von Christian Siepmann
Spät ist die Stunde, fensterlos der Hörsaal N1189 der TU München, kaltgrün das Licht. Trotzdem: 250 Zuhörer sitzen da und lauschen. Denn Großes ist angekündigt: "Müssen wir unser Weltbild komplett revidieren?", hatte der Moderator zu Beginn gefragt.
Eine gute Stunde später ist den meisten im Publikum klar: Nein, müssen wir nicht.
Trockenen Stoff hat ihnen der Altorientalist Martin Heide in dieser Stunde unterbreitet, Detail über Detail referiert zu antiken Grabstätten, zu Inschriften und ihren Interpretationen. Am Ende legte Heide dar, dass nach seiner Meinung kein Beleg dagegen spricht, dass Jesus auferstanden sein könnte. "So weit die Wissenschaft", sagt Heide. "Alles, was danach kommt, ist Glaube."
Denn um Glaube geht es hier. Vor allem um das Ziel, ihn zu verbreiten. Das Referat ist Teil einer vierteiligen Vortragsreihe zum Semesterstart mit dem Titel "Die Bibel - Mythos oder Wahrheit?" Veranstalter ist ein Zusammenschluss christlicher Hochschulgruppen. Ihr Ziel: Die Kommilitonen zu missionieren. Sie dürfen ihren Glauben verbreiten, ausgerechnet an jenem Ort, der sich der Wissenschaft verschrieben hat, deren oberstes Gebot die Falsifizierbarkeit ist. Gott ist nicht falsifizierbar.
"Genauso wie begeisterte Fußballfans machen wir es auch"
Versuche religiöser Beeinflussung ereignen sich an fast jeder deutschen Hochschule, die Veranstaltungen heißen "Lebstoff", "Größer als Du denkst" oder einfach "Hochschultage". Organisiert werden sie fast immer von Studentengruppen, die sich als christlich bezeichnen, aber keiner der beiden großen Kirchen angehören. Meist stehen sie evangelikalen Freikirchen nahe.
En passant verwickeln die Christen ihre Kommilitonen in Gespräche über Jesus, die Bibel und den eigenen Glauben. In den Wochen vor Weihnachten waren die Aktivisten zuletzt besonders aktiv: Da kann es passieren, dass die Missionare Hungrige auf dem Weg zur Mensa mit einem Info-Stand überraschen, von dem aus sie die Vergesslichen an den christlichen Hintergrund des Fests erinnern und das Neue Testament verschenken. So geschehen in der Mensa Arcisstraße nahe der TU München.
Organisiert hatte das Bekehrungsevent die "Studentenmission in Deutschland" (SMD), die größte Studentenorganisation im Verbund der Evangelikalen. Die SMD hat nach eigenen Angaben Ortsgruppen in rund 70 deutschen Uni-Städten. Dort wird geredet, gesungen, gebetet und die Bibel gelesen; die Statuten verpflichten aber auch, wie der Name schon nahelegt, zur Mission - der Gruppe neue Schäfchen zuzutreiben.
Dieses Ziel gehen die christlichen Jungakademiker etwas geschickter an als naive Broschüren-Verteiler an der Haustür. Wer mit ihnen diskutiert, bekommt Argumente wie Toleranz und Meinungsfreiheit zu hören. "Genauso wie begeisterte Fußballfans davon erzählen, dass ihr Club der beste ist, genauso machen wir das auch", sagt Joachim Eichhorn, der die 15 bayerischen SMD-Gruppen betreut. Er fände es sogar "egoistisch, das nicht zu tun".
Bauen am Netzwerk der Erweckung und Bekehrung
Wieso egoistisch? Andreas Hähle, kariertes Hemd, lange Haare, ist Leiter der rund 15 Seelen starken SMD-Gruppe München, er führt das Argument weiter: "Wenn Leute auf Sinnsuche sind, stehe ich gern Rede und Antwort", sagt der 21-jährige Student der Chemie und Biochemie.
Die Strategie: den Glaubensfunken zunächst bei Freunden und Bekannten zünden. Da sind die Jungchristen ganz zeitgemäß, sie wollen ein soziales Netzwerk bauen. Anders als bei Internet-Plattformen wie Facebook und StudiVZ geht es dabei aber nicht ums Anbandeln und Tratschen, sondern um Bekehrung und das ewige Leben.
"Bewegungen bauen, dass jeder Student jemanden kennt, der für Jesus brennt", ist der Slogan von "Campus für Christus" (CfC). Die Organisation kam als Ableger eines US-Missionswerks nach Deutschland und hat heute 21 Ortsgruppen. Zum Münchner Verbund gehören Mike Morgan, 26, und Frank Bernhardt, 27. Bernhardt studiert Physik, Morgan besuchte vor seinem Mathe-Studium zwei Jahre lang eine Bibelschule.
Es tue ihm weh, Menschen zu erleben, die Gott nicht kennen, denn die würden etwas verpassen, sagt Morgan. Die Sätze, mit denen er Bekehrung beschreibt, klingen für den rationalen Geist des Wissenschaftlers nach der Wegbeschreibung zur selbstverschuldeten Unmündigkeit: "Wer sich bekehrt, sagt sich: Ich sehe, dass ich schlecht war. Ich sehe, ich brauche Vergebung. Ich sehe, es gibt Vergebung. Ich nehme sie an, ich nehme Jesus als meinen Herrn und Retter an. Ich kehre also um, denn ich will nicht mehr allein Quelle meiner Entscheidungen sein."
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