Im Hintergrund schwanken saphirblaue Eisberge in den Wellen. Möwen schreien und streiten um die Überreste eines frisch ausgenommenen Fisches. Da dreht sich der unscheinbare Asiate im knallbunten Regencape zu mir um: "Can i buy the penis of a polar bear in town? Is very good for sex." Was klingt wie aus einem wirren Traum, wollte ich zu Anfang selbst nicht recht glauben. Aber als Touristenguide auf Grönland gewöhnt man sich an fast alles.
Das Angebot für den Job erhielt ich während eines Erasmus-Aufenthalts in Island. Mit einem Anthropologiedozenten aus Reykjavik machte ich mich damals auf, um nur zwei Flugstunden von Island entfernt in Kulusuk eine einmalige Kultur kennenzulernen.
Die Einzigartigkeit Grönlands verdankt diese riesige Insel vor allem ihrer extremen Lage und Witterung. Bis vor 120 Jahren lebten hier nur die Ureinwohner, die Inuit, auf der teilweise mit über drei Kilometer dickem Eis bedeckten Insel. Diese Besonderheit macht Grönland für Forscher und Touristen gleichermaßen reizvoll.
Die meisten Touristen jedoch unternehmen hierher lediglich Tagesausflüge von Reykjavik oder benutzen das Dorf als Durchgangsstation, so dass das Alltagsleben in Kulusuk auch heute noch sehr ursprünglich ist. Wie damals ist die Jagd von Hundeschlitten und kleinen Booten aus die wichtigste Arbeit der rund 300 Einwohner.
Erst vor ein paar Jahrzehnten wurden die Stein- und Torfhütten durch aus Dänemark importierte Holzhäuser ersetzt. Das Klo ist weiterhin ein Eimer, der Wasserhahn ein Kanister. Die wichtigsten Arbeitsgeräte sind Messer und Gewehre - und die sind im einzigen örtlichen Geschäft ab einem Alter von zwölf Jahren zu kaufen.
Chinesen haben viel Spaß, Deutsche die perfekte Ausrüstung
An einem typischen Tag als Fremdenführer begann die Tagestour der Touristen um zehn Uhr morgens in Reykjavik. Knapp zwei Stunden später empfing ich meinen isländischen Kollegen, der mich und die Touristen begleitete. Etwa eine Stunde dauerte der Fußmarsch vom Flughafen ins Dorf, mit mehreren Stopps. Oft genug kam es vor, dass vor allem ältere Touristen die Wanderung nicht schafften und mit dem Quad, einem vierrädrigen Geländefahrzeug, gefahren werden mussten.
Die Mentalitätsunterschiede verschiedener Nationalitäten zu beobachten, war für mich mit das Spannendste an der Arbeit. Viele Chinesen etwa hatten noch nie zuvor Schnee gesehen. Zwar freuten sie sich meist unheimlich über den ersten Kontakt, der Marsch über ein kleines Schneefeld konnte aber zum Problem werden. Die Deutschen dagegen waren meist extrem gut vorbereitet, sowohl beim Vorwissen als auch bei der Ausrüstung.
Mit der größten Plage des grönländischen Sommers allerdings, den Moskitos, die in den zahllosen Schmelzwassertümpeln brüten, hatte kaum jemand gerechnet. Ich hätte ein Vermögen machen können, hätte ich am Flughafen Moskitonetze verkauft. Oft sollte ich auch mit aufgesetztem Moskitonetz für Fotos posieren.
Trommeltanz bei der Touristentour
Im Dorf ist das Highlight jeder Tour der traditionelle Trommeltanz. Zwei Geschwister, Nachfahren des letzten Schamanen, führen die uralte Tradition fort und lehren sie an der Schule.
Ursprünglich hatte das Schlagen der aus Treibholz und Eisbärmagen gebauten Trommel drei Funktionen: Es diente magischen Ritualen, ein Zweck, der mit dem Verbot durch die Missionare fast verschwunden wäre. Zweitens wurden früher Streits mit einem Tanzduell beigelegt, zu dem die Trommel geschlagen wurde. Daran erinnert heute noch die Trommel, die in grönländischen Gerichtssälen hängt. Die dritte Funktion gibt es heute noch: Die Schläge unterhalten das Publikum, während alte überlieferte Geschichten erzählt werden.
Nach der Vorführung eines traditionellen Kajaks aus Seehundfellen konnten alle, die über einen starken Magen verfügen, im Untergeschoss des Gemeinschaftshauses Seehundfellen, Walfischtran oder auch schon mal einem Eisbärenfell beim Trocknen zusehen.
Wenn gar nichts mehr geht, müssen die Hunde ran
Zurück zum Flughafen ging es meist zwischen gigantischen Eisbergen entlang kleiner Kanäle im Packeis. Dabei sehen die kleinen Nussschalen der einheimischen Jäger oft so zerbrechlich aus wie Spielzeugboote. Erst wenn auf dem Wasser nichts mehr voran geht, steigen die Grönländer auf ihre Hundeschlitten um.
Am frühen Nachmittag, wenn das Flugzeug mit den Touristen wieder Richtung Island startete, begann im Dorf die eigentliche Arbeit. Die Jäger fuhren hinaus, und für mich ging es daran, Expeditionen zu betreuen, also den Teilnehmern eine Überfahrt zu organisieren oder ein Gewehr zu vermieten. Meist war es aber körperliche Schwerstarbeit beim Verladen von Expeditionsmaterial. Bei 24 Stunden Tageslicht blieb danach trotzdem noch Zeit für meine eigenen Touren.
Körperlich und auch psychisch waren es extrem anstrengende Monate, auch der weit verbreitete Alkoholismus war manchmal schwer zu ertragen. Aber die Erfahrung, so tief in ein so fremdes Leben einzutauchen, machte alles wett. Ich hatte oft das Gefühl, von den einheimischen Inuit mehr über die Natur zu lernen als während meines gesamten Studiums.
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