von Christian Siepmann
Jeden Dienstagabend trifft sich die zehnköpfige CfC-Gruppe im dritten Stock eines Wohnheims in der Münchner Studentenstadt. Wenn alle im Stuhlkreis mit den Füßen wippen und "Blessed Be Your Name" singen, hält es Morgan nicht mehr auf seinem Sitz. Er richtet sich auf, schließt die Augen, reckt den Kopf in Richtung Zimmerdecke. So wird er bis zum Ende der Gesangsrunde verharren. Seine Frau Miriam, 23, tut es ihm gleich, später auch Frank Bernhardt und dessen Frau Mascha, 24.
Zuvor hatte Miriam den Stand der Planungen für "Erfolgreich Studieren" präsentiert, ein Seminar über Lernen und Selbstorganisation, das die Gruppe für Studienanfänger anbietet. Dabei gehe es nicht um Bekehrung, behaupten die CfC-Anhänger. "Wir lieben, damit die Leute die Liebe Gottes erkennen. Wir sind seine Werkzeuge", sagt Mike Morgan. Dass die Erstsemester neben Studientipps auch den CfC und seine Weltsicht in guter Erinnerung behalten, ist natürlich nicht unerwünscht.
Der Weg der jungen Missionare muss beschwerlich sein, denn manche ihrer Positionen lassen sich ihren Kommilitonen kaum vermitteln. Johannes L. zum Beispiel, Mitglied der von Amerikanern in Deutschland gegründeten Gruppe "Studenten für Christus" (SfC), mag zwar seinen Nachnamen nicht nennen, will aber seine Ansicht bekräftigen, dass er die moderne Popkultur für verrucht hält.
Abweisung erdulden die Missionare
Neulich reiste der 21-jährige Maschinenbaustudent mit einer Gruppe Gleichgesinnter zu einem Madonna-Konzert nach Rom, wo sie Flugblätter und Bücher verteilten. "Madonna ist mit ihren Liedtexten und ihrem Lebenswandel ein Symbol für Promiskuität und kurzsichtiges Partyleben", sagt L. "Wir sind auf das Konzert gefahren, weil dort viele Menschen anzutreffen sind, die ein entsprechendes Leben führen."
Dass die von der religiösen Schelte meist nichts hören wollen, erdulden die Missionare. Abweisung sind sie gewohnt, und dass sie Spott ertragen müssten, sei ja schon in der Bibel vorhergesagt.
Von solch gütiger Nachsicht haben sich die Bekehrer von "J-House-Café" - das "J" steht natürlich für Jesus - längst losgesagt. Vorehelicher Sex und Selbstbefriedigung halten diese Gotteskrieger für falsch, Homosexualität für eine Fehlfunktion.
Zum Kreuzzug der "J-House-Café"-Eiferer gehört es, Studenten mit einem Plakat gegen Abtreibung zu konfrontieren, wie vor zwei Jahren in der Münchner Mensa: Es zeigte ein Baby am Galgen, dazu den Schriftzug "Meine Mutter macht Karriere." Mit Journalisten mag "J-House-Café" nicht sprechen.
Gemäßigte Christen zerpflücken das Weltbild der Eiferer. "Es gibt für sie nur Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß", sagt Dominik Terstriep, Studentenpfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde. Die studentischen Missionare betrieben schwulen- und lesbenfeindliche Propaganda, heißt es bei der ökumenischen Initiative "Homosexuelle und Kirche". Handelt es sich bei Radikalen wie "J-House-Café" vielleicht, ähnlich wie bei muslimischen Gotteskriegern, die an die 72 Jungfrauen im Paradies glauben, um pure Schlichtheit im Geiste? Harmlos ist die Verblendung jedenfalls nicht.
Hochschulgemeinden mit Eiferern verbandelt
Rudi Forstmeier, der für die evangelische Kirche neue religiöse Bewegungen in München beobachtet, hält die Weltsicht der Missionare für problematisch. Wie Terstriep kennt auch er Studenten, die sich in der Gedankenwelt verfangen und dabei seelischen Schaden genommen haben.
Hermann Probst, Pfarrer der Evangelischen Hochschulgemeinde an der TU München, wiegelt ab: "Naturgemäß gibt es in jeder Gruppe Menschen, die psychisch labil sind und die Gruppe als Stütze ansehen. Da kann man nicht der Gruppe den Vorwurf machen, dass sie als solche seelischen Schaden anrichtet." Seine Hochschulgemeinde ist mit den Missionaren aus der Mensa verbandelt, in einer Arbeitsgruppe, die auch die "Mythos oder Wahrheit?"-Vorträge organisiert. Probst stellt "Campus für Christus" und "Studenten für Christus" Räume der Gemeinde zur Verfügung.
Der Pfarrer kooperiert mit den Missionaren, er ist es, der ihnen erst den Weg zur organisierten Bekehrung ihrer Kommilitonen ebnet. Denn weltanschauliche Gruppen dürfen in Uni und Mensa nur auftreten, wenn eine hochschulnahe Institution daran beteiligt ist - sonst dürften auch muslimische Hassprediger im Hörsaal Nachwuchs rekrutieren.
Probst bedient sich seinerseits der Evangelikalen: Bei gemeinsamen Aktionen werde man besser gehört, sagt er. Er teilt die Positionen der Radikalen, Schwulenfeindlichkeit und das Verdammen von Schwangerschaftsabbrüchen, zwar nicht, doch seine Distanzierung klingt eher zögerlich: "Dass einzelne Gruppen in ihren Werbemaßnahmen oder Vorträgen Dinge vertreten, die wir so pointiert nicht vertreten, ist klar", sagt Probst. Deutliche Worte seien gefallen nach dem Plakat mit dem Baby am Galgen in der Mensa. Reichen deutliche Worte?
Florian Miller von der Studentenvertretung der TU München sieht die Aktivitäten gelassen: "Prinzipiell sind wir für Religionsfreiheit. Jeder kann sich schließlich anhören, was er will."
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