung von Rom und setzte teilweise absurde Proporz- und Sprachregeln durch. Noch 1988 überschrieb der SPIEGEL eine Reportage aus der Region mit den Worten "Apartheid-Festung Südtirol". Damals stritten die Kontrahenten über Assimilation und Mischehen - Radikale legten sogar Bomben.
Deshalb fürchteten die Italienischsprachigen, die Uni werde deutsch dominiert. Die konservativen Deutschsprachigen, Stammklientel der SVP, unkten dagegen, der Zuzug der Akademiker werde ihr Idyll stören und den "Welschen" aus dem Süden ein Einfallstor bieten.
Geschickt lösten die Uni-Gründer das Sprachdilemma: Sie nahmen mit Englisch ein unverdächtiges Idiom hinzu und erklärten Bozen zur dreisprachigen Hochschule. Wer die Freie Universität absolviert, sollte am Ende idealerweise alle drei Sprachen beherrschen - das Konzept gilt mittlerweile als Markenzeichen; in Zukunft sollen die Lehrveranstaltungen an der ganzen Uni zu gleichen Teilen auf Deutsch, Englisch, Italienisch gehalten werden. An manchen Fachbereichen ist der Plan schon in weiten Teilen umgesetzt; bei den Ökonomen etwa lernen 700 Studenten aus über 20 Nationen den Stoff im Sprachenmix.
Der Englischanteil sei wichtig, um den Anschluss an die internationalen Spitzenanstalten zu halten, sagt Wirtschaftsdekan Oswin Maurer - in mehreren Rankings hat seine Fakultät schon sehr gut abgeschnitten. Bozen wolle sich vor allem einen Namen mit einem Top-Erststudium machen, dann hätten die Absolventen das Rüstzeug, anderswo einen Master draufzusatteln. Maurer zählt stolz auf, wo seine Studenten - "ich kenne jeden mit Namen" - weiterstudierten: Harvard, Lausanne, Paris.
"Mir war vor allem die Qualität der Uni wichtig", erzählt Konstantin Graf von Blumenthal, 27, aus Garmisch-Partenkirchen. Er kam vor fünf Jahren nach Bozen und will nun an seinen BWL-Abschluss noch einen Master-Studiengang in Unternehmensführung anhängen. In Deutschland habe er sich die private Universität Witten/Herdecke angesehen. Die sei zwar auch hervorragend, so Blumenthal. "Doch das ganze Umfeld war so trist."
"Wir sind hier alles andere als provinziell"
Was man von Bozen wirklich nicht sagen kann. Und die akademische Reputation wächst, trotz der Widrigkeiten. Für Bodenhaftung sorgt etwa die berüchtigte italienische Bildungsbürokratie, von der sich auch eine Freie Universität nicht ganz freimachen kann. Beispielsweise dürfen Studenten dort die Prüfungen beliebig oft wiederholen, wenn sie mit der Note nicht einverstanden sind.
Das Fächerspektrum einer Volluniversität kann Bozen nicht bieten, vorerst will man sich auf die eigene Nische konzentrieren. Für eine konsequente Dreisprachigkeit reichen derzeit die Lehrkräfte mit der Muttersprache Englisch nicht aus.
Der Bozener Rektor, der deutsche Sozialwissenschaftler Walter Lorenz, setzt auf die Strahlkraft seiner Hochschule im Ausland: "Wir verstehen uns als Vorreiter der Europäisierung und der Internationalisierung. Das schätzen gerade internationale Studenten." Die Phase der Sprach-Grabenkämpfe sei überwunden, Südtirol blicke nun nach vorn: "Wir sind hier alles andere als provinziell."
© UniSPIEGEL 6/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH