von Manfred Dworschak
Das hat früh den Argwohn geschürt, hier könnten Unternehmen ihren Forschungsbedarf einfach an die Uni auslagern - und das auch noch für wenig Geld. Früher verpflichtete sich ein Stifter in der Regel nur auf fünf Jahre, und danach musste oft doch wieder der Steuerzahler den Lehrstuhl übernehmen. Heute nehme die Uni Stiftungsprofessuren möglichst nur noch für zehn Jahre an, versichert der Präsident. Die Unabhängigkeit der Forscher stehe dabei außer Zweifel; die Universität hat kürzlich eine Richtlinie verabschiedet, die das garantieren soll.
Allerdings zeigt gerade die Geschichte des House of Finance, dass auf die Charakterstärke der Uni nicht unbedingt Verlass ist. Rund 30 Millionen Euro an Steuergeldern kostete der Bau; für die Innenausstattung aber hoffte die Universität die ansässige Finanzwelt zu gewinnen - schließlich werden hier die Kapitaljongleure von morgen herangebildet.
Allein es lief nicht nach Plan, der Zufluss genügte nicht, um die Einrichtung zu bezahlen, nicht einmal die halbe. Am Ende kam etwa ein Viertel zusammen, eine Million Euro, vielleicht anderthalb. Gleichwohl sind im fertigen Premiumbauwerk nun sechs Hörsäle nach edlen Spendern benannt: Es gibt einen "Deutsche Bank"-Hörsaal, einen "Commerzbank"- und einen "DZ Bank"-Hörsaal.
Eine Milliarde Euro für den Umbau
Dürfen sich also nun die Banken als die großen Patrone aufspielen, obwohl sie gerade mal jeden vierten Stuhl bezahlt haben? Hat die Uni da nicht schon bei erster Gelegenheit ihren Stolz verschleudert?
Die Studenten sehen das anders. "Mich stört das nicht, wenn die Namensgeber dafür bezahlt haben", sagt David Große, viertes Semester. "Das ist doch leichter zu merken als Hörsaal 2", fügt Markus Rückert hinzu. Ein "Hörsaal des Steuerzahlers" würde sich ebenso gut einprägen, aber das fänden sie doch zu ulkig. "Wo wäre denn da auch der Mehrwert?", fragt Alessandro Cocco, viertes Semester. Gemeint ist wohl: Der Ungenannte zahlt ja ohnehin.
Und er zahlt sehr viel. Der Umbau der Universität kostet das Land Hessen gut eine Milliarde Euro. Das Geld fließt nicht nur in den Campus Westend, sondern auch ins Neubauviertel Riedberg, wo künftig die Naturwissenschaften hausen werden. Auch die Geisteswissenschaften, darauf legt Präsident Steinberg Wert, bekommen ihren Teil: "Wir sind sehr breit aufgestellt."
"Das Risiko war nicht eingepreist"
Das Finanzwesen spielt aber eine tragende Rolle; nirgendwo sonst ist die Ambition so offenkundig wie im House of Finance. Einen "Leuchtturm" wünscht sich Steinberg, der eines Tages den Vergleich mit den besten Adressen der Welt besteht. Bei der Ausbildung der ausgebufftesten Geldprofis konnte Deutschland bislang nicht so recht mithalten. Die herrlichsten Derivate, Credit Default Swaps oder Collateralized Debt Obligations wurden anderswo erfunden. Das soll sich ändern.
Nicht alle Lehrkräfte teilen so ganz die Begeisterung für hochkomplexe Finanzprodukte. "Ich frage mich schon manchmal, ob wir das alles wirklich unterrichten müssen", sagt Heinz Mathes, Studiendekan der Wirtschaftswissenschaften, ein Professor der alten Schule. "Wir füllen ja auch nicht gemeinsam Lottoscheine aus." Sein Kollege Volker Wieland, Professor für Geldtheorie, sieht das anders: "Vielleicht waren die Produkte noch gar nicht komplex genug", sagt er. "Offenbar war ja das Risiko nicht eingepreist."
War es also nur ein Konstruktionsmangel, dass all die raffinierten Geschäfte am Ende vor allem zum trickreichen Verstecken und Hinwegzaubern der Risiken dienten? Und kein Systemfehler? Für die Studenten ist das gar keine Frage. Sie sind überzeugt, dass die Instrumente des Investmentbanking einen rationalen, nützlichen Kern haben. "Das hat mit Zauberei wirklich nicht viel zu tun", sagt David Große. Auch Alessandro Cocco findet wenig Magie in seinem Curriculum: "Wir lernen doch vor allem Risikomanagement."
Ein paar Aktien haben alle laufen
Weil nun das Risiko wieder zurückgekehrt ist wie ein verdrängter Dämon, ist sein Management vorübergehend etwas in Misskredit geraten; das gestehen alle zu. Von Erschütterungen aber blieb der Fachbereich bisher weitgehend frei. Zumindest die Bachelor-Studenten haben andere Sorgen. "Wir diskutieren schon viel", sagt Rainer Emslander, "auch über die eigenen Portfolios."
In der Tat üben sich die fünf Kommilitonen bereits in der kapitalistischen Praxis: Rückert, Große, Emslander, Aschenbrenner, Cocco, alle haben ein paar Aktien laufen. Derzeit freilich, das verlangt die Lage, gehen sie etwas vorsichtiger zu Werke.
Andererseits lockt auch schon wieder die Gelegenheit. "Bekannte fragen uns oft, ob nicht gerade jetzt, wo die Kurse unten sind, der beste Zeitpunkt zum Einsteigen sei", sagt Markus Rückert. Und da ist, so sehen das alle, bestimmt was dran.
Ann Sofie Aschenbrenner will "den Markt noch etwas beobachten". Aber Rainer Emslander und David Große haben sich gerade mit ein paar ausgesuchten Aktien eingedeckt. Wenn der nächste Boom kommt, kann es nicht schaden, davon zu profitieren.
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